Eiliger Vater

Kehrseite II Wir sind ausgerissen. Es war die Idee meiner Mutter. Sie hat mich damit überrumpelt. Aber auch sie behauptet, dass sie gar nicht weglaufen wollte. Es ...

Wir sind ausgerissen. Es war die Idee meiner Mutter. Sie hat mich damit überrumpelt. Aber auch sie behauptet, dass sie gar nicht weglaufen wollte. Es ist alles ganz schön verworren. Unsere Familie ist nämlich eine ganz besondere, denn ich habe den eiligsten Vater der Welt. Wenn ich ihn mir einmal genau ansehen will, nehme ich mir ein Foto.

Schon am frühen Morgen wirbelt er wie ein Papierknäuel durch die Wohnung. Er rennt durchs Bad, küsst die Zahnbürste statt mich und fragt verwundert: "Wächst dir schon ein Bart?" Immer, wenn ich ihm erklären will, dass ich ein Mädchen bin, ist er schon wieder fort. Niemals hört er mir zu. Er kann auch nicht still sitzen. Stets frühstückt er im Laufen um den Frühstückstisch. Die Toastscheiben wippen auf und nieder, wenn er an uns vorbeiflitzt. Sein Frühstücksei isst er im Hinausgehen mit Schale. Er merkt es nicht, denn sein Mund ist vom heißen Kaffee ganz betäubt. In Gedanken ist er längst bei seiner Arbeit, er verabschiedet sich jeden Morgen mit den Worten: "Entschuldigen Sie mich bitte, meine Herren." Mutter und ich haben es aufgegeben, zu erklären, dass wir keine Männer sind.

Danach sehen wir Vater den ganzen Tag nicht. Irgendwann, wenn Mutter und ich bereits Abendbrot gegessen haben, kehrt er heim. Er setzt sich mit seiner Aktentasche auf die Couch und stöhnt: "Feierabend", trinkt noch einen Schluck aus der Blumenvase und bittet Mutter, endlich einmal ein besseres Bier zu kaufen. Anschließend schläft er entweder in der Badewanne oder im Bett ein.

So geht es seit langer Zeit. Mich stört Vater nicht, denn ich kenne ihn nur flüchtig. Manchmal fragt er, was es in der Schule gibt. Je nach Laune sage ich die Wahrheit, oder ich erzähle ihm Blödsinn. Einmal habe ich erzählt, ich hätte meine Lehrerin verhauen. Vater sagte: "Mach weiter so, mein Sohn." Er merkt wohl nie, dass ich ein Mädchen bin?

Wir haben Vater keinen Zettel geschrieben. Wir sind einfach ausgerissen. Er fand uns erst nach zwei Wochen. Nun sitzt er vor uns. Es ist ganz windstill im Zimmer, weil er sich nicht bewegt. Er schaut uns an, als hätten wir uns noch nie gesehen. Auch ich bin ganz still. Wenn er jetzt nicht merkt, dass ich seine Tochter bin, begreift er es wohl nie.

Ditte Clemens, 1952 auf der Insel Rügen geboren, unterrichtete 16 Jahre lang Mathematik an der Hochschule Güstrow. Seit 1993 ist sie freischaffend als Schriftstellerin und Journalistin tätig.


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00:00 03.11.2006

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