Ein anderes Bild

Lohnarbeit Deutschland geht es so gut wie lange nicht, sagt die Kanzlerin. Neue Studien zeigen: Der Graben zwischen Statistik und Alltagserfahrungen wächst

Deutschland, so verabschiedete sich Angela Merkel vor ein paar Tagen in die Sommerpause, gehe es „so gut wie lange nicht“. Die Wirtschaft wächst. Die offizielle Erwerbslosenzahl liegt mit 2,9 Millionen auf dem Stand von 1992. Eben erst meldete die Nürnberger Behörde, dass sich die Lage „weiter verbessert“. Die Unternehmen zeigen sich auch optimistisch, die Betriebe seien „weiter im Aufschwung. Immer mehr Menschen bekommen eine Perspektive am Arbeitsmarkt“. Und die Beschäftigten, meldet sich nun Ex-Kanzler Gerhard Schröder zu Wort, hätten ja auch „eine historische Erfahrung: Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch ihnen gut“.

Über die Realität hinter den Erfolgsmeldungen kann man fast jeden Tag in der Zeitung nachlesen. Zum Beispiel, dass der Rückgang bei den Arbeitslosenzahlen zu einem überwiegenden Teil aus dem Zuwachs „atypischer Beschäftigung“ resultiert, also aus der Zunahme von befristeten, geringfügig entlohnten Jobs, aus Teilzeit- und Leiharbeit. Oder dass trotz guter Konjunktur gerade Geringverdiener immer weniger Geld in der Tasche haben. Die Arbeitgeber sprechen dann gern von „populären Zerrbildern“ und warnen: „Flexible Beschäftigung darf nicht als atypisch oder prekär diffamiert werden.“

Der Graben zwischen der politischen Statistik und den Alltagserfahrungen einer Mehrheit ist das Ergebnis der Dominanz bestimmter Kennziffern: zum Beispiel der Nürnberger Zahlen. Über die Wirklichkeit des Erwerbslebens sagen sie nicht viel aus, und doch wird eben diese Wirklichkeit unter Hinweis auf die Arbeitslosenzahl gestaltet, verändert. Deregulierung und Sozialreformen galten ihren Verfechtern immer auch als Beitrag zur Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt – prekäre Jobs, Lohndruck und die Schwäche der Gewerkschaften als Folgen verschlechterten indes die Arbeit selbst: ihre Bedingungen, ihre Bezahlung.

Ein genaueres Bild

Vor ein paar Tagen machten Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung darauf aufmerksam, dass Geringverdiener seit 2000 drastische Reallohneinbußen hinnehmen mussten – die Bezüge sanken um bis zu 22 Prozent. Jetzt haben Karl Brenke und Gert G. Wagner noch einmal nachgerechnet und sind zu keinem besseren Ergebnis gekommen. Im Gegenteil: „Weil sich aber die Dauer der Arbeitszeiten verändert hat, spiegeln die Monatslöhne die Realität etwas unscharf wider. Nimmt man stattdessen die Netto-Stundenlöhne, zeigt sich ein genaueres Bild: Auch Arbeitnehmer mit mittleren und überdurchschnittlichen Einkommen haben bei Berücksichtigung der Preissteigerungen Lohneinbußen hinnehmen müssen. Bei den Geringverdienern setzte diese Entwicklung schon ab dem Jahr 2000 ein, bei den übrigen Arbeitnehmern einige Jahre später.“

Geld ist das eine. Die Zufriedenheit mit der Arbeit und die Beeinträchtigungen der Gesundheit von Beschäftigten gelten bislang noch allzu oft als weiche und damit nicht ganz so wichtige Faktoren. Das ist einerseits auch aus dem Blickwinkel derer verständlich, die aus Lohnarbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Andererseits zeigt sich inzwischen immer öfter auch in betrieblichen Auseinandersetzungen, dass es nicht allein um Lohn geht – sondern um die Arbeit selbst.

Wie sehr sich Intensivierung, Verdichtung und Stress inzwischen bemerkbar machen, zeigt unter anderem der Gute-Arbeit-Index des Gewerkschaftsbundes. Dieser Tage führt die Bonner Universität die Befragung für die diesjährige Ausgabe durch – und es steht nicht zu erwarten, dass sich die Lage gegenüber dem Vorjahr deutlich verbessert hat. Seinerzeit bewerteten die befragten Beschäftigten zwar den Sinngehalt ihrer Arbeit, die Kollegialität und die emotionalen Anforderungen im Job als relativ gut ein. Beim Einkommen, der Stellensicherheit und Arbeitsintensität wurden aber eher mittelmäßige Noten verteilt.

Deutliche Zunahme

Einer aktuellen Studie aus dem Robert-Koch-Institut zufolge nimmt zwar eine überwiegende Mehrheit der Erwerbstätigen in Deutschland keine ausgeprägten Gesundheitsrisiken an ihren Arbeitsplätzen wahr. „Ein nicht unerheblicher Anteil von Beschäftigten“ sieht die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird, jedoch als gesundheitlich „stark oder sehr stark“ belastend an. Am deutlichsten macht sich hier der Zeit- und Leistungsdruck bemerkbar: 36 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer gaben an, dass sie im Job häufig unter Zeitnot und Leistungszwang leiden. Und: Der Stress nimmt offenbar zu. „In den letzten Jahrzehnten hat der Anteil von Beschäftigten, die sich durch psychosozialen Druck bei der Arbeit belastet fühlen, deutlich zugenommen“, schreiben die Autoren Lars Eric Kroll, Stephan Müters und Nico Dragano. Auch körperliche Belastungen, Lärm und Hitze setzen vielen zu, Arbeiter sind dabei doppelt so stark betroffen wie Angestellte.

Ein Zusammenhang zur in Deutschland vergleichsweise miesen Arbeitszufriedenheit liegt nahe. Die hat jetzt das Institut Arbeit und Qualifikation untersucht und hat einen langfristigen Trend ausgemacht: Seit Mitte der achtziger Jahre nimmt die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten in Deutschland ab. Die Entwicklung verläuft dabei zeitlich parallel zur Durchsetzung als neoliberal kritisierter Paradigmen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im internationalen Vergleich, so die IAQ-Studie, sind die Beschäftigten in der Bundesrepublik besonders unzufrieden.

Systematisch schlecht geredet

Als Gründe nennen die Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen – Yan Bohulskyy, Marcel Erlinghagen, Friedrich Scheller – die zunehmende Arbeitsbelastung, Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, geringe Lohnsteigerungen und wachsende Unsicherheit. Zwar halten die Forscher auch einen Zusammenhang mit der in Deutschland eher mittelmäßigen allgemeinen Lebenszufriedenheit für denkbar. Vor allem aber sieht das IAQ in den Zahlen einen „Anlass zur Sorge“.

Die abnehmende Arbeitszufriedenheit, heißt es in dem Bericht, könne „ein Ergebnis der Standortdebatte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte“ sein, „in denen der Wirtschaftsstandort Deutschland nach innen systematisch schlecht geredet worden ist. Kurzfristig mag das Kalkül aufgegangen sein, durch die Drohungen mit Standortverlagerungen eine Intensivierung der Arbeit und niedrige Löhne durchzusetzen.“ Langfristig allerdings, so die Autoren, könnte der Druck auf die Beschäftigten auch für die Unternehmen „fatal sein“. Immerhin: Die „längst überfällige Debatte um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben“ fordert nicht mehr nur das IAQ.

14:15 02.08.2011

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