Tom Strohschneider
02.08.2011 | 14:15 14

Ein anderes Bild

Lohnarbeit Deutschland geht es so gut wie lange nicht, sagt die Kanzlerin. Neue Studien zeigen: Der Graben zwischen Statistik und Alltagserfahrungen wächst

Deutschland, so verabschiedete sich Angela Merkel vor ein paar Tagen in die Sommerpause, gehe es „so gut wie lange nicht“. Die Wirtschaft wächst. Die offizielle Erwerbslosenzahl liegt mit 2,9 Millionen auf dem Stand von 1992. Eben erst meldete die Nürnberger Behörde, dass sich die Lage „weiter verbessert“. Die Unternehmen zeigen sich auch optimistisch, die Betriebe seien „weiter im Aufschwung. Immer mehr Menschen bekommen eine Perspektive am Arbeitsmarkt“. Und die Beschäftigten, meldet sich nun Ex-Kanzler Gerhard Schröder zu Wort, hätten ja auch „eine historische Erfahrung: Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch ihnen gut“.

Über die Realität hinter den Erfolgsmeldungen kann man fast jeden Tag in der Zeitung nachlesen. Zum Beispiel, dass der Rückgang bei den Arbeitslosenzahlen zu einem überwiegenden Teil aus dem Zuwachs „atypischer Beschäftigung“ resultiert, also aus der Zunahme von befristeten, geringfügig entlohnten Jobs, aus Teilzeit- und Leiharbeit. Oder dass trotz guter Konjunktur gerade Geringverdiener immer weniger Geld in der Tasche haben. Die Arbeitgeber sprechen dann gern von „populären Zerrbildern“ und warnen: „Flexible Beschäftigung darf nicht als atypisch oder prekär diffamiert werden.“

Der Graben zwischen der politischen Statistik und den Alltagserfahrungen einer Mehrheit ist das Ergebnis der Dominanz bestimmter Kennziffern: zum Beispiel der Nürnberger Zahlen. Über die Wirklichkeit des Erwerbslebens sagen sie nicht viel aus, und doch wird eben diese Wirklichkeit unter Hinweis auf die Arbeitslosenzahl gestaltet, verändert. Deregulierung und Sozialreformen galten ihren Verfechtern immer auch als Beitrag zur Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt – prekäre Jobs, Lohndruck und die Schwäche der Gewerkschaften als Folgen verschlechterten indes die Arbeit selbst: ihre Bedingungen, ihre Bezahlung.

Ein genaueres Bild

Vor ein paar Tagen machten Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung darauf aufmerksam, dass Geringverdiener seit 2000 drastische Reallohneinbußen hinnehmen mussten – die Bezüge sanken um bis zu 22 Prozent. Jetzt haben Karl Brenke und Gert G. Wagner noch einmal nachgerechnet und sind zu keinem besseren Ergebnis gekommen. Im Gegenteil: „Weil sich aber die Dauer der Arbeitszeiten verändert hat, spiegeln die Monatslöhne die Realität etwas unscharf wider. Nimmt man stattdessen die Netto-Stundenlöhne, zeigt sich ein genaueres Bild: Auch Arbeitnehmer mit mittleren und überdurchschnittlichen Einkommen haben bei Berücksichtigung der Preissteigerungen Lohneinbußen hinnehmen müssen. Bei den Geringverdienern setzte diese Entwicklung schon ab dem Jahr 2000 ein, bei den übrigen Arbeitnehmern einige Jahre später.“

Geld ist das eine. Die Zufriedenheit mit der Arbeit und die Beeinträchtigungen der Gesundheit von Beschäftigten gelten bislang noch allzu oft als weiche und damit nicht ganz so wichtige Faktoren. Das ist einerseits auch aus dem Blickwinkel derer verständlich, die aus Lohnarbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Andererseits zeigt sich inzwischen immer öfter auch in betrieblichen Auseinandersetzungen, dass es nicht allein um Lohn geht – sondern um die Arbeit selbst.

Wie sehr sich Intensivierung, Verdichtung und Stress inzwischen bemerkbar machen, zeigt unter anderem der Gute-Arbeit-Index des Gewerkschaftsbundes. Dieser Tage führt die Bonner Universität die Befragung für die diesjährige Ausgabe durch – und es steht nicht zu erwarten, dass sich die Lage gegenüber dem Vorjahr deutlich verbessert hat. Seinerzeit bewerteten die befragten Beschäftigten zwar den Sinngehalt ihrer Arbeit, die Kollegialität und die emotionalen Anforderungen im Job als relativ gut ein. Beim Einkommen, der Stellensicherheit und Arbeitsintensität wurden aber eher mittelmäßige Noten verteilt.

Deutliche Zunahme

Einer aktuellen Studie aus dem Robert-Koch-Institut zufolge nimmt zwar eine überwiegende Mehrheit der Erwerbstätigen in Deutschland keine ausgeprägten Gesundheitsrisiken an ihren Arbeitsplätzen wahr. „Ein nicht unerheblicher Anteil von Beschäftigten“ sieht die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird, jedoch als gesundheitlich „stark oder sehr stark“ belastend an. Am deutlichsten macht sich hier der Zeit- und Leistungsdruck bemerkbar: 36 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer gaben an, dass sie im Job häufig unter Zeitnot und Leistungszwang leiden. Und: Der Stress nimmt offenbar zu. „In den letzten Jahrzehnten hat der Anteil von Beschäftigten, die sich durch psychosozialen Druck bei der Arbeit belastet fühlen, deutlich zugenommen“, schreiben die Autoren Lars Eric Kroll, Stephan Müters und Nico Dragano. Auch körperliche Belastungen, Lärm und Hitze setzen vielen zu, Arbeiter sind dabei doppelt so stark betroffen wie Angestellte.

Ein Zusammenhang zur in Deutschland vergleichsweise miesen Arbeitszufriedenheit liegt nahe. Die hat jetzt das Institut Arbeit und Qualifikation untersucht und hat einen langfristigen Trend ausgemacht: Seit Mitte der achtziger Jahre nimmt die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten in Deutschland ab. Die Entwicklung verläuft dabei zeitlich parallel zur Durchsetzung als neoliberal kritisierter Paradigmen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im internationalen Vergleich, so die IAQ-Studie, sind die Beschäftigten in der Bundesrepublik besonders unzufrieden.

Systematisch schlecht geredet

Als Gründe nennen die Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen – Yan Bohulskyy, Marcel Erlinghagen, Friedrich Scheller – die zunehmende Arbeitsbelastung, Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, geringe Lohnsteigerungen und wachsende Unsicherheit. Zwar halten die Forscher auch einen Zusammenhang mit der in Deutschland eher mittelmäßigen allgemeinen Lebenszufriedenheit für denkbar. Vor allem aber sieht das IAQ in den Zahlen einen „Anlass zur Sorge“.

Die abnehmende Arbeitszufriedenheit, heißt es in dem Bericht, könne „ein Ergebnis der Standortdebatte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte“ sein, „in denen der Wirtschaftsstandort Deutschland nach innen systematisch schlecht geredet worden ist. Kurzfristig mag das Kalkül aufgegangen sein, durch die Drohungen mit Standortverlagerungen eine Intensivierung der Arbeit und niedrige Löhne durchzusetzen.“ Langfristig allerdings, so die Autoren, könnte der Druck auf die Beschäftigten auch für die Unternehmen „fatal sein“. Immerhin: Die „längst überfällige Debatte um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben“ fordert nicht mehr nur das IAQ.

Kommentare (14)

Achtermann 02.08.2011 | 17:20

Dass der deutsche Kapitalismus von den Lohnabhängigen immer mehr verlangt, zeigen auch die beiden Studien aus dem Jahr 2011:

AOK
Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen inklusive Burn-Out sind seit 1999 unter den AOK-Versicherten um nahezu 80 Prozent angestiegen. Der Krankenstand insgesamt stagniere seit 2009 bei 4,8 Prozent unter den insgesamt 10,1 Millionen Mitgliedern der AOK. Auffallend sei auch, so die Studie, dass knapp doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen sind. Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, das für die Studie verantwortlich ist, sagt: ”Knapp 100.000 Menschen mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Fehltagen wurden danach im Jahr 2010 wegen eines Burnouts krankgeschrieben”.

Schröder führt diese Entwicklung einerseits auf den im letzten Jahrzehnt offener praktizierten Umgang mit psychischen Krankheiten zurück. Außerdem seien besonders Menschen betroffen, die im erzieherischen und therapeutischen Bereich arbeiten würden. Der Druck und Stress, der auf Beschäftigte in diesen Bereichen einwirke, bringe das seelische Gleichgewicht durcheinander und mache sie noch anfälliger für weiteren Stress. Das führe dann zum Burn-Out, die Menschen fühlten sich schließlich wie ausgebrannt. Hinzu komme der steigende Stress, der vom familiären Umfeld herrühre. Betroffene seien gleich von zwei Seiten unter Anspannung – Beruf und Familie.

Barmer
Immer mehr Menschen kommen wegen psychischer Störungen ins Krankenhaus. Laut dem am 26. Juli in Berlin vorgestellten BARMER GEK Report Krankenhaus 2011 hat ihre Zahl in den letzten zwanzig Jahren um 129 Prozent zugenommen. Waren 1990 noch rund 3,7 von tausend Versicherten betroffen, so wurden 2010 bereits 8,5 gezählt. Noch schneller stieg die Zahl der Patienten, die speziell wegen Depressionen und anderer affektiver Störungen im Krankenhaus behandelt wurden. Hier beträgt das Plus seit dem Jahr 2000 rund 117 Prozent.

Quellen:
www.gegenkopfschmerzen.de/blog/2011/04/19/massiver-anstieg-von-burn-out-neue-studie-unter-aok-versicherten/

www.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Aktuelle-Pressemitteilungen/110726-Krankenhaus-Report-2011/Digitale-Pressemappe-KH-Report-2011,property=Data.pdf

THX1138 02.08.2011 | 18:48

Sowohl die gesetzlichen Grundlagen als auch die Zählweise der Arbeitsmarktstatistiken werden im Allgemeinen immer wieder verändert, so dass aus ihnen schon lange nicht mehr hervorgeht, wer heute tatsächlich ein Beschäftigungsproblem hat und wer nicht. Die Zahl der Arbeitslosen ist eben „keine naturwissenschaftliche Grösse, sondern eine politisch instrumentalisierbare Zahl,“ wie Rudolf Stumberger einmal auf Telepolis geschrieben hat. „In der Arbeitsmarktstatistik wird seit jeher übel getrickst.“, wie auch der deutsche Sozialrichter Jürgen Borchert letztes Jahr hier beim Freitag konstatiert hat.

Tatsache ist: Die Zeit der unbefristeten, sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle- ein Errungenschaft aus der Zeit der Industrialisierung (v. a. der Nachkriegs- oder Wirtschaftswunderjahre)- scheint abgelaufen zu sein. Doch im vollständig flexibilisierten Dienstleistungszeitalter hat sich bislang noch niemand ernsthaft die Mühe gemacht, eine sinnvolle Alternative zu suchen, die auf dem Fundament einer komplett neuen Definition von Arbeit ruht, in der auch Leistungen im Bereich der "Gratis"- und Freiwilligenarbeit als messbare Grösse und volkswirtschaftlich bedeutender Faktor vorkommen. Viel lieber orientieren sich Wirtschaft, Öffentlichkeit und Politik an veralteten Kennziffern über den Zustand des Arbeitsmarktes, deren Aussagekraft gegen Null tendiert.

Ich glaube nicht, dass das noch lange gut geht.

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Ehemaliger Nutzer 02.08.2011 | 19:37

Was Merkel hier von sich gegeben hat, da fehlen einem regelrecht die Worte.
Ich möchte nicht lange die vielen Ungerechtigkeiten aufzählen, ich bin brechtigt der Meinung, Merkel hat nicht alle Tassen im Schrank. Anders kann man diese zynische und dümmliche Äußerung von ihr nicht bezeichnen.

Achtermann 02.08.2011 | 19:49

@ THX1138

Die Zeit der unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstelle - eine Errungenschaft aus der Zeit der Industrialisierung (v. a. der Nachkriegs - oder Wirtschaftswunderjahre) - scheint abgelaufen zu sein.

Daraus resultiert, so ganz nebenbei, die Zerstörung der Sozialversicherungssysteme und die Notwendigkeit, sich zusätzlich privat-kapitalistisch absichern zu müssen. Die Großstrukturen dieses Systems werden so vorangetrieben, dass das Individuum bis zum Schwarzen unterm Fingernagel zum Wirtschaftsobjekt degradiert wird. Familiäre oder sonstige zwischenmenschliche Bindungen sind da nur noch Störfaktoren im wirtschaftlichen Prozess.

Heinz Lambarth 02.08.2011 | 20:06

...und genau deshalb ist auch die Griechenlandschelte völlig unangebracht!
Wenn in d-land die arbeitseinkommen vernüftig (dh. binnenmarktorientiert) erhöht würden - ein ungefähres mass könnte in der formel: inflationsrate + produktivitätssteigerung = lohnerhöhung zusammengefasst werden - würden die dt. lohnstückkosten, die allein für die exportwirtschaft von bedeutung sind, steigen und unsere nachbarn hätten aufgrund der dort niedrigeren löhne einen konkurrenzvorteil.
Stattdessen setzt die dt. wirtschaft auf niedrigstlöhne (wobei bewusst die steuerliche subventionierung der löhne mittels "aufstockung" einkalkuliert wird) und auf exportwahn. Das kann nur zur überschuldung der nachbarländer à la Griechenland und zur "ver-Hartzung" der hiesigen sozialstrukturen führen.
Wenn d-land seine rolle bei der EU-integration ernstnehmen würde, würde es mehr importieren als exportieren, um anderen eine chance auf niveauangleichung zu geben.
Interssanterweise fordern genau das die um die zahlungsunfähigkeit der USA besorgen dt. konzerene - allerdings nicht von d-land, sondern von den USA! Solange die USA schulden machen, kann d-land exportieren.
Es ist aber an der zeit, dass d-land den binnenmarkt durch höhere löhne stärkt und mehr importiert als exportiert. Das würde sowohl der bevölkerung und dem rest der welt gut tun - aber wohlstand das ist bekanntlich nicht der zweck kapitalistischen wirtschaftens...

deviant 03.08.2011 | 01:48

"Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch ihnen gut“.
Der Mann lebt offenbar in der Vergangenheit, durch seine Arbeitsmarktreformen gilt heute: "Egal, wie es der Wirtschaft geht, den Angestellten geht es schlecht."

Wir sehen doch, dass immer mehr Arbeitnehmer von psychischen Störungen betroffen sind, weil die Belastung einfach zu hoch wird; durch die mehr und mehr geforderte "Flexibilität" und befristeten Jobs entsteht zusätzlich viel Unsicherheit, die nicht zuletzt auch dazu führt, dass niemand mehr Kinder kriegt (ausser denen, die ohnehin keinen Job haben).

Und anschließend heulen Politik und Wirtschaft, dass die Leute dauernd krank sind und keine Kinder mehr kriegen...die Arbeiter sind es eben, die dieses Land tragen, und nicht gutverdienende Manager von "Mittelständlern", die lieber zum Pimpern nach Ungarn fahren und in teure Maschinen investieren, um noch mehr humanoide Kosten ans Arbeitsamt outzusourcen.

claudia 03.08.2011 | 12:20

>>Oder dass trotz guter Konjunktur gerade Geringverdiener immer weniger Geld in der Tasche haben.
Oder die Exportkonjunktur beruht eben darauf, dass die menschliche Arbeitskraft hierzulande schneller entwertet wird als in anderen europäischen Industriestaaten: Wir sind schon bei 1 müden € pro Arbeitsstunde.
Keine heile Hose mehr am Arsch, und dadurch Exportweltmeister.

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Die Leiharbeitslöhne sinken kaufkraftbereinigt Jahr für Jahre weiter ab.
Bei Leiharbeit ist die klassische Gewerkschaftorganisation nicht möglich. In einem Betrieb arbeiten Menschen, die bei verschiedenen Firmen angestellt sind. Die Beschäftigten einer Leihfirma kennen sich gar nicht. Es ist nicht mal möglich, eine Betriebsratswahl zu organisieren. Auch aufgrund der kurzen Beschäftigungszeiten.
Genau das war der Grund, dass das SPD/Grün-Regime die Lobbyisten der Leiharbeit so sehr hofiert hatte.
Im Übrigen ist Leiharbeit parasitär: Ein Zuhälter kassiert pro Arbeitsstunde einen durchaus erklecklichen Betrag. Er behält aber den grösseren Anteil des Arbeitsentgeltes ein für parasitäre Einkommensformen und gibt nur einen geringen Anteil an diejenigen weiter, für deren Arbeit er das Geld einkassiert.

>>Der Stress nimmt offenbar zu. „In den letzten Jahrzehnten hat der Anteil von Beschäftigten, die sich durch psychosozialen Druck bei der Arbeit belastet fühlen, deutlich zugenommen“, schreiben die Autoren Lars Eric Kroll, Stephan Müters und Nico Dragano.
Stresskrankheiten sind der Lohn der Angst: Man lässt sich (fürs gleiche Geld) immer mehr Arbeit aufbürden, um nicht in die Kaste der Entwerteten verschoben zu werden.

>>Daraus resultiert, so ganz nebenbei, die Zerstörung der Sozialversicherungssysteme und die Notwendigkeit, sich zusätzlich privat-kapitalistisch absichern zu müssen.
Das war ja das Ziel von Riesters Schattenminister Maschmeyer.

>>Einer aktuellen Studie aus dem Robert-Koch-Institut zufolge nimmt zwar eine überwiegende Mehrheit der Erwerbstätigen in Deutschland keine ausgeprägten Gesundheitsrisiken an ihren Arbeitsplätzen wahr.
Das kann mit der „Froschtheorie“ erklärt werden: Setzt man einen Frosch in heisses Wasser, dann spingt er sofort heraus und kommt mit leichten Verbrühungen davon.
Setzt man ihn in kaltes Wasser und erhöht die Temperatur nur jede Stunde um ein Grad C, dann bliebt er drin und stirbt, wenn die Temperatur zu hoch wird.
Das heisst:
Wären die Arbeits- und Lebensbedingungen von 1970 mit einem Schlag zu den katastrophalen Bedingungen von 2011 verändert worden, dann hätte eine Revolution stattgefunden. Die ganz allmähliche Verschlechterung über viele Jahre hinweg wird aber von Vielen als „Normalität“ empfunden.

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>>"Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch ihnen gut“.
Der Mann lebt offenbar in der Vergangenheit, durch seine Arbeitsmarktreformen gilt heute: "Egal, wie es der Wirtschaft geht, den Angestellten geht es schlecht."
Och, dem Schröder geht es gut: Gazprom zahlt pro Jahr ein Viertelmilliönchen, und das Alter mit einer völlig beitragsfreien, hochkomfortablen Pension gesichert: Kein Wunder, dass der alles ganz famos findet.

>>Merkel hat nicht alle Tassen im Schrank.
Aber geldmächtige Lobbyisten hinter sich, wie die anderen Lobbyblockflöten auch.
Welche Partei hat in ihrer Satzung stehen, dass sie kein Geld von Firmen und Wirtschaftsverbänden annehmen darf? Ich kenne eine.

Ziel für 2013: Weg mit den kriminellen Lobbyblockflöten!

jayne 03.08.2011 | 15:32

ich möchte in diesem zusammenhang auf drei äußerst lesenswerte beiträge verweisen, erstens auf einen text mit dem titel "wachstum und die krise der arbeit", der in der juli-ausgabe der gewerkschaftlichen zeitschrift gegenblende erschienen ist; zweitens auf eine buchbesprechung in der reihe andruck des dlf vom montag, in dem es um "soziale gerechtigkeit in zeiten entgrenzter märkte" geht und um strategien, wie man der globalisierung mit juristischen mitteln beikommen kann, wenn man nur will; und drittens auf das memorandum 2011, in dem oben angesprochene fragen eine rolle spielen ...

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Ehemaliger Nutzer 03.08.2011 | 18:28

Ein wirklich guter Artikel Herr Strohschneider. Vielen Dank dafür. Schade nur, dass solche Artikel eher nicht in der Mainstream-Presse auftauchen.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist allerdings, dass gestern Abend sowohl die ARD als auch das ZDF zur Primetime (wenn auch in abgeschwächter Form) genau darüber Beiträge gebracht haben. Ich bin entzückt.

Nur interessiert das weder die hochdotierten Aktiengesellschaften oder die schwarz-gelben Ungeheuer. Die werden solange es geht weitermachen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl war ja das Verhalten von Ekelpaket Rösler zum Thema Bundesratzustimmung und Soli-Beitrag ...

Noch viel viel interessanterererer ist ja, Attac u. a. haben das exakt vorhergesagt und es ist auch genauso eingetreten.

In Nature wurde eine vom amerikanischen Militär bezahlte Netzwerkanalyse Studie veröffentlicht. Die zeigte wie eine Minderheit ihre Meinung der Mehrheit aufdrücken kann. Dies geschieht u.a. durch stetes wiederholen, auch wenn argumentativ alles widerlegt wurde. Eine Hauptrolle übernimmt dabei der Vermittler, die Medien. Auf Deutschland bezogen sind das Springer und Bertelsmann, diesen Unternehmen müsste eigentlich der Prozess gemacht werden...

claudia 04.08.2011 | 10:17

>>...diesen Unternehmen müsste eigentlich der Prozess gemacht werden...
Müsste eigentlich, ja. Nicht nur Diesen.

Aber die Verfügungsmacht über die Produktionsmittel (dazu gehören auch Massenmedien) ist absolut. Es interessiert die Verfüger einen feuchten Furz, was wir darüber denken und welche Analysen jemand dazu anstellt. Sie haben ihre betrübswirtschaftlichen Ziele, basta.

Um 1970 herum haben wir darüber in der Gewerkschaftsjugend diskutiert und haben uns ebenfalls an Prognosen gewagt, was geschehen wird, wenn wir nicht eingreifen. Die sind auch eingetroffen.

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GG Art. 14.2 wurde gleich 1949 in den Standbyzustand versetzt.
Eine vom Volk beschlossene Verfassung existiert nicht. Das ist die Lage.

Was wollen wir tun?
Noch 20 Jahre jammern und schimpfen und sagen "eigentlich müsste ja..."?
Oder nach KONKRETEN Eingreifmöglichkeiten suchen?

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Ehemaliger Nutzer 05.08.2011 | 16:35

@claudia,

vielen Leuten ist doch bekannt, dass in diesem Staat ein Systemwandel stattfinden müßte, nur die Leute haben keinen Mumm.
Ich hatte bei einer Demo (im Januar in Berlin) einen pensionierten Polizisten kennen gelernt. Er hatte zum ersten Mal an einer Demo teilgenommen. Ich fragte, ob ihm die Demo gefallen hat. Dieser Polizist sagte wörtlich, dass man diesen Sch... schon lange hätte stürzen müssen. Ich sagte ihm, dass wir Ostdeutschen unser Teil getan haben und jetzt die Westdeutschen mal an der Reihe sind, worauf er antwortete, dass wir unbedingt dabei sein sollten, denn gerade wir Ostdeutschen wissen, wie man ein verhasstes Regime beseitigt.
Alles wissen, was für ein ungerechtes Regime dieser Staat ist, aber keiner macht etwas und so wird der Michel sich eben weiter von der Minderheit unserer Volksvertreter schikanieren und bevormunden lassen müssen.
Meine Jahre sind gezählt, aber die Jugend tut mit gewaltig leid.