Ein Appell an die Zuschauer

Israel/Palästina Auch Tomer Dotan-Dreyfus musste schon wegen Raketen aus Gaza nachts in den Schutzraum. Trotzdem trauert er um alle Toten des Krieges – nicht nur die auf jüdischer Seite
Ein Appell an die Zuschauer
Eine Rakete aus dem Gaza-Streifen wird vom israelischen Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ abgefangen

Foto: Mahmud Hams/AFP/Getty Images

Wir standen da mit Schildern: „Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein!“ Vor uns das brutalistische Gebäude der Likud-Partei-Zentrale auf der King George Straße in Tel Aviv. Darauf hing noch ein Banner aus der letzten Wahlrunde: „Viele Politiker, ein…“ – es ist immer schwierig, das Wort Leader ins Deutsche zu übersetzen. Jedenfalls: dazu ein riesiges Bild von Benjamin Netanjahu.

Die Polizei war ruhig an diesem Dienstag, wir waren ja eindeutig Hipster-Juden, jedenfalls keine Palästinenser. Auf der anderen Straßenseite kamen einige Männer mit israelischen Fahnen zusammen, um gegen uns zu demonstrieren. Durch ein Megafon riefen sie zu uns herüber, wir seien „krank“, und, natürlich, „selbsthassende Juden“. Dann sprach das Megafon von der anderen Seite: „Die Leben tausender Palästinenser wiegen nicht das Leben eines Juden auf!“ Eine junge Frau schrie zurück: „Unter allen Völkern: Wir haben nicht das Recht, so etwas zu sagen.“

„Wir“ sagen es aber. Dachte ich. Meistens nicht so explizit wie dieser Mann, das würden die wenigsten denken, oder gar sagen. Es wird subtiler geäußert, oder eher: vorausgesetzt.

Beunruhigende Wahrnehmungen

Wenn man die Berichterstattung in Deutschland über den Nahostkonflikt liest, kann man denken, sieben Tote auf der israelischen Seite – zweifellos schrecklich – seien mehr Wert als über hundert palästinensische Tote. Zumindest wird über die Raketenangriffe auf Israel wesentlich mehr berichtet als über die Luftangriffe auf Gaza.

Das ist beunruhigend. Nicht, weil es falsch wäre, die Raketenangriffe zu skandalisieren – das ist richtig (der Autor dieses Textes musste wegen ihnen auch mitten in der Nacht in einen Schutzraum rennen). Sondern, weil es eine Schwerpunktsetzung ist, die bedeutet, dass die Kernidee von Supremacy, von Vorherrschaft, noch über dieser Gesellschaft schwebt.

Und es gibt noch andere Punkte, die beunruhigen.

1. Wir identifizieren uns mit Unseresgleichen – und wer nicht Unseresgleichen ist, der ist weniger Mensch als wir. Im deutschen Netz werden auch jetzt wieder Behauptungen verbreitet, die implizit, zuende gedacht, das Menschsein der Palästinenser in Frage stellen. „Sie verstecken sich hinter Kindern“ ist so eine Behauptung, oder: „Sie verstecken sich unter Zivilisten“. Als gäbe es in Gaza überhaupt eine andere Möglichkeit, und als befände sich die wichtigste Militärbasis der Israelischen Verteidugungskräfte nicht inmitten einer sehr eng bewohnten israelischen Großstadt.

Eins ist sicher, wer bereit ist, die Zivilbevölkerung, vor allem aber Kinder für den Konflikt zu opfern – der ist weniger Mensch. Weniger Mensch als wir. Weniger Mensch, das heißt: weniger Unseresgleichen. Warum will man in Deutschland die Palästinenser als weniger Unseresgleichen betrachten?

Eine Erklärung könnte diese hier sein: Geflüchtete gibt es in Deutschland auch, nicht nur in Israel/Palästina. Wenn wir um tote Palästinenser in Gaza trauern, müssen wir auch um sie trauern, wenn wir sie im Mittelmeer ertrinken lassen. Um sie, und um so viele andere.

Ist weißer deutscher Antisemitismus schwerer zu bekämpfen als der in Berlin-Neukölln?

2. In Deutschland gibt es Panik vor Antisemitismus. Absolut gerechtfertigt, hierzulande gibt es Antisemitismus in allen Formen. Aber nach Polizeiangaben gibt es deutlich mehr Antisemitismus unter rechtsextremen weißen Deutschen. Der Staat scheint gegenüber dieser spezifischen Form überfordert zu sein. Zum einen hat er selbst ein Problem mit extremen Rechten: Sie sind bei der Polizei, bei der Bundeswehr, in den Landtagen. Zum anderen ist weißer deutscher Antisemitismus womöglich schwieriger zu bekämpfen als der schneller identifizierbare, nicht so gut organisierte Anti-Israel-bezogene Antisemitismus bei den nicht-Unseresgleichen in Berlin Neukölln. Und um zu zeigen, wie ernst man Antisemitismusbekämpfung in Deutschland nimmt, sucht man sich diese Form heraus und zerrt sie besonders in die Medien.

Um jüdische Tote zu trauern verknüpft sich in der deutschen kollektiven Wahrnehmung mit dem Kampf gegen Antisemitismus. Um alle Toten des Kriegs zu trauern – da wird es komplizierter. Einfacher hingegen wird es, wenn die toten Palästinenser auch Antisemiten sind.

3. Die Israelische Gesellschaft zerfällt dieser Tage. Die Gewalt auf und aus Gaza ist nur ein Teil der Geschichte. Die in Israel lebenden Palästinenser:innen schauen auf das palästinensisch geprägte Viertel Sheikh Jarrah in Jerusalem, sie beobachten den Versuch des Staates, den Bezirk zu judaisieren, und denken – nicht ohne Grund! – das Gleiche passiert womöglich bald bei ihnen. Bei ihnen in Lod, Haifa, Jaffa.

Auf der anderen Seite erstarkten rechtsradikale Kräfte im Parlament wie nie zuvor. Itamar Ben Gvir, der schon 1995 gegen Jitzchak Rabin hetzte und ihm öffentlich mit dem Tod drohte, ist nun ein Abgeordneter der Knesset und ruft seine Anhänger auf, auf die Straßen zu gehen und „Araber“ zu schlagen.

Jedes Leben ist eine ganze Welt

Das tun sie, und das tun auch Palästinenser. Randalierer beider Seiten zünden Geschäfte an, zerstören Gebetshäuser, prügeln sich gegenseitig (fast) zu Tode und ziehen die ganze Gesellschaft mit in die Gewalt. Die Wortwendung, dass „Israel unter Feuer“ ist, schafft auch die Illusion, Israel sei ein politisches Wesen. Doch tatsächlich ist diese Gesellschaft nach zwölf Jahren unter Netanjahu zersplittert und zerrissen, voller Hass und Blut. Wäre Deutschland ein echter Freund Israels, hätte Deutschland früher etwas unternommen. Sich klarer gegen Netanjahus Politik ausgesprochen, gegen Rassismus und Diskriminierung – auch dann, wenn sich diese in Israel ereignen. Freundschaft bedeutet nicht: bedingungslose Unterstützung aller Taten deiner Freunde. Wahre Freundschaft bedeutet, falsche, gefährliche, verhängnisvolle Taten zu kritisieren und den Freund vor ihnen zu bewahren versuchen.

Es ist das, was Palästinenser fühlen, in Israel und in Palästina: dass ihre Leben weniger zählen. Wenn sie Opfer von Kriminalität werden, kümmert sich die israelische Polizei nicht. Wenn sie stärker unter Armut leiden als Juden, wenn palästinensische Schulen, Kommunen, Initiativen weniger öffentliche Gelder erhalten, wenn Palästinenser wegen Kaufverträgen von Häusern aus dem 19. Jahrhundert evakuiert werden, selbst aber nicht zurück in die Häuser dürfen, aus denen sie 1948 flüchteten – dann fühlen sie, dass ihre Leben weniger zählen.

Manche in der israelischen Linken nennen das schon Apartheid. So stand es auch auf den Schildern da, auf der Demo an der King George Straße in Tel Aviv. Und dann kommt dieser Mann und sagt: „Die Leben tausender Palästinenser wiegen nicht das Leben eines Juden auf!“

Jedes Leben ist eine ganze Welt. Jeder Tod ist das Ende dieser Welt.

In Gedanken an die Kinder, die bis jetzt in diesem Krieg gefallen sind.

Tomer Dotan-Dreyfus ist in Haifa geboren und aufgewachsen. Seit 2011 lebt er in Berlin, wo er Komparatistik und Philosophie an der Freien Universität studiert hat. Er schreibt Poesie sowie Prosa und publiziert hauptsächlich auf Hebräisch

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10:09 16.05.2021

Ausgabe 24/2021

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