Ein Autor auf Erbsen

Roman Für Feridun Zaimoglu ist Luther vor allem als Sprachschöpfer ein großer Deutscher
Ein Autor auf Erbsen
Im Lutherjahr ist es ein Autor muslimischen Glaubens, der mit seinem Roman ein literarisches Meisterstück liefert

Foto: Future Image/Imago

An Luther-Büchern mangelt es im Lutherjahr wahrlich nicht. Aber ausgerechnet Feridun Zaimoglu, der deutsch-türkische Autor muslimischen Glaubens, liefert mit seinem sprachgewaltigen historischen Roman ein literarisches Meisterstück, das auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand. Im Zentrum von Evangelio steht die komplexe Persönlichkeit Luthers. Dabei konzentriert er sich auf dessen Zeit auf der Wartburg. Nachdem Luther von Karl V. für vogelfrei erklärt wurde, weil er es ablehnte, seine Lehre der politischen Macht anzupassen, wurde er in Schutzhaft genommen und auf die Wartburg gebracht. Der Rebell soll gezüchtigt werden.

Erzählt wird das ganze aus der Perspektive des katholischen Landsknechts Burkhard. Die Zeit auf der Wartburg ist nicht nur geprägt von seiner bahnbrechenden Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, sondern auch von seinem Kampf mit seinen Dämonen. In allen Dingen, die ihn umgeben, wittert Luther Dämonen und den Satan. Evangelio zeichnet ein düsteres Bild des Reformators. Gerade im Reformationsjahr steht der Autor damit recht alleine.

Zaimoglu schafft es, eine Kunstsprache zu entwickeln, die für unsere Ohren gewöhnungsbedürftig klingen mag, aber die Luther plastisch werden lässt. Es ist eine derbe, wuchtige Sprache, voller Übertreibungen, voller Provokation. Es lohnt sich für den Leser unbedingt, sich auf diese Sprache einzulassen: Genau so muss Luther gewirkt haben. Luther war eben nicht der typische Gelehrte, sondern volksnah, unangenehm für die Mächtigen.

Schon in jungen Jahren hatte Zaimoglu sich mit Luthers Bibel auseinandergesetzt. Seitdem ist er fasziniert von seiner Sprache. In späteren Jahren beschäftigte er sich auch intensiv mit dem Christentum und mit der Theologie. Für seinen Roman hat er sich schließlich seinen Genius Loci anverwandelt. Hat in düsteren Nächten auf der Wartburg die Atmosphäre aufgesogen, ist mitten in der Nacht aufgestanden, hat Erbsen auf den Boden gestreut und sich kniend auf diese gesetzt, während unheimliche Windgeräusche durch die Wartburg pfiffen. So soll auch Luther manche Nacht im Gebet verbracht haben, heißt es in den alten Schriften. Nur so, nachahmend, nachleidend, könne er sich einer Figur nähern, sagt der Romancier Zaimoglu. Evangelio ist keine Nacherzählung oder eine analytische Auseinandersetzung mit dem Thema Reformation. Die Schattenseiten von Luther spart Zaimoglu allerdings nicht aus, seinen Hass auf Juden, den Papst, die Türken.

Zurück zum Propheten

Trotzdem ist Luther für den Muslim Zaimoglu eine faszinierende Persönlichkeit. Dabei ist ihm bewusst, dass es einige Menschen irritieren wird, dass er ausgerechnet einen Juden- und Muslimhasser porträtiert. „Aber es geht mir nicht darum, wie das heute im Jubiläumsjahr gemacht wird, ihn auf einen Sockel zu setzen, oder ihn zum Spender von Scherzartikeln zu machen“, sagt Zaimoglu. Vielmehr habe er einen großen Deutschen porträtiert, der zwar in vielem falsch lag, der aber Großes für die deutsche Sprache geleistet habe.

Wenn ein muslimischer Schriftsteller sich mit Luther beschäftigt, liegt es natürlich auf der Hand, zu fragen, wann denn endlich der „muslimische Luther“ erscheint. Mit diesen Fragen kann Zaimoglu herzlich wenig anfangen. Es seien überwiegend politisierte Menschen, die Forderungen nach einer Reformation stellten. „Wir brauchen keine Reformisten. Wir haben es mit Politkaspern da draußen zu tun, die das fordern, in Unkenntnis der Tatsache, dass die islamistischen Mordbrenner Reformisten und Modernisten sind. Wir brauchen eine Rückführung auf Herz und Glauben des Islam im Sinne des gesegneten Propheten“, sagt Zaimoglu. Da wirkt er dann so unzeitgemäß, provokant und wortgewaltig wie damals Luther.

Info

Evangelio: Ein Luther-Roman Feridun Zaimoglu Kiepenheuer & Witsch 2017, 352 S., 22 €

06:00 04.11.2017

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