Ein Ball von unbestimmter Farbe

Flüchtlinge In Suruç wollen kurdische Familien nicht ewig im „Lager der Märtyrer“ bleiben, sondern nach Kobane zurück
Fabian Köhler | Ausgabe 33/2015 1
Ein Ball von unbestimmter Farbe
Syrische Kurden bei Suruç an der Grenze zur Türkei

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Das Epizentrum kurdischer Erregtheit liegt an diesem Vormittag zwischen einer schlafenden Katze und einem Haufen alter Plastikbecher. Eine Altmännerrunde döst am Rande der Grenzstadt Suruç unter einem Baum, der sein Versprechen auf Schatten kaum einlöst. „Wir werden sie zerquetschen“, sagt Ibrahim und versucht sich an einer kraftvollen Geste. Doch auch ihn zwingen 45 Grad um die Mittagszeit wieder zurück auf die Matratze. Ob der Endfünfziger, der einmal Arzt drüben in Kobane war, mit „sie“ den Islamischen Staat (IS) oder die Regierung Erdoğan meint, fügt er nicht extra hinzu. Nur so viel steht fest – für ihn gelten beide als Feind.

Nur zwölf Kilometer trennen Ibrahim und etwa 300 andere Flüchtlinge, die in der kleinen Containersiedlung bei Suruç leben, von ihrer Heimat. Oder besser von dem, was der IS nach monatelangen Gefechten davon übrig ließ. Im Augenblick wohnt Ibrahim mit seiner achtköpfigen Familie in einem Container, wie man ihn von Baustellen her kennt. Die provisorischen Unterkünfte stehen zwischen einem Schotterplatz und Ödland, das an einen früheren Parkplatz erinnert. Sie bilden eine Siedlung, die sogar einen Namen trägt: „Lager für Märtyrer-Familien“ wird sie genannt.

Einst seien Suruç und Ain al-Arab zwei unbedeutende kurdische Kaffs gewesen, wird mir erzählt, getrennt durch türkisch-syrische Grenzanlagen. Bis der Bürgerkrieg und die Vorstöße des Islamischen Staates beide Orte in ihrem Schicksal vereinten. Aus Ain al-Arab wurde Kobane – erst Opfer der Zerstörungswalze IS, dann Inbegriff des Willens zum Widerstand, um dem Dschihad seine Grenzen zu zeigen. Und Suruç? Zunächst galt der Ort als Transit- und Versorgungsstation für Zehntausende syrischer Flüchtlinge, bis vor drei Wochen auch hier der Terror des IS zuschlug und bei einem Bombenanschlag am 20. Juli 31 Mitglieder der türkischen Jugendorganisation SGDF und der Attentäter starben.

„Sie wollen unsere Unabhängigkeit aufhalten oder ganz verhindern“, glaubt Abu Ziyad, der Lagerälteste und so etwas wie der Bürgermeister der Containersiedlung. Mit „sie“ meint er in diesem Fall klar die türkische Regierung. Dass die hinter dem brutalen Anschlag auf das Amara-Kulturzentrum steckt, gilt unter den meisten hier als ausgemacht. Dabei scheint es egal zu sein, ob jemand seinen politischen Favoriten nun bei der Kurden-Partei der Demokratischen Union (PYD) oder den Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Nordsyrien oder in der kurdischen Arbeiterpartei PKK sieht.

Das Beben der Explosion vom 20. Juli habe man bis in ihr Camp gespürt, sagt Abu Ziyad. Zehntausende hätten danach spontan gegen Tayyip Erdoğan demonstriert, der den IS viel zu lange toleriert habe. Warum sollte er das getan haben?, frage ich. Weil der IS, wie sich am Kampf um Kobane erkennen lasse, vor allem Kurden töten wolle.

Fünf Minuten

Hinter den zerbrochenen Fensterscheiben des Kulturzentrums treffe ich den 25-jährigen Adnan, den der Vernichtungswille des IS aus Kobane vertrieb, um ihn in Suruç wieder einzuholen. „Ich bin, fünf Minuten, bevor es passiert ist, raus, um Getränke zu holen“, erzählt er. „Wirklich fünf Minuten es waren nur fünf Minuten. Und dann hörte ich einen fürchterlichen Knall. Da dachte ich erst, vielleicht ist irgendwo ein Trafo explodiert, und bin zurück zum Kulturzentrum gerannt.“ Was er dort erlebt habe, sei viel schlimmer gewesen als das, was auf den kursierenden Handy-Videos zu sehen sei. „Überall lagen Teile von Körpern, Arme, Beine. Ich habe den Leuten zugerufen, sie sollten wegrennen. Ich komme aus Kobane und weiß, dass die richtig große Bombe oft erst später detoniert. Die Täter warten, bis von überall Leute herbeiströmen, und schlagen noch mal zu. Als das zum Glück nicht passierte, haben wir die Verletzten weggetragen und die Toten zugedeckt. Ein Bild werde ich nie vergessen: Diese beiden Mädchen, sie hielten sich an den Händen und starben gemeinsam. Als ich das sah, konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen.“ (Wie später zu erfahren war, überlebte eines der Mädchen schwer verletzt.)

Zwei Tage vor dem Attentat hatte es am 18. Juli in Suruç ein Fest der Solidarität mit Kobane gegeben. Es trafen sich Hunderte von Aktivisten, die etwas für den Wiederaufbau der Kurden-Stadt tun wollten. Unter anderem hatte man Spielzeug gesammelt, das dort verteilt werden sollte. Bis heute liegt es weit verstreut am Ort des Infernos herum. Niemand wollte Stofftiere und Figuren aufsammeln. Als sollte die Erinnerung an die Toten wachgehalten werden, die mit den Sachen zu den Kindern Kobanes wollten und nie ankamen.

„Über tausend von uns haben sie in den letzten beiden Wochen verhaftet“, sagt Mustafa, ein weiteres Mitglied der Altherrenrunde im Containerlager. Er arbeitet für den lokalen Ableger der kurdischen Partei DPB. „Sie sagen IS und meinen uns.“ Mustafa erhebt sich von seiner Matratze und bittet darum, einen Witz erzählen zu dürfen: „Sagt Erdoğan: ‚Wir kämpfen gegen den IS.‘‘‘ Dann macht er eine Pause. „Das war der Witz.‘‘ Als das Lachen der Männer wieder in ein kontemplatives Dösen übergeht, zieht Mustafa ein zerknittertes Foto aus seinem Portemonnaie. „Ich zeige dir, wer wirklich gegen den IS kämpft.“ Das Bild zeigt eine junge YPG-Milizionärin. „Das ist meine Nichte, die Kobane nicht überlebt hat. Sieht die etwa aus wie eine türkische Soldatin?“

Jeder aus dem Camp hat jemanden im Kampf gegen den IS verloren. Wirklich jeder. In fast allen der rund 50 Grad heißen Container hängen Bekenntnisse zum kurdischen Freiheitskampf: PKK-Fahnen, Fotos von Abdullah Öcalan, Wimpel im Rot-Weiß-Grün der kurdischen Nationalflagge, dazu die Fotos von Ehemännern, Brüdern und Schwestern, Töchtern und Söhnen. Fünf Geschwister hatten die zwölfjährige Perus und die zehnjährige Jandar. Jetzt sind sie allein. Ob ich vielleicht Fußball spielen oder sogar später noch einmal ihren Container besuchen wolle, fragen sie, als sie eine Schüssel mit Weintrauben anbieten.

Am Lager zieht am späten Nachmittag ein kleiner Tross vorbei, halb Demonstration, halb Trauerzug. Täglich vermelden Nachrichten aus dem syrischen Krieg auf der anderen Seite der Grenze, dass wieder jemand aus der Verwandtschaft umgekommen ist oder vermisst wird. Ob die Menschen zu Opfern des „Anti-Terror-Krieges“ der Türkei oder des IS-Terrors wurden, weiß keiner in der Altherrenrunde. „Spielt das eine Rolle?“, fragt Mustafa. „Sie hassen uns einfach. Und wenn Erdoğan seinen Leuten weiter weismachen kann, das wir Terroristen sind, wird er vielleicht doch noch Sultan“, meint Abu Ziyad und erntet das lauteste Lachen des Tages.

Wirklich jeder

„Ob das mit der Freiheit und der Demokratie für uns noch etwas wird? Ich weiß es nicht“, zweifelt Ibrahim und verscheucht eine Katze, die sich auf seiner Zeitung breitmachen will. „In Kobane hatten wir eine Demokratie ohne Baschar [damit ist Staatschef Assad gemeint – die Red.] und ohne Türken. Ohne dass uns jemand dabei geholfen hätte. Davon geblieben sind nur die Steine von Häusern, die es nicht mehr gibt“, sagt er und beendet die Diskussion, als wollte er mit seinem Arm eine Fliege verscheuchen.

Es sei jetzt „einfach zu heiß“ für Politik. „Außerdem sind wir zu alt dafür. Was müssen wir uns darum kümmern?“ Ibrahim legt sich zurück auf die Matratze und zeigt in Richtung Schotterplatz. Mitten in der Sonne rennen dort die beiden Schwestern Jandar und Perus gemeinsam mit einem Dutzend anderer Kinder einem Plastikball von unbestimmter Farbe hinterher. Das könnte einmal Pink gewesen sein. Oder war es eher Violett?

Fabian Köhler bereist zurzeit die türkisch-syrische Grenzregion

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