Ein Bastard, das Hüsli

Architektur Das Einfamilienhaus ist Schauplatz von Kulturkämpfen. Der Band „(K)ein Idyll“ erläutert die Hintergründe
Ein Bastard, das Hüsli
Ortskerne veröden, und auf der Wiese wächst Eigenheim-Tristesse

Foto: Reto Schlatter

Michael Werner-Boelz von den Grünen, der das Bezirksamt in Hamburg-Nord leitet, hat kürzlich angekündigt, den Bau neuer Einfamilienhäuser zu unterbinden. Gut so, denkt man sich, denn die sind ja ohnehin meist unästhetisch, und aus ihnen sind die endlosen Siedlungen gemacht, wo bestenfalls jugendliche Rebellion und die Sehnsucht nach einer Welt jenseits von Carport und Spielstraße herangezüchtet werden, schlimmstenfalls Tristesse, meistens beides. Außerdem, eine Wohnform, die vorgibt, wie ihr Inneres auszusehen hat – mit genau einer Kernfamilie gefüllt –, ist die noch zeitgemäß?

„Das Hüsli“, wie es der Schweizer Architekt Benedikt Loderer nennt, sei „ein Bastard. Sein Vater war das proletarische Siedlungshaus, seine Mutter die bürgerliche Villa.“ Dieser Ahnenreihe geht der Schweizer Journalist Stefan Hartmann in seinem Buch (K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus nach, außerdem der Frage, warum sich an diesen Bautyp so viele Gefühle knüpfen.

Die aktuelle Debatte darum bietet eine Menge Anschauungsmaterial. Anton Hofreiter gab dem Spiegel Mitte Februar ein Interview zum Thema. Darin sagte er zwar, die Grünen wollten die eigenen vier Wände nicht verbieten, aber auch, dass er die Entscheidung von Boelz begrüßt. Aus diesem Interview wurde ein kleiner Skandal. In dem – vermeintlichen – Verbotsbestreben, so der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), zeige sich das typisch linke Gesicht der Grünen. Aus der CDU hieß es, der Angriff aufs Eigenheim sei das Symptom eines gestörten Verhältnisses zum Eigentum. Dabei war der Erlass in Hamburg-Nord weit weniger radikal, als es zunächst schien. Boelz wollte lediglich keine neuen Baugebiete für Einfamilienhäuser mehr ausweisen.

Die Lebenserwartung erhöhen

Ulrich Kriese, der Sprecher für Bau- und Siedlungspolitik des NABU, erklärte die Debatte für längst überfällig. Die Kosten seien hoch, denn alles an Einfamilienhäusern trage zur Überhitzung des Planeten bei, weil sie Grünflächen versiegeln und nur mit dem Auto zu erreichen sind. Das heißt Zersiedelung, und man stellt sich bei diesem Begriff gleich vor, wie die Grenze von Stadt und Land ausfranst und sonderbare Zwischenzonen entstehen.

Aber mit einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung ist dem Problem gar nicht beizukommen. Wer baut, will bewahren, zum Beispiel die finanzielle Sicherheit. Das sieht mittlerweile allerdings anders aus, weil das eigene Haus als Rentengarantie ein gefährlicher Mythos sei, sofern es nicht in der Großstadt stehe, so heißt es nun auch aus konservativen Kreisen. Aber es geht auch um immaterielle Dinge. Ein gewisses Familienmodell beispielsweise, das nach dem Zweiten Weltkrieg zur Norm erklärt wurde. Die Debatte spielt sich auf der gleichen Ebene ab wie die Aufregung um SUVs in den Innenstädten, Flüge im Inland, Veggie Days in den Kantinen. Vielleicht kristallisieren sich an dieser Wohnform deshalb so viele Streitpunkte der aktuellen Kulturkämpfe heraus.

Dabei war der Traum vom Eigenheim einst der Wunsch, einem Alptraum zu entfliehen, nämlich den überfüllten Mietskasernen, die mit der Industrialisierung an den Rändern der Metropolen entstanden, so erzählt es Hartmann in (K)ein Idyll. Eigentlich also eine Maßnahme des wohlwollenden Kapitalismus, denn den Fabrikbesitzern war daran gelegen, die Lebenserwartung der Beschäftigten zu erhöhen. Der Hausbesitz erziehe zu „Selbsthilfe und sozialer Kontrolle, Reinlichkeit und Ordnungsliebe“, so hieß es. Der deutsche Industrielle Alfred Krupp forderte 1877 seine Arbeiter*innen auf, die freie Zeit zu Hause bei der Familie zu verbringen. Ganz im Sinne der Reformbewegung glaubte man an die heilsamen Kräfte von Luft und Licht, und die gab es eben nicht zusammengepfercht in Mietshäusern, sondern im eigenen Häuschen. Die Industriellen ermöglichten es den Arbeiter*innen, einen Teil des Lohns in den Bau des Eigenheims zu investieren, mit dem Ziel der moralischen Gesundung der Arbeiterklasse. Friedrich Engels hingegen, selbst Industriellensohn, sah nichts Befreiendes im Eigentum. Ganz im Gegenteil, es binde den Proletarier an die Scholle, sagte er, und unterdrücke seinen Widerstandsgeist, und wer nach den Gründen für die politische Besetzung von Architektur sucht, kann sie hier finden.

Eine Bauaufgabe, aus der sich verschiedene Lösungen ergaben: die Arbeiterreihenhäuser, von denen es in der Schweiz viele gibt, und die Gartenstädte, die der Urbanist Ebenezer Howard Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien als gesunde Alternative zur lebensfeindlichen Großstadt erdachte. In Deutschland entstanden bald ähnliche Anlagen, zum Beispiel in Dresden-Hellerau.

Aus dieser Matrix entwickelten sich zwei ganz gegensätzlich erscheinende Typen, die den Wohnungsbau im 20. Jahrhundert bestimmten: Eigenheim und Großsiedlung. Die Ahnen des frei stehenden Hauses lassen sich nach England und in die Schweiz zurückverfolgen. Das Cottage war im Königreich der Landsitz der Adligen, erstrebenswert und unerreichbar, wenn man sich nach Distinktion und hohem sozialen Status sehnte. Der andere Vorfahr ist das Schweizer Chalet, das eigentlich eine gesamteuropäische Schöpfung ist. Die Form der einfachen Berghütte wurde im 19. Jahrhundert exportiert und in Frankreich und England zur romantischen Synthese aus Holzarchitektur und der Sehnsucht nach alpiner Natur gemacht, um dann von den Eidgenossen re-importiert zu werden.

Die Architektur bediente sich fortan bei diesem Typenvorrat, um die Idyllen der Vorstädte zu bauen. Als Katalysator dienten dann die Erfindung des Bausparens und der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Häuschen wurde zum Inbegriff der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, wie der Soziologe Helmut Schelsky die junge BRD beschrieb. Historisch und frisch gebaut, egalitär, aber ganz individuell, so ist das Eigenheim voller Widersprüche.

Paradoxerweise sehen die Vorstädte nämlich sehr gleichförmig aus. Das zeigen Reto Schlatters traurig-schöne Bilder, die als Foto-Essay in der Mitte von (K)ein Idyll stehen. Nur manchmal wagt ein Haus den Vorstoß in die Formensprache der klassischen Moderne, mit Pult- oder Flachdächern, mit Fensterbändern oder verglasten Loggien. Eigentlich aber regiert das Satteldach die Siedlungen, gelegentlich mit Dachgaube, oft mit Fensterläden, meistens mit historisch anmutenden Ergänzungen, die nie ganz vergessen lassen, dass die Bauten aus der Sehnsucht nach einem idyllischen Heim entstanden sind.

100.000 Neue pro Jahr

„Als Kind war das sehr schön, wir waren nur weit weg von der S-Bahn“, sagte auch Anton Hofreiter im Spiegel-Interview über seine Kindheit im Eigenheim. In diesem Satz steckt schon so viel. Hofreiter ist Jahrgang 1970, er spricht hier über die 1970er und die frühen 1980er, als Wünschen und Bausparen noch etwas nützten. Kernfamilie, Haus im Grünen, Bundesliga, einmal im Jahr Italien-Urlaub, elementare Bausteine für die Kindheitsnostalgie der BRD-Mittelschicht.

Nur so lässt sich erklären, dass die Ortskerne der Kleinstädte leer sind, während immer noch neue Wohngebiete ausgewiesen werden. In Deutschland stehen 19 Millionen Wohnhäuser, und davon sind 12,6 Millionen Einfamilienhäuser, und jedes Jahr kommen 100.000 neue hinzu. Im Jahr 2019 fertiggestellte Eigenheime haben 16 Prozent mehr Wohnfläche als die 20 Jahre zuvor, sagt das Statistische Bundesamt. Wenn die Kinder in die Großstädte gezogen sind und die Babyboomer-Generation die verkehrsberuhigten Zonen verlassen hat, könnten daraus die fossilisierten Anlagerungen um deutsche Groß- und Kleinstädte werden, während in den Ballungszentren Wohnraum knapp ist.

Das Einfamilienhaus ist ein Problem, aber ein Verbot ist nicht die einzige Abhilfe. Hartmann beginnt mit Erstaunen darüber, dass das Einfamilienhaus bisher so wenig erforscht ist, und endet mit Modellen, die jene zerfaserte Randzone zwischen Stadt und Land wieder erschließen könnten. Dafür schaut er auf die Nachverdichtung von Wohngebieten. Ob nun Kleinsthäuser, die in Gärten errichtet werden, die Lösung sind, oder eine Renaissance der Mehrfamilienhäuser, es braucht auch, wie der Architekt Rem Koolhaas in seinem Buch Countryside fordert, ein ganz neues Denken über das Leben außerhalb der Stadt. Denn Narrative und Gefühle sind mindestens ebenso wirkmächtig, wenn es um die Lebensform Eigenheim geht.

Info

(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus Stefan Hartmann Triest Verlag 2020, 176 S., 39 €

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06:00 07.04.2021

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