Ein Bild von einem Bär

Porträt Der Eisbär war die Ikone der Klimaschützer und ein begehrtes Foto-Modell. Nun wird er nicht mehr niedlich, sondern als Bedrohung und Plage inszeniert. Was ist passiert?

Ist der Eisbär noch Problemdarsteller? Anfang Februar, an den eisigen Tagen, erschien auf dem Titel verschiedener Zeitungen das Agenturbild eines von Schnee gepuderten Eisbären, der sich mit den Vordertatzen die Ohren zuhält. Den Fotografen muss die menschliche Anmutung dieser Geste interessiert haben. Und nicht der Eisbär als Warnsignal für den Klimawandel. Um die draußen gefühlte Kälte zu übertragen, konnte man den Eisbären ohne echte oder Photoshop-Scholle im Close-up sehen. Ein kontextfreier, verkindlichender Schnappschuss. "Ich halt das nicht mehr aus", textete die Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ließ das wilde Tier für die Leserschaft sprechen. Wenn sogar für einen gewappneten Eisbären die zweistelligen Minustemperaturen nicht mehr erträglich sein sollten, musste es wirklich kalt sein.

Alle mögen Tierbilder, gerade wenn sich die Tiere wie ungeschickte Menschen anstellen und dabei noch niedlich aussehen. Das legen jedenfalls die Klickzahlen für Tierclips auf Youtube nahe. Wenn Eisbären auftreten, dann meist in Videos, die vom Rand des Geheges aus aufgenommen wurden. Der Zoobesucher will den inszenierten Eisbären sehen. Ein Zirkustier. Der Zoo in Toronto beispielsweise hat bis Mitte März einen Namenswettbewerb für seinen neugeborenen Bären ausgeschrieben. Das populärste Video eines jungen Bären zeigt ein Tier im dänischen Aalborg beim Spielen mit seinen "Weihnachtsgeschenken".

Es ist das Bild des Eisbären, das uns in der visuellen Kultur fasziniert. Wofür steht es? Seit der Klimawandel als politisches Handlungsfeld erkannt wurde, scheint der Eisbär zwei mediale Identitäten bekommen zu haben, die nicht unabhängig voneinander existieren. Einerseits der Polarbär in der freien Wildbahn, auf der Scholle, der dramatisch das Problem des globalen Klimawandels verkörpert, ein Abziehbild der Natur. Andererseits der denaturierte Zoobär, das niedliche Produkt. So wie Knut.

Mit di Caprio auf dem Cover

Alle wollten den Bären aus dem Berliner Zoo. Politiker sahen in ihm den niedlichen Klimabotschafter, und für die meisten Zoobesucher war er ein niedliches Kuscheltier. Die Medien wollten beides in einem. Seit Knut 2007 im Berliner Zoo auf die Welt kam, wurde der Eisbär zur Ikone. Der Liebling der Medien – die deutsche Vanity Fair nannte ihn "Weltstar aus Deutschland". So verspielt hatte der Hype einen ernsten Hintergrund: Der globale Klimawandel stand auf der Agenda der internationalen Politik. Knut schaffte es dann sogar auf das Cover der internationalen Ausgabe von Vanity Fair, in einer Fotomontage war der drei Monate alte Baby-Eisbär zusammen mit dem Hollywoodschauspieler und Klima-Aktivisten Leonardo di Caprio zu sehen. Beide befanden sich auf einer Eisscholle. Di Caprio war für das Shooting eigens in die Arktis geflogen. Getrennt voneinander wurden sie von der amerikanischen Fotografin Annie Leibovitz porträtiert. Beide Motive schmolzen in einem Bild zusammen: Der Zoo-Eisbär und der bedrohte Eisbär auf der Scholle.

Als Knut im März 2011 plötzlich starb, legten Fans Blumen und Stofftiere vor dem Gehege ab. Es war bis zum Schluss die perfekte Inszenierung. Auch jetzt, zum einjährigen Todestag in diesem März, ist wieder Spektakel: In einer 15.000 Euro teuren Bronzefigur soll "Knut, der Träumer" verewigt werden.

Der verträumte Eisbär ist ein globales Produkt: Nicht nur der Zoo hat mit Knut viel Geld eingenommen (der Aktienkurs war gestiegen), Haribo verkaufte Knuddel-Knut’sch und die Teddy-Bär-Firma Steiff einen weißen Stoffbären, der nur nicht Knut heißen durfte – der Berliner Zoo hat auf den Namen Markenrecht. Aus dem Klimabotschafter, den der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel bei einem Besuch wie ein Hündchen knuddelte, war Kitsch geworden.

Ende des vergangenen Jahres gingen dann ganz andere als die niedlichen Bärenbilder durch die Medien. Der verlorene Eisbär auf der Scholle wurde von drastischeren Fotos überlagert, die in tabu areas entstanden sind: Eines zeigt etwa einen hungrigen ­Eisbären in der Arktis. Ganz nach Kannibalenmanier hatte er sich einen jüngeren Artgenossen geschnappt, da Robben, seine ­eigentliche Beute, immer seltener vorkommen. Ein Umstand, der auch auf den Klimawandel zurückgeführt wird. Es gab auch das Bild von einem Eisbären, der durch die nur dürftig mit Schnee überwehte Tundra im Nordosten Kanadas streift. An der Küste angekommen, wird er darauf warten, dass die Hudson Bay zufriert und er auf Robbenjagd gehen kann. Der Eisbär läuft über Gras? Da sieht das Tier auf der Scholle doch viel normaler aus.

Der Eisbär in der freien Wildbahn hat seinen festen Platz im kulturgeschichtlichen Repertoire. Man sieht ihn auch in dem Bilderbuch Polar Bear des amerikanischen Künstlers Mark Dion, der sich mit Ökologie und der kulturellen Repräsentation von Natur befasst. In europäischen und amerikanischen Naturkundemuseen hat Dion die Inszenierungen von ausgestopften Eisbären fotografiert. Auch in den Museen wird der Eisbär als niedliches unabhängiges Tier im Polareis gezeigt. Nur im Los Angeles County Museum stellt man ihn in aufrechter Haltung als bedrohliches wildes Tier aus. Womöglich haben einige Amerikaner dann doch ein anderes Verhältnis zu diesen Tieren, weil sie in der nordamerikanischen Wildnis real vorkommen können.

Der Eisbär ist ein Einzelgänger. Wenn man ihn auf der Scholle sieht, repräsentiert er das Schmelzen der Arktis, das von der Zivilisation unberührte Leben. In der Arktis hat das Tier keinen natürlichen Feind.

Tierschützer aber vermenschlichen ihn in ihren Kampagnen ebenso wie Youtube-Amateure oder Bildredakteure. Die Organisation PETA beispielsweise schreibt über den Eisbären-Vater von Knut, er sei „ein gebrochenes Lebewesen mit reizarmem Gemüt“ und wirbt mit Celebrity-Tierschützern wie Stella McCartney. Der Deutsche Tierschutzbund forderte nach dem Tod von Knut, die Haltung von Eisbären im Zoo müsse auslaufen, weil sie nicht artgerecht sei.

Als Metapher wirkt der weiße Eisbär ebenfalls: wie ein weißes Blatt Papier. So bietet er eine ideale Projektionsfläche für alle möglichen Interessen, dabei steht er längst für ein reales Problem. Trotzdem wird er in der westlichen Kultur vor allem als Bilderbuchmotiv, Comicfigur und Teddybär benutzt. So bleibt das Bild der Unschuld, ohne Ursache-Wirkung-Mechanismen. Der Eisbär in der Arktis, er scheint immer noch eine Sehnsucht zu erfüllen. Dabei ist sein Image des einsamen Helden nicht mehr frei vom Gedanken an den Klimawandel. Würde die Band Grauzone den Eisbären heute noch als Identifikationsfigur besingen („Ich möchte ein Eisbär sein, am kalten Polar ...“„)? Der Traum vom wilden Tier, das seine Ruhe hat – dieses Bild ist gestört.

Bibel und Splatter-Action

In einem auf Youtube veröffentlichten Kinospot haben die Londoner Aktivisten ­Plane Stupid mit dem Maskottchen des Klimawandels aufgeräumt. "It’s really not about polar bears any more" ("Es dreht sich wirklich nicht mehr um Eisbären"), so die simple Botschaft. Der professionell produzierte Clip in 3D-Animation zeigt Eisbären, die vom Himmel in ein beliebiges Finanzviertel einer Metropole stürzen. Mit Bibelzitat und Splatter-Action nutzt der Regisseur die Macht der Bilder, um Billigflieger und Greenwashing zu kritisieren. Dabei gelingt es Plane Stupid, neue Motive in die etablierte Landschaft der Umweltbewegungen zu setzen.

Wie ist die Bibel-Referenz der "tierischen Plage" zu verstehen? Kommen die Eisbären nun wie die Heuschrecken über uns? Als Parabel auf die Ausbeutung der Natur durch den Menschen? Hier soll wohl eher die inflationäre mediale Verwendung des Eisbären als Klimasymbol angeprangert werden. Und die tierischen Plagen dienten schon in der Bibel als Mittel für Dramatisierung. Das Motiv von den fallenden Eisbären bezieht sich interessanterweise noch auf ein anderes Medienbild, das sich ins kollektive Bildgedächtnis eingebrannt hat – 9/11.

So wie im Spot die Eisbären stürzten damals Menschen aus den Türmen des World Trade Center. Es waren immer nur Bilder von Stürzen zu sehen, nie aber der Aufprall eines Körpers. Mit diesem Tabu bricht nun der Eisbären-Clip und tritt gleichzeitig aus dem bisher eng definierten Bildrepertoire Klimakatastrophe heraus. Der Clip orientiert sich an einem Ereignis, von dem es heißt, dass es unseren Blick auf Medienbilder und die Vermittlung von Realität verändert hat. Aber es gibt zu 9/11 keine Bilder, auf denen man den Aufprall von Menschen sieht. Im Video von Plane Stupid dagegen knallt der Eisbär in der letzten Einstellung auf einen geparkten Cadillac. Ein Youtube-Nutzer schreibt: "Das Einzige, das mich in diesem Video irritiert, ist die Tatsache, dass der Eisbär auf einem Cadillac landet."

Die Eisbären prallen 'physisch' auf die kalte, harte Oberfläche der kapitalistischen Architektur: Natur und gebaute Umwelt treffen auf drastische Weise aufeinander. So entsteht ein großes Unbehagen beim Zuschauer. Und die Aussage von individuellem „Täter“ oder „Opfer“ wird zu einer viel direkteren Kritik an den kapitalistischen Strukturen. Der Eisbär als Symbol für die Klimapolitik war der Eisbär in seinem Habitat, in der Arktis. Diese Umwelt gilt zwar als bedroht, aber sie ist weit weg.

Durch die Distanz blieb der Eisbär auf der Scholle ein schönes, reines Bild, das die menschliche Lebenswelt nicht berührte. Nun bringt man in beinahe surrealistischer Manier zwei Dinge zusammen, die auf den ersten Blick gar nichts verbindet – der Clip setzt ganz auf das physische Unbehagen, das die Situation auslöst.

Wieder dient der Eisbär als Mahner. Nur radikaler. Und sichtbarer. Ob diese neuen Bilder aber zu neuen Handlungen führen, ist offen. Es ist nun nicht mehr der Eisbär allein, die Ikone der Klima-Aktivisten, auf die man sich beschränkt. In einer Zeit, in der auch die Umweltbewegung ein unhierarchisches Netzwerk ist, das sich aus verschiedenen Gruppen zusammensetzt, soll nicht länger in alten Kategorien wie dem Ikonenbild über die Zukunft nachgedacht werden. Es ist Kitsch geworden.

Nicht mehr blütenweiß

Der Eisbär von morgen wird nicht mehr so blütenweiß vor die Kamera treten. Sein Fell wird Grau- und Brauntöne haben, weil er über abgetaute Brachflächen wandern wird. Dem Eisbären geht mit dem Schmelzen der Arktis sein Lebensraum verloren. Wir Betrachter müssen uns daran gewöhnen. Der weiße Eisbär wird bald keine Tautologie mehr sein. Die Bilder vom Bären auf der Scholle werden als der Anfang vom Ende ins Archiv eingehen.

Der Eisbär als Symbol des Klimawandels wird mittlerweile auch von Akteuren wie dem Ökostromhersteller Entega, Sponsor der diesjährigen Berlinale, benutzt. Für eine Aktion bei dem Filmfestival hat das Unternehmen Eisbär, Pinguin, Schornstein und Solarzelle auftreten lassen – die Verursacher, die Betroffenen, die Lösung. Auch eine Werbebotschaft.

Der Eisbär ist in der Welt des Spektakels angekommen.

Vera Tollmann ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet als freie Autorin in Berlin. Für sie bleiben Eisbären wilde Tiere.

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15:00 24.02.2012

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