Ein Bild von einem Schiff

Gorch Fock Der Hof zur Schule der Gorch-Fock-Offiziere ist mit einem Schlagbaum abgesperrt. Wer dennoch hineinblickt, entdeckt auch etwas in sich selbst

Dass Gebäude einen Geist haben, begründet nicht nur Gespenstergeschichten, sondern auch Museumsbesuche und Bildungsreisen. Und manchmal wird einem bewusst, dass nicht nur auf der Akropolis und dem Forum Romanum Geschichte stattgefunden hat, sondern man in ihr lebt. In ihr, mit ihr, auf ihr. Wer hat in meinem Büro im Landtag im vorletzten Jahrhundert gesessen und welche Pläne ausgeheckt? Vielleicht wurde an meinem Schreibtisch der Tirpitz-Plan ausgearbeitet? Immerhin war der heutige Kieler Landtag bis 1919 die kaiserliche Marineakademie. Hier haben die revolutionären Matrosen 1918 dem Stadtgouverneur Wilhelm Souchon und Gustav Noske ihre Forderungen nach Republik und Frieden übergeben. Da allerdings war die Marienakademie bereits nach Flensburg verlegt worden – halboffiziell begründet mit der Angst vor dem Mob. Kiel war zu proletarisch geworden, zu viele Werftarbeiter, zu viele Matrosen. 1907 bis 1910 wurde deshalb an der Flensburger Förde ein neues Gebäude errichtet, im gleichen roten Backsteinstil wie der heutige Landtag, aber opulenter, verschnörkelter – und abgelegener.

Mürwik gehört heute zum weiteren Innenstadtgebiet Flensburgs. Wenn man mit dem Auto oder Fahrrad rausfährt, wird die Stadt alle hundert Meter weniger schön. Anfang des 20. Jahrhunderts war Mürwik ein Dorf ohne Anbindung. Man war unter sich, die roten Fahnen und sozialdemokratischen Reden weit weg. Fast so weit, wie heute die Marineschule für mich. Obwohl ich sie beim Baden mit den Kindern vom Strand im Sommer täglich sehe – unübersehbar, wie sie das Ostufer Flensburgs prägt mit ihrem hohen, spitzen Turm, wie ein Schloss, das Rote Schloss am Meer, sagt man auch in der Stadt – hab ich sie doch nie wahrgenommen. Erst die Berichterstattung über die Gorch Fock der letzten Tage machte die Marineschule präsent. Hier sind die Kadetten stationiert, wenn sie an Land sind. Hier wird Nautik, Strategie, Marinegeschichte unterrichtet. Und hierher zog sich Karl Dönitz im Mai 1945 zurück und regierte die letzten 20 Tage des europäischen Teils des Weltkriegs über das, was von Deutschland übrig geblieben war. Hier wurde die „geschäftsführende Regierung“ des Nazi-Regimes verhaftet. Welcher Kadett sich wohl fragt, wer in seinem Zimmer schon geschlafen hat? Dem wird nicht nachgegangen, es gibt kein Gedenkstätten-Konzept, dieser historische Ort erhält kaum Beachtung.

Fahrt auf gut Glück

Vor zwei Jahren führte das Theater Kiel das Revolutionsstück „Neunzehnachtzehn“ auf. Ich hatte es (mit-)geschrieben. Es wurde in einer alten Maschinenhalle inszeniert – auf dem Gelände und im Besitz der Marine. Zur Premiere kamen eine ganze Reihe Admiräle, klatschten, als die Internationale gesungen wurde, und diskutierten im Anschluss über die Berechtigung von Meuterei und die historische Bedeutung des Matrosenaufstandes. Ich fand das merkwürdig und beeindruckend gleichzeitig. Die Schauspieler in ihren kaiserlichen Militäruniformen, die Admiräle in ihren bundesrepublikanischen. Dass wir auf dem Gelände der Marine ein Theaterstück über Befehlsverweigerung und Meuterei aufführten, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Als 1982 ein Denkmal erreichtet wurde, das an den Matrosenaufstand erinnert, gab es eine große Debatte über Vaterlandsverrat.

Ich fahre auf gut Glück raus nach Mürwik. Einen Besuchstermin hatte ich für den Montag nicht mehr bekommen. Kurz vor dem Kraftfahrzeugbundesamt zeigt ein Hinweisschild, wo man rechts abbiegen muss. Die Straße wird zum Kopfsteinpflaster, das zur Flensburger Förde abfällt. Durch den Nebel und die nackten Bäume sieht man sie hinter den roten Gebäuden, grau wie Schiefer. Alles ist vollgeparkt, ich stelle mich auf einen Bordstein bei der Mauer und habe ein leicht mulmiges Gefühl, hier etwas Halbverbotenes zu tun. Der Hof zur Marineschule ist mit einem Schlagbaum abgesperrt, einen Wachposten im Schilderhäuschen aber ohne Uniform – es sei denn, ich erkenne die Uniform in dem blauen Parka nicht – frage ich naiv, ob ich mich auf dem Gelände einmal umsehen könne. Das kann ich natürlich nicht. Und um die Marineschule herum zur Förde gehen kann man auch nicht. Ich spähe über die Mauer, die schön mit roten Schindeln gedeckt ist. Ein weiter Innenhof, dahinter viele weitere Häuser, alle roter Backstein. Hoch über allem die deutsche Fahne mit Adler. Irgendwie wirkt sie anders als in den Fußballstadien. Da ist sie nur Staffage und Mode, hier steht sie für etwas.

Hier, in der Schule, waren auch die Kadetten, die jetzt angeblich gemeutert haben. Hier waren alle aktiven deutschen Marineoffiziere, viele Tausend wurden hier geschult. Und früher prägten sie das Stadtbild in Flensburg. Wenn sie mit ihren schnieken Ausgehuniformen unterwegs waren, dann drehten sich die Mädchen nach ihnen um, sagt die Mutter eines Freundes, die sich so sehr wünschte, dass auch er ein Teil der Marinetradition ihrer Heimatstadt würde. „Wenn du zur Marine gehst, dann fährst du auf der Gorch Fock.“

Damit bin ich aufgewachsen. Marine und Gorch Fock, das war was! Und unter dem U-Boot-Ehrenmal in Laboe an der Kieler Förde haben wir im Sommer gesessen und geraucht, und nie wären wir darauf gekommen, dass es irgendwie komisch ist, der Heldenkult, das Seewolf-Gerede. Wer in Schleswig-Holstein am Meer aufwächst, wächst mit der Marine auf, ihrer Tradition und ihrer Gegenwart. Die Kieler Förde hat wunderbare Bunkerruinen, in denen einen niemand findet. Zwischen meinem Heimatort und dem Laboer U-Boot-Ehrenmal führt ein schmaler Wanderweg zwischen zwei Zäunen mit Natodraht hindurch, meine alte Joggingstrecke, Liebesweg für meine Beziehungen bis 18. Und wenn man da Hand in Hand des Nachts schlenderte – oder anderes tat – wurde man ab und zu von Wachposten auf der anderen Seite des Zauns ermahnt, dass es schon nach Mitternacht sei.

Unter der Marineschule Mürwik erstreckt sich ein großes unterirdisches Bunkersystem, von dem aus die Natoflotten in der Ostsee dirigiert werden. Irgendwo muss es ja solch eine Station geben, aber dass sie unter dem alten Gebäude der Kaiserlichen Ausbildungsakademie liegt, hätte ich nicht gedacht. So wie in der HDW-Werft in Kiel – ich schaue von meinem Bürofenster direkt in das Trockendock – U-Boote gebaut werden, auch solche, die potenziell mit Atomsprengköpfen ausgerüstet werden können. Sie sind ganz selbstverständlich Teil der Stadt und des Lebens hier.

Zu den ersten politischen Sozialisationen von mir gehört, dass ich als Halbstarker in eine Demo der DKP geraten bin, die für den Bau der Untersee-Boote für irgend ein Tyrannenland demonstrierte, um die Arbeitsplätze zu schützen. Das war im vergangenen Jahrtausend, aber die Gegenwart ist nicht minder irritierend. Das Ausmaß der Rüstungsproduktion wird hier nicht hinterfragt.

Natürlich wusste ich, dass die Gorch Fock ein Segelschiff ist, und als Kind wie als Politiker sehe ich sie in die Kieler Förde einlaufen, und der Landtag hat eine Patenschaft mit ihr. Aber dass das Schiff wirklich ein Segelschiff ist, so eines wie die Bounty, auf der gebrüllt und gerefft und aufgetakelt wird, gemeutert und in Hängematten geschlafen, das ist mir nicht klar gewesen. Es ist das Spiegelbild zur Heimatbasis der Kadetten, der Marineschule, wo unter dem Alten die Technik in ihrer höchsten Form aufgefahren ist.

Cola gegen den Schmerz

In dieser Ambivalenz schwingt auch eine politische mit. Die Gorch Fock war das erste Schiff, das nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in die Häfen anderer Länder eingelaufen ist und dort gern gesehen war. Der weiße Rumpf, die weißen Segel, irgendwie ist es der Gestalt gewordene Wunschgedanke von einem anderen, sauberen, besseren Militär und damit auch eines anderen, besseren Deutschlands. Das macht die Poesie dieses Schiffes aus. Und klickt man im Internet auf „Bilder“ zum Suchbegriff „Marineschule Mürwik“ sieht man die Kadetten in weißen Matrosenhemden angetreten vor dem Roten Schloss, Brust raus, Bauch rein, die weiße Matrosenmütze mit den schwarzen Bändern. Wie ein Faschingsaufzug, wie eine Maskerade, wie ein Spiel.

Die Fallhöhe ist gewaltig, wenn plötzlich klar wird, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird, beziehungsweise Cola-Dosen palettenweise ausgegeben wurden, nachdem die Kadettin aus dem Mast stürzte. Plötzlich landet man – ich – aus den Haiti-in-Sicht-Kindheitsträumen auf den harten Planken des Schiffsalltags. Und die erste pazifistisch gespeiste, politisch korrekte Empörung weicht einer Scham. Selbstverständlich ist die Gorch Fock ein Schiff, das zum Dienst auf Kriegsschiffen vorbereitet. Und die Zeiten, in denen die Bundeswehr niemals in den Einsatz geschickt wurde, sind vorbei. Und wer will schon widersprechen, wenn einem ein Mann, der Goethe und Mann gelesen hat und so gar nichts von einem schindenden Offizier hat, erklärt, dass Seefahrt rau ist und gefährlich.

Es ist ja nicht so, dass man das nicht gewusst hat. Im Gegenteil, man hat es gewusst. Ich jedenfalls. Und deshalb ist es auch nicht ehrlich, wenn jetzt eine Empörungswelle aufbrandet, nach dem Motto: Hätte ich das gewusst! Die Wahrheit ist, der Reiz der Gorch Fock und der Marine insgesamt liegen darin begründet, dass sie als Symbole genommen, als Zeichen gelesen, als Bilder verherrlicht wurden, dabei aber tatsächlich Wirklichkeit sind – und oft eben eine beschissene, genauso beschissen wie eben die Wirklichkeit ist. Das schließt Sexismus, Diebstahl, Schikane mit ein. Und falls das geduldet wurde, ist das in keiner Weise hinzunehmen, gerade weil die Offiziere ja nicht wie der naive Politiker an seinem Schreibtisch oder der gutgläubige Bürger ein abstraktes Bild vom Leben auf See haben. Der Punkt jedoch ist, dass auch die anderen, Politiker und Bürger, eigentlich wussten, was Sache ist. Schlimmer noch: es fühlten.

Der Landtag Schleswig-Holstein hat seit 1982 eine Patenschaft mit der Gorch Fock. Die wurde in der gerade zurückliegenden Plenarsitzung beschworen. Aber was heißt „mit der Gorch Fock“? Das Schiff wird personifiziert, wie es Brauch ist in der Seefahrt. Aber sinnvoll ist eine Patenschaft doch nur mit der Besatzung, den Auszubildenden und der Stamm-Mannschaft, den Menschen. Gemeint aber ist eine Patenschaft mit Planken, Mast und Segeln. Auf die bezieht sich die Verehrung. Mit anderen Worten: die menschliche Realität wird ausgeblendet.

Es gibt ja durchaus bewegliche Denkmäler. Falls die Fock nicht weiter als Ausbildungsschiff dient, muss man sie wohl unter Denkmalschutz stellen und als Museumsschiff einsetzen. Aber damit wäre ihr Reiz weg. Das Schiff, sein Ruf und sein Mythos speist sich aus der Poesie einer Illusion. Doch um Illusion sein zu können, braucht sie die Wirklichkeit. Die Entzauberung der Gorch Fock zeigt den Mechanismus auf: Sie ist ein Ideal der Wirklichkeit, um gerade die zu verdrängen.

Der Reiz der Marine ist ihre Wahrnehmung als das Nicht-Militärische. Das ist Teil ihres Traditionsbestandes – und dieser hat sich vererbt, auch wenn die Marine längst demokratisch, republikanisch, aufgeklärt geworden ist. Was einem bei der Debatte um die Gorch Fock unerwartet gegenüber tritt, ist ein Gespenst. Irgendwann hat man verdrängt, was eigentlich die Wirklichkeit ist. Manche Armeen mögen besser sein als andere, gute Armeen aber gibt es nicht. Wenn das verdrängt wird, ist das nicht die Schuld der Wirklichkeit.

Robert Habeck ist Schriftsteller, Vater von vier Söhnen und Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Schleswig-Holstein. Er lebt an der dänischen Grenze und veröffentlichte 2010 das Buch Patriotismus. Ein linkes Plädoyer

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13:00 29.01.2011

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