Ein Biotop für die Mopsfledermaus

Nicht in Berlin 2012 wurde ein neuer Betreiber für die Wolfsschanze, das sogenannte „Führerhauptquartier“ Adolf Hitlers in Polen gesucht. Noch immer verwahrlost der Ort
Thomas Klatt | Ausgabe 39/2015

Herrlich klare Seen und Flüsse für Paddler oder Segler, diese Natur, diese Wälder. Und die Geschichte der Masuren. Schon in kleinen Städten und auf umliegenden Straßen werben riesige Schilder für die Ruiny d. Kwatery Hitlera, die Wolfsschanze. Ein Gelände, acht Kilometer von Kętrzyn entfernt, nahe der russischen Grenze. Hier hat sich Adolf Hitler nebst Beraterstab und mehr als 2.000 Mann Besatzung fast drei Jahre lang aufgehalten, um näher an der Ostfront zu sein. Ein historischer Ort, 57 Hektar Wald, Bunkerruinen, umrahmt von Seenlandschaften und Sumpfgebieten.

Um auf den Komplex des ehemaligen „Führerhauptquartiers“ zu gelangen, muss man fünf Euro Eintritt zahlen. Am Eingang laden Plakate zur Rundfahrt in originalen Wehrmachtsfahrzeugen ein, die kosten allerdings extra. Ein Ticket gibt es nicht, das Geld wird einem von einem Mann in Zivil abgenommen. Ein Bus der Bundeswehr parkt neben überraschend vielen Wagen mit polnischen und deutschen Nummernschildern. Es gibt ein Restaurant und man kann im ehemaligen Hotel für die SS-Offiziere übernachten. Ein kleiner Verkaufspavillon bietet Literatur, Bilder und Merchandising-Artikel an, Tassen mit Bunkeraufdruck zum Beispiel. „Guck mal, der Hermann“, rufen zwei alte Deutsche. Der Rundweg beginnt.

Weltkriegsfeeling

Man findet die berühmte Lagebaracke, in der das Stauffenberg-Attentat stattfand, Gästebunker, Bormanns Bunker, Görings Bunker, Jodls Bunker, Flakbunker, Offizierskasino, Mannschaftsunterkünfte, Feuerbecken, Klärgrube. Die kleine Militärstadt, einst perfekt unter Tarnnetzen versteckt, war für die Alliierten unauffindbar. Nie wurden hier Bomben abgeworfen. Man kann heute noch ein paar Tarnnetze sehen, herumliegende Bunkertrümmer, schräg in die Luft stehende meterdicke Betonplatten, bizarr verdreht. Heraustretende Stahlbewehrung, MG- und Flakstellungen auf Türmen, die um 90 Grad gekippt auf dem Sandboden liegen. Die Wehrmacht hatte das Gelände vor dem Eintreffen der Roten Armee gesprengt, die meisten Gebäudekomplexe und Anlagen sind aber noch erhalten. Wer hier ein modernes Freilichtmuseum am Originalstandort mit didaktischem Konzept erwartet, bleibt ratlos zurück. Nur an dem Ort, an dem Stauffenberg am 20. Juli 1944 seine berühmte Aktentasche mit Bombe abstellte, findet man eine unscheinbare Gedenktafel aus Bronze, Anfang der 90er Jahre angebracht. Mehr kann man an diesem Ort nicht erfahren über die Epoche, für die er steht.

Dafür preschen Kinder ohne jegliche Sicherung im Motorradbeiwagen über das Gelände. In einem Kübelwagen liegen Kriegsutensilien herum, ein Schießstand in einem Bunker bietet Weltkriegsfeeling: Büchsenschießen mit original Wehrmachtskarabinern. Zwar sind überall auf den Bunkeraußenwänden Warnhinweise aufgemalt, doch nur die wenigsten Eingänge sind versiegelt. Halbe Busladungen drängen sich in einem noch fahrtüchtigen Schützenpanzerwagen. So können sie sich fühlen, als wären sie Teil der SS-Leibstandarte des „Führers“ gewesen. Helme oder alte Munition kann man nicht nur anfassen, sondern auch kaufen. Hierzulande wäre undenkbar, dass aus einer der wichtigsten Macht- und Schaltzentralen des Zweiten Weltkriegs ein Abenteuerspielplatz wird. Ein polnischer Privatinvestor hat aus einer Nazi-Ruinenlandschaft ein Happening für Touristen gemacht.

So wenig Geschichte

2012 wurde ein neuer Betreiber gesucht, die Bunker und das Restaurant sollten modernisiert werden. Touristen sollten nicht mehr nur für eine oder zwei Stunden etwas ratlos durch ein verwahrlost anmutendes Gelände irren, ohne Infoblätter, geschweige denn Führungen. Die Verpachtung durch das Forstamt, also den Staat, erfolgte unter der Vorgabe, dass endlich auch ein historischer Pfad errichtet wird. Dem ist der jetzige Pächter nicht nachgekommen.

Der Staat klagt nun auf Entzug der Lizenz. Auf schriftliche Nachfragen reagiert der Investor jedoch nicht. Und sein Konzept geht ja auf, jährlich kommen hunderttausende Touristen. So wenig Geschichte an einem so historischen Ort.

Man müsse das verstehen, erklärt die Historikerin und Ethnologin Katarzyna Woniak vom Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. In ihrem Land sei es nach dem Krieg vor allem um die Stätten, an denen es die meisten Opfer gab, gegangen. Das KZ Majdanek war da der erste Ort nationalen Erinnerns, dort wurden besonders viele Polen ermordet. Deutsche Bunkeranlagen lagen kaum im Blick der polnischen Regierung, und tun es bis heute nicht. Gedenkstätte, dieser Begriff würde in Polen so nicht funktionieren.

Außerdem hätten viele Polen weniger Probleme mit Militär und Waffen als die Deutschen. Eine Familientour im deutschen Radpanzer werde kaum als anstößig empfunden. Und in Polen lebt das Reenactment: Häufig werden historische Schlachten nachgespielt. „Das ist sehr beliebt, nicht nur in Tannenberg, wo die gemeinsame Streitmacht der Polen und Litauer 1410 den Deutschen Orden besiegte, sondern auch in kleinen Dörfern und Gemeinden, in denen der Zweite Weltkrieg nachgestellt wird“, sagt Katarzyna Woniak. Da sehe man dann Kinder in SS-Uniformen, die auf andere schießen.

Und auf welche Weise man sich erinnert, wird in Polen nicht zentral vorgegeben, sondern von verschiedenen Akteuren bestimmt, staatlichen Museen, Kommunen, Städten, Gemeinden. Sie entwerfen Ideen für ihre jeweilige Region. Zwei Millionen Euro würde es ungefähr kosten, das Gelände der Wolfsschanze auf ein historisch-wissenschaftliches Niveau zu hieven. Der Staat will so viel Geld bislang nicht ausgeben. Für eine weitere Informationstafel hat es immerhin gereicht: „Die 57 Hektar des Kriegsquartiers ‚Wolfsschanze‘ sind nach der Richtlinie des Europarates 92/43/EWG ein überlebenswichtiges Biotop für die Mopsfledermaus.“

06:00 07.10.2015

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