Ein bisschen Mühe

Im Gespräch Die Regisseurin Jasmila Zbanic über ihren Film "Esmas Geheimnis - Grbavica" und die unterschiedlichen Reaktionen darauf im ehemaligen Jugoslawien

Der Goldene Bär der diesjährigen Berliner Filmfestspiele ging zur allgemeinen Überraschung an die bosnische Filmemacherin Jasmila Zbanic für Grbavica. Unter dem Titel Esmas Geheimnis kommt er nun in die Kinos. Jasmila Zbanic erzählt darin von einer Frau, die im heutigen Sarajevo lebt, gemeinsam mit ihrer zwölfjährigen Tochter Sara. Die wächst wie viele Kinder ohne Vater auf. Denn jener, so erzählt es ihre Mutter Esma, sei ein "Schechid" gewesen, ein Kriegsheld, der während des Bürgerkriegs auf dem Balkan gefallen sei. Doch Esmas Erzählungen sind Sara zu vage. Sie will mehr über ihren Vater erfahren - genau genommen alles.

FREITAG: "Esmas Geheimnis - Grbavica" handelt von den Auswirkungen des Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gemacht?
JASMILA ZBANIC: Ich drehe Filme, um meine Erfahrungen auszudrücken. Deshalb fällt es mir schwer, sie in Worte zu fassen. Natürlich kann ich über technische Dinge reden: Dass ich fast fünf Jahre unter Besatzung gelebt habe, fast ohne Nahrung, Wasser oder Elektrizität und unter dem ständigen Beschuss von Heckenschützen und Bombardierungen. Aber was ich emotional erlebt habe, kommt jetzt erst richtig hoch.

Sie leben noch immer in Sarajevo. Hat sich diese Stadt völlig geändert oder ist etwas von dieser Kriegsatmosphäre übrig geblieben?
Wenn das so wäre, liefe etwas falsch. Denn es sind ja seither viele Jahre vergangen. Die Welt hat sich verändert und ebenso Sarajevo. Allein in den vergangenen fünf Jahren ganz enorm. Einige Dinge sind schlimmer als je zuvor, besonders die Wirtschaft und die sozialen Probleme. Aber es gibt auch Dinge, die besser geworden sind. Die jungen Leute zum Beispiel haben durch Kunst und durch den Aufbau von verschiedenen Organisationen eine neue Energie entfacht.

Grbavica ist ein Stadtteil von Sarajevo. Aber das Wort bedeutet doch noch mehr?
Grbavica bedeutet in meiner Sprache "die Bucklige". Für mich ist aber auch der Klang sehr wichtig: "Grbavica". Wenn man den Titel liest beziehungsweise hört, weiß man sofort, dass es sich nicht um eine romantische Komödie handelt. Ich weiß natürlich, dass die Menschen, die nicht aus Bosnien kommen, Schwierigkeiten haben, das auszusprechen, aber wenn sie sich ein bisschen bemühen, geht es doch. Das wiederum sagt viel darüber aus, wie Bosnien und unsere Kultur außerhalb des Landes wahrgenommen werden. Während des Krieges haben viele Leute gesagt, dass es schwierig sei zu verstehen, wer eigentlich gegen wen kämpft. Dabei ist das gar nicht schwierig. Man muss sich nur ein bisschen bemühen. Nun ja, vielleicht ist es nicht wirklich einfach, aber ich denke, sich zu bemühen, eine andere Kultur zu verstehen, ist gut für uns alle.

In Ihrem Film beschreibt Esma, wie sie während ihrer Schwangerschaft, die ja Ergebnis einer Vergewaltigung war, gegen ihren Bauch schlug, um eine Fehlgeburt herbeizuführen. Aber wir sehen in der Gegenwart, dass es ihr gelungen ist, eine positive Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen. Ist Esma eine Ausnahme unter den Opfern?
Es handelt sich bei Esma um einen fiktiven Charakter und wahrscheinlich eher um eine Ausnahme. Ich habe das mit meiner Schauspielerin Mirjana Karanovic und einigen betroffenen Frauen diskutiert. Für jene war es extrem hart, und Mirjana war für zwei Tage ganz außer sich und musste lange weinen, nachdem sie eine dieser Geschichten gehört hatte. Ich diskutierte mit ihr, ob wir etwas drehen, was es nicht gibt. Oder ob wir diesen Film überhaupt drehen sollten, der ja von Liebe handelt. In den meisten dieser Fälle war es den Müttern nicht möglich, Liebe zu entwickeln. Für mich ging es in unserer Geschichte aber darum, dass wir an die Liebe glauben.

Hat dieser Film in irgendeiner Form die Situation für die im Krieg vergewaltigten Frauen verändert?
Zunächst hat der Goldene Bär dem Film viel Aufmerksamkeit verschafft. Die bosnische Gesellschaft hatte diese Frauen eigentlich vergessen. Als ich mit dem Preis aus Berlin zurückkam, veränderte sich meine Position völlig. Ich konnte eine Kampagne leiten, die den Namen trägt: "Für die Würde der Überlebenden". Wir sammelten in den Kinos Unterschriften, mit denen wir zum bosnischen Parlament gingen und eine Gesetzesänderung forderten. Denn diese Frauen leben ohne jegliche staatliche Unterstützung. Nach unserem Gesetzentwurf würden sie den Status besonderer Bürgerkriegsopfer erhalten, das würde gesundheitliche Versorgung einschließen, finanzielle Unterstützung und einige Programme. Dinge, die bisher von internationalen Organisationen geleistet wurden. Was eine Schande für Bosnien ist. Und das sagt eine Menge über das Bewusstsein insbesondere von männlichen Politikern.

Ihr Film wurde nicht nur wohlwollend aufgenommen. Was war der Grund dafür?
Wir haben eine Menge Medienaufmerksamkeit in Kroatien, Slowenien und Bosnien erhalten. Aber nicht ein einziger Journalist aus Serbien wollte mit mir sprechen. Dabei war es eine riesengroße Sache, dass ein Film aus dieser Region im Berlinale-Wettbewerb war. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es nach der Berlinale eine so schreckliche Reaktion geben würde. Nicht wegen des Films - den hatte ja dort niemand gesehen -, sondern wegen meiner Aufforderung, die gesuchten Kriegsverbrecher endlich zu fangen. Dabei war diese Forderung, die ich bei der Preisverleihung aussprach, identisch mit dem, was auch der serbische Präsident sagte. Aber aus meinem Mund klang es wohl wie ein Angriff. Und deshalb wurde ich dann angeklagt, "religiösen und nationalen Hass zu verbreiten". Meine Schauspielerin, Mirjana Karanovic, die aus Belgrad kommt, erhielt Drohbriefe und wurde als Anti-Serbin beschimpft. Und der Boykott des Films in Serbien und der Republik Srpska, also des Teils von Bosnien, wo die Mehrheit der Bevölkerung aus Serben besteht, sagt eine Menge über den geistigen Zustand dieser Leute.

Waren das Stellungnahmen von offizieller Seite?
In der Republik Srpska gab es vor der Berlinale einen Kinobetreiber, der den Film zeigen wollte. Aber nach den heftigen Reaktionen aus Serbien wurde davon wieder Abstand genommen, aus ökonomischen Gründen, wie es hieß. Die EU schickte eine Warnung, dass das eine Form von Zensur wäre. Es gab Gespräche mit dem Kinobesitzer. Und der gab zu, dass er Angst vor radikalen Gruppen habe, die sein Kino angreifen und zerstören könnten. Wir haben ihn dann gefragt, was wir tun könnten, um das zu verhindern. Und er sagte: "Wenn Sie mit dem Premierminister Milorad Dodik sprechen und der in den Medien sagt, dass es in Ordnung sei, den Film zu zeigen, dann werde ich es auch tun." Wir sprachen dann mit dem EU-Repräsentanten, Herrn Schwarz-Schilling, der uns wunderbar half und einen Brief an Milorad Dodik schrieb mit der Bitte um Unterstützung. Aber der ist bisher nicht beantwortet worden. Ich hätte den Film sehr gern in der Hauptstadt Banja Luka gezeigt. Ich habe auch Einladungen von Nicht-Regierungs-Organisationen erhalten, aber das habe ich abgelehnt. Denn dass hieße einzugestehen, dass Banja Luka keine normale Stadt sei.

Es gibt im Film eine besonders ergreifende Szene, bei der die Kamera über die Gesichter der gezeichneten Frauen wandert, die sich zu einer Art Gruppentherapie treffen, um über ihre Erlebnisse zu sprechen. Waren darunter tatsächlich Betroffene?
Ich habe mit Frauenorganisationen zusammen gearbeitet, in denen ehemalige Opfer sind. Einigen von denen haben das Drehbuch gelesen und mir Ratschläge gegeben. Für die Dreharbeiten hatten wir dann ein kleines Budget für Statisten. Mein Assistent rief bei verschiedenen Organisationen an und fragte, ob einige mitwirken wollten. Sie waren einverstanden. Sie machen nun ungefähr die Hälfte derer aus, die man sieht. Und sie sind stolz, Teil des Films zu sein. Als wir dann die Kampagne begannen, identifizierten sie sich besonders mit dem Werk. Es war, als hätte ihnen jemand eine Stimme gegeben.

Esma ist zwar ein fiktiver Charakter. Aber was verleiht ihr eigentlich diese Stabilität, die sie im Leben ausstrahlt?
Ich habe ganz bewusst einen starken Frauencharakter gewählt, der aus der Stadt kommt. Obwohl die Mehrzahl der vergewaltigten Frauen vom Land kam. Das war Teil einer Strategie: Frauen zu nehmen, die nicht viel Bildung und kaum Unterstützung durch ihre Familien haben. Moslemische Frauen, die glauben, dass Sex vor der Heirat eine Sünde sei, so dass ihr gesamtes Weltbild durch die Vergewaltigungen zerstört wurde. Und die meisten von ihnen befinden sich sowohl psychisch als auch ökonomisch in schrecklichen Verhältnissen. Einen solchen Film hätte man sich aber gar nicht anschauen können. Die sind völlig verzweifelt. Aber ich komme aus Sarajevo, mein Weltbild wäre nicht durch diese Frauen zum Ausdruck gekommen. Also brauchte ich eine Protagonistin, die trotz der Geschehnisse in der Lage ist zu lieben. Man muss einen Leitfaden in der Hand haben, um all diese Dinge zu überwinden. Das ist die Welt, die ich erschaffen wollte.

Das Gespräch führte Bernd Sobolla


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00:00 07.07.2006

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