Ein bisschen wie ... Silbermond

Rock Die neue Tocotronic-Platte „Nie wieder Krieg“ ist anders anders als die zwölf Alben davor – das weckt Melancholie

Popmusik macht es einem nicht leicht. Erst euphorisiert sie, bringt die Sinne und das Denken durcheinander, dann wird sie zunehmend egaler, bis sie am Ende sanft verblasst. Das gilt für Hörer wie für Musiker. Intensität lässt sich nicht ewig steigern und auch die Idee der permanenten „Neuerfindung“ macht irgendwann keinen Sinn mehr. Großkünstler wie Scott Walker haben sich deshalb in Projekte zurückgezogen, die vielen als unhörbar gelten, aber umso schöner und mutiger schillern. Andere werden zur berechenbaren Marke und zum Museum ihrer selbst.

Bei Tocotronic war so etwas lange Zeit unvorstellbar. Mitte der 90er wirkten die Musiker so „forever young“ und liebenswert sperrig, als hätte sie sich der kauzige Regisseur Wes Anderson ausgedacht. Die ersten Konzerte fanden in der autonomen Roten Flora statt und in einer längst abgerissenen Butze namens Heinz Karmers Tanzcafé. Zeilen wie „Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“, klangen, als hätte Thomas Bernhard ein paar hochbegabte Neffen in Hamburg. In hohem Tempo feuerten Dirk, Jan und Arne (Rick kam später dazu) grandiose Einzeiler und Songtitel unter die Slacker des Schanzenviertels, ihre Frisuren und Outfits wurden begeistert kopiert. Bis es den Musikern zu viel wurde und sie sich nach dem Motto „1:1 ist jetzt vorbei“ in rätselhaftere, aber fast noch schönere Song-Sphären verabschiedeten. Die Theorie-Bändchen des Merve Verlags dienten ebenso als Inspiration wie der Dekandenz-Dichter Joris-Karl Huysmans, oder die Dandy-Eleganz von Bryan Ferry. Jedes Mal, wenn ein neues Album anstand, drängten wir Musikjournalisten uns, um einen Interview-Termin zu ergattern. So amüsant und klug waren die Gespräche, mit diesen netten Typen.

Das neue Album trägt den altehrwürdigen Titel Nie wieder Krieg und ist irgendwie … anders. Zu schwermütigen Klavierakkorden geht es im Titelsong um Verletzungen, Einsamkeit und die Sehnsucht nach innerem Frieden. Da verirrt sich ein Feuerwerk in die Luft, und während der Mond vom Himmel herabschaut, stirbt das Alte termingerecht am Neujahrstag. Doch wir haben Glück im Song-Unglück, denn ein Kind springt über die Hecke und schreibt an die Wände: „Nie wieder Krieg. In dir. In uns. In mir“. In Ich hasse es hier geht es um die Unmöglichkeit, sich bei Liebeskummer mit einer Tiefkühlpizza zu trösten, selbst wenn man Dosenchampignons und Kräuter der Provence drüberstreut: „Oh Gott! Ich hasse es hier, seitdem du mich verlassen hast“, singt Dirk von Lowtzow mit dem exaltierten Vibrato eines Operetten-Buffos.

Lieder über Träume und Liebe

Warum zerstören Tocotronic unsere über 25 Jahre gewachsene Beziehung? „Wir wollten, passend zur Zeit, Lieder über allgemeine Verwundbarkeit, seelische Zerrissenheit und existenzielles Ausgeliefertsein schreiben, über Einsamkeit und Angst, aber auch über Träume und Liebe“, tönt es im Beipackzettel des Albums. Als wären Tocotronic … Silbermond. Ödön von Horváths Jugend ohne Gott hängen sie ein zeitgemäßes gegen Faschismus an, was im Song aber keine Rolle spielt, weil hier Diamanten und Silberringe mit Füßen getreten werden.

Aber es gibt auch Gutes zu berichten. So überwältigend wuchtig, wie in Komm mit in meine freie Welt klangen Tocotronic selten – was mit Titel und Text gemeint ist, darüber müsste man allerdings noch mal in Ruhe reden. Ich tauche auf ist ein berührend zartes Duett mit Anja Plaschg alias Soap&Skin, so dunkel romantisch wie der Wassergeist Undine, von dem der Song handelt. Doch zu oft gehen einem halt die alten Zeiten durch den Kopf. Fans der Rolling Stones werden schmunzeln, sie kennen den Zirkus seit Jahrzehnten.

Info

Nie wieder Krieg Tocotronic Universal 2022

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