Ein Blick in die Hölle

Nordmexiko In dem Roman „Die toten Frauen von Juarez“ erzählt Sam Hawken eine fiktive Kriminalgeschichte und beschreibt dabei das soziokulturelle Bild Nordmexikos

In den letzten zwanzig Jahren wurden in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez mehrere hundert junge Frauen entführt und ermordet. Genaue Zahlen gibt es nicht, Schätzungen zufolge sollen es aber bis zu eintausend sein – womöglich auch deutlich mehr. Nicht zuletzt weil die oftmals korrupten Behörden in der auf Grenztourismus ausgelegten 2-Millionen-Stadt mauern und Ciuadad Juarez eines der Zentren des sogenannten mexikanischen Drogenkriegs ist, gibt es keine verlässlichen Opferzahlen. Der sogenannte „feminicidio“ ist mittlerweile aber nicht mehr nur in Ciudad Juarez, sondern auch in anderen mexikanischen Städten und außerdem in Guatemala zu beobachten. Die schrecklichen Ereignisse finden auch eine Aufarbeitung in der Literatur. Schon in Roberto Bolanos voluminösem Roman „2666“ sind die Morde an Frauen in Nordmexiko ein zentrales Motiv. Mit „Die toten Frauen von Juarez“ legt nun der 1970 geborene und in Texas lebende Sam Hawken eine fiktive Kriminalgeschichte rund um diese horrorartigen Ereignisse vor.

Im Zentrum von Sam Hawkens Roman steht der US-amerikanische Boxer Kelly Courter. Der 30jährige Alkoholiker und Ex-Junkie schlägt sich in Ciudad Juarez mit illegalen Boxkämpfen und Drogenhandel durch und kommt gerade so über die Runden. Seine Freundin Paloma engagiert sich in der Vereinigung „Frauen ohne Stimme“, deren Ziel es ist, Öffentlichkeit für die entführten und ermordeten Frauen herzustellen. Als Paloma selbst entführt und kurze Zeit später brutal ermordet aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf Kelly und auf Palomas Bruder Esteban, der mit dem heruntergekommenen Boxer und plötzlich wieder rückfällig gewordenen Junkie zusammen Drogen an Touristen verkauft. Ein Bundespolizist namens Sevilla, der schon seit einiger Zeit gegen Kelly und Palomas Bruder ermittelt, versucht die wahren Hintergründe der Tat aufzuklären, während die beiden in die Mühlen der polizeilichen Repression geraten.

Verhaftungen und unter Folter erpresste Geständnisse, die später widerrufen wurden, gab es im Lauf der letzten Jahre in Ciudad Juarez immer wieder. Die Behörden stehen unter Druck. Sam Hawken erzählt dies auf sehr drastische Art und Weise. Die Szenen im mexikanischen Gefängnis sind stellenweise an der Grenze zu Splatter angesiedelt. Hier liegt auch das Problem dieses Romans, der ein wichtiges Thema aufgreift und in den Fokus der Öffentlichkeit stellen will. „Die toten Frauen von Juarez“ erzählt, anders als es der Titel vermuten lässt, keine Geschichte verschwundener oder ermordeter Frauen. Die bleiben nicht mehr als ein Hintergrundrauschen in einer Geschichte, die sich primär um das Leiden und die absurde Gewalttätigkeit von Männern dreht. Kelly wird von einem sadistischen Polizisten halb tot geschlagen und der Bundesermittler Sevilla, der bald zu einer Art wahrheitssuchendem Held mutiert, leidet unter dem Verlust von Frau und Tochter, die ebenfalls entführt wurden. Nun ließe sich konstatieren, die fast völlige Abwesenheit der Frauen in diesem Roman spiegle das Verschwinden durch die Entführungen wider. Was bleibt ist das gewalttätige Verhalten der männlichen Protagonisten. Aber reicht das?

Kritischer Sozialrealismus

Besonders problematisch wird das an der Stelle, als der Bundesermittler Sevilla trotz Widerstände in den eigenen Reihen gegen einen verdächtigen Millionär ermittelt. Am Ende gelingt es Sevilla sogar, Kelly zu entlasten und eine Gruppe von sadistischen Vergewaltigern und Mördern aus der Upper-Class zur Strecke zu bringen. Nur gibt es diese Art von vorbildlichem Polizeibeamten in Ciudad Juarez, oder hat sich hier Sam Hawkens moralischer Wunsch nach Gerechtigkeit im Stil eines simpel gestrickten Krimis mit einem positiven Helden durchgesetzt? Gerade einmal zwei Prozent aller Morde werden in Mexiko aufgeklärt. Dass die Korruption in der Polizei eines der größten Probleme des Landes bei der Verbrechensbekämpfung ist, gibt sogar der mexikanische Innenminister unumwunden bei der Bekanntgabe der jährlichen Kriminalstatistik zu.

Dennoch, als Krimi an sich funktioniert Sam Hawkens Roman durchaus. Das Buch ist nicht nur spannend bis zur letzten Seite und stilistisch gut erzählt. Es entwirft auch ein soziokulturelles Panorama Nordmexikos und seiner urbanen Peripherien, in denen Armut und Gewalt dominieren. Die Mehrzahl der ermordeten Frauen arbeiteten in sogenannten „Maquliadoras“, Montagebetrieben, in denen vom Handy bis zum Spielzeug alles Mögliche für den Export in die USA zusammengebaut wird. Sam Hawken wirft in seinen zum Teil eindrucksvollen Schilderungen des Stadtraums von Juarez kurze Spotlights im Stil eines kritischen Sozialrealismus auf diese Arbeitsrealitäten und auf die slumartigen Siedlungen, die in die Wüste hineinwachsen und in unmittelbarer Nachbarschaft zu luxuriösen Gated Communitys mit Golfplätzen und Schwimmbädern liegen. Dieses unmittelbare Nebeneinander von Reich und Arm schildert Hawken eindrücklich, die Titel gebenden ermordeten Frauen haben in diesem Kriminalroman aber nur eine statistenartige Rolle.

Sam Hawken, Die toten Frauen von Juarez, Tropen-Verlag, 316 S., 19.95 .

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16:30 15.05.2012

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