Ein Brevier für Verschwörer

Putsch-Versuche Woran ist die Machtübernahme des türkischen Militärs gescheitert? Ein historischer Vergleich
Ein Brevier für Verschwörer
Ebenfalls erfolglos: Der Putsch in Spanien nach Francos Tod

Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Wann gelingt ein Putsch? Wie versichert sich ein Putschist günstiger Voraussetzungen für seinen Plan? Der bekannteste Putsch der deutschen Geschichte war der vom 20. Juli 1944. Die Verschwörer in Berlin wussten: Wir müssen Hitler töten. Nur wenn das gelingt, fühlen sich die Offiziere von ihrem Eid auf Hitler entbunden. Nur wenn das gelingt, ist der Befehlskette der Machthaber die Spitze genommen. Es gelang nicht, Hitler zu töten. Schon bald nach dem Attentat meldete er sich über den Rundfunk aus dem fernen Ostpreußen zu Wort. Der Putsch war gescheitert.

Bei dem berühmtesten Putsch der Weltgeschichte in Rom 44 v. Chr. gelang die Ermordung Caesars. Aber die Attentäter versäumten es – in Worten von heute –, die mediale Begleitung zu sichern. So konnten die Freunde des Diktators das Heft in der Hauptstadt des Reiches in die Hand bekommen und die Verschwörer mussten fliehen. Shakespeare hat mit der Rede Marc Antons in seinem Julius Caesar eindrucksvoll dargestellt, wie man in der chaotischen Lage unmittelbar nach der Tat die Stimmung bestimmen oder drehen kann.

Der berühmteste Putsch im 20. Jahrhundert verlief ohne Gegner. Die russischen Revolutionäre 1917 stießen in ein Machtvakuum. Die Erstürmung des Winterpalastes in St. Petersburg brachte die Matrosen des Panzerschiffs Aurora nicht vor die Gewehrläufe irgendwelcher Verteidiger sondern rasch in den üppig gefüllten Weinkeller. Nach dreitägigem Besäufnis zogen sie plündernd durch die Stadt. Ins sowjetische Heldenbuch kamen sie trotzdem .

Andere Putsche sind als lächerlich in Erinnerung: der Kapp-Putsch 1920, der Hitler-Putsch 1923 – trotz der Toten, die es gab –, der Putsch in Spanien, mit dem nach Francos Tod die Demokratisierung des Landes rückgängig gemacht werden sollte, auch der Putsch der letzten Kommunisten in Russland 1994 gegen Boris Jelzin.

Und was ist in der vergangenen Woche in der Türkei passiert? Der Putschversuch des Militärs war schon nach wenigen Stunden gescheitert. Präsident und Regierungschef konnten handeln, wie sie wollten. Auf den Straßen sammelten sich Millionen von Putsch-Gegnern. Es verging nicht einmal ein Tag, da waren tausende angeblicher Mitverschwörer festgenommen oder aus ihren Ämtern verjagt. Es spricht einiges dafür, dass Präsident Erdoğan vorab über den drohenden Putsch-Versuch unterrichtet war. Er mag seinen Leuten gesagt haben: Lasst sie nur machen, das kommt mir gerade recht. Die Türkei wird künftig eine andere sein, als habe der Präsident selber geputscht . Doch er blieb bescheiden und nannte den Putsch ein Gottesgeschenk – mit 290 Toten.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 03.08.2016

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