Ein Crash, ein Kranker und eine Straße voll Seifenblasen

Alltag Wie der Film die Wirklichkeit erobert

An der Skalitzer Straße in Kreuzberg, direkt in der Kurve vom Schlesischen Tor, liegt ein LKW quer über beiden Fahrbahnspuren. Es ist ein hingestreckter, silbern glänzender Tankwagen, dessen roter Kopf bis unter die Träger der Hochbahn hineinragt. Viele Feuerwehrmänner flankieren ihn. Ihre Uniformen sehen, wie immer, etwas zu neu aus, wie Theaterkostüme beim ersten Durchlauf, faltenfrei und völlig knicklos. Sie führen ein dickes schwarzes Rohr mitten in den Bauch des Tanks und saugen seinen Inhalt ab. Das Rohr zuckt und schluckt wie ein gieriges Reptil. Alles ist beleuchtet, überall stehen Lampen auf Stativen. Auch Dutzendweise Schaulustige sind da, sanft zurück gedrängt von Personen in gelben und orangenen Westen.

Wer in der Berliner Innenstadt lebt, weiß, dass er nicht immer gleich glauben darf, was er sieht. Vor allem nicht, wenn er in der Skalitzer Straße wohnt. Es kann sogar geschehen, dass das, was nicht mehr da ist, wirklicher ist, als das, was sich dem Auge zeigt. Zum Beispiel das eigene Auto, wenn es plötzlich nicht mehr dort steht, wo man es am Abend zuvor geparkt hat, weil es wegen eines Filmdrehs abgeschleppt - das heißt: umgesetzt wurde.

Die Feuerwehrmänner pumpen, das Rohr rüttelt, und diese spezielle Atmosphäre von Dreharbeiten weht mir entgegen, dieser hektische Stillstand im ewigen Stehen und Warten, während in einem halboffenen Zelt ewig Kaffee und Süßigkeiten und Sandwichs bereit liegen, und man weiß, dass irgendwo in einem Winkel, versteckt hinter einem Paravent aus Kameras, Kabeln und Maskenbildnern, etwas ganz Bedeutungsvolles entsteht, vielleicht sogar die Schlüsselszene. Nur - hier weiß niemand etwas, nicht was und nicht wo es sich abspielt; und die Langeweile des Filmdrehs liegt so zäh über allem, das selbst das gleichgültig wird. Wahrscheinlich kann sich schon lange keiner am Set mehr vorstellen, dass das alles jemals wieder ein Ende haben könnte. Ich eile weiter, betrete die Eingangshalle der Hochbahn und sehe von der Brücke aus noch einmal auf das silbern glänzende Riesentier unter mir. Ob es hier einen Stuntman gibt, der sich von der Hochbahnbrücke über den Tanker hinweg ins gegenüberliegende Gebäude schwingt, durchs Fenster in ein Schlafzimmer fliegt, ein Paar im Bett aufscheucht, hinter der Gardine in Deckung geht, in die sich die nackte Geliebte eingewickelt hat, mit der Magnum durch die eingeschlagene Scheibe den Feind ins Visier nimmt und - ach was weiß ich.

Ich bin auf dem Weg zu einem Krankenbesuch; einem Freund ist ein Stück Lungenflügel abgebrochen. Tatsächlich abgebrochen. Als ich ihn fragte, ob der Lungenflügel heruntergefallen sei, von oben nach unten in den Körper hinein, womöglich an einer Niere hängengeblieben sei, fand er das gar nicht komisch. Er hatte tags zuvor schon davon gesprochen, dass ihm irgendetwas in seinem Inneren so vorkäme, als hinge es locker, weshalb er sich so lasch fühle. Einen Tag später schon fand er sich im Krankenhaus, wo man unverzüglich daran ging, sein Stück Lunge, das noch an einem Gewebefädchen hing, wieder an den Hauptflügel anzubringen.

Alles musste also sehr schnell gehen, auch das Telefonat, bei dem ich vergaß, mir die genaue Adresse der Klinik geben zu lassen. Doch was ich wusste, nämlich dass er sich in einer Lungenklinik in Zehlendorf am Wannsee befand, sollte genügen. Es war kaum anzunehmen, dass gleich nebenan noch weitere Lungenkliniken lägen.

Ich steige also aus der Bahn aus, und da ist sie auch schon, direkt vor meiner Nase, die "Lungenklinik am Heckeshorn", Teil der Wannsee-Kliniken. Ich gehe hinein und frage nach der Zimmernummer meines Freundes. Die Damen hinter dem Schalter schauen mich seltsam an, dann aber winken sie mich durch und raten mir, einfach mal in die Lungenabteilung hochzufahren, dritter Stock. Na bitte. Ich wundere mich zwar, warum eine ganze Lungenklinik eine Lungenabteilung besitzt, aber schon gleitet der Fahrstuhl leise aufwärts. Im Flur rauschen drei Menschen in weißen Kitteln genau so an mir vorbei, wie Menschen in weißen Kitteln an einem vorbei rauschen. Also frage in einen in einem grünen Kittel. "Ach, das könnte der junge Mann auf Zimmer 34 sein," sagt er. "Danke schön," sage ich und gehe weiter. Merkwürdig leer ist es. Und alles ist beleuchtet. Typisch neonbeleuchtet wie in den Fluren von Kliniken immer, aber darüber meine ich noch einen anderen Schimmer wahrzunehmen, diesen seidenen Schimmer von Glamour über hartem Flutlicht. Durch den Spaltbreit einer Tür sehe ich in ein Zimmer. Und darin gestapelte Tetrapacks - das also wird die Kaffeeküche sein, und - Stative. Stative? Stative wofür? Stative für den Tropf natürlich, das müssen Tropfstative sein.

Ich erreiche das Zimmer. Tatsächlich finde ich einen jungen Mann in einem Bett. Um ihn herum ein Pulk von Schwestern in blond und ein Arzt, der die Krankenakte des Patienten in der Hand hält. Eine junge Frau tätschelt ihnen nervös mit einem trockenen Schwamm das Gesicht ab, beiden, dem Arzt und dem Patienten. Etwas seltsam, wie ich finde.

"Wen suchen Sie denn?" "Meinen Freund. Der müsste hier irgendwo sein." Ich nenne seinen Namen. "Gehört er zur Crew?" "Ob er was? Nein, er ist Patient." "Er ist was?"

"Ihm ist ein Lungenflügel herunter gefallen." Sie sieht mich befremdet an. Dann verzieht sie das Gesicht zu einem Grinsen. Und alle anderen machen es ihr nach, alles grinst allmählich.

"Wie kann denn das passieren?", fragt mich der Arzt, ebenfalls grinsend.

"Es kommt wohl sehr selten vor," sage ich. Seinen gebräunten Dreitagesbart find ich ziemlich übertrieben. "Sowas", sagt er jetzt und zwinkert einer Schwester zu.

"Sie wissen also nicht, wo er ist?"

"Ahm."

"Ja?"

Das hier ist eine Filmklinik, kann es sein, dass Sie das nicht wissen?"

"Eine Filmklinik?"

"Eine Filmklinik."

"Oh."

Hier entsteht gerade "Doctor´s Diary", eine Serie in acht Teilen. Sie wird im nächsten Jahr ausgestrahlt.

"Ah. Und Sie? Was sind Sie?"

"Ich bin Schwester Gabi."

"Es gibt eine Klinik, ein paar Häuserblocks weiter von hier. Die ist noch echt."

"Was meinen Sie mit ‚noch´?"

"Die hier war auch mal echt, doch sie konnte sich nicht halten. Als Filmklinik aber läuft sie hervorragend. Man sucht ständig nach authentischen Orten. Und, nun ja, soweit ich gehört habe, steht die drüben wohl auch schon auf der Kippe."

Ich verlasse die Filmklinik und wirklich finde ich auch die echte Klinik und meinen echten Freund darin. Er zeigt mir das Röntgenbild. Ich sehe nur ein weißes Dreieck zwischen Querbalken. Wie unwirklich. "Dieses abstrakte Ding soll für Atemnot, Schweißausbrüche, und echte Verzweiflung gesorgt haben?"

Mein Freund nickt blass.

Am späteren Abend kehre ich ans Schlesische Tor zurück. Es ist dunkel geworden. Straßenlaternen beleuchten die Straße und - was sehe ich vor mir? Seifenblasen.

Auf der nassen schwarzen Straße tummeln sich lauter kleine und große Seifenblasen und immer, wenn ein Auto durchbraust, hüpfen sie ihm lustig hinterher.

"Riecht wie frisch jeputzt."

"Frisch jeputzt die janze Straße."

"Der hatte Flüssigseife transportiert, der LKW, der heute morgen umjekippt war."

"Und dann hat´s druffjeregnet."

"War das nicht ein Filmdreh heute morgen?"

"Watt´n für´n Filmdreh?"

"Das war kein Filmdreh? Das war echt?"

"Wat soll´n det sonst jewesen sein, junge Frau? Schau´n se doch mal auf die vielen Blasen!"

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