Ein Deserteur?

Porträt Bowe Bergdahl droht nach fünf Jahren in Taliban-Gefangenschaft nun eine Anklage wegen Fahnenflucht
Ein Deserteur?
Die USA seien das „verlogenste Land der Welt“, schrieb Bergdahl an seine Familie

Foto: U.S. Army/Getty Images

Laut Army tut Sergeant Bergdahl gegenwärtig Dienst im Fort Sam Houston/Texas. Er sei in seiner Abteilung zuständig für das Verteilen von Büroartikeln und die Wartung des Hauptkonferenzraumes, heißt es in einem Eintrag vom August 2014 in Bergdahls Personalakte. Doch dieser „Status“ wird sich bald ändern. Für den 8. Juli ist ein sogenanntes Artikel-32-Hearing angesetzt, wie es die Prozessordnung beim Militär vorsieht: Ein Militärgericht prüft, ob die Anklageschrift gegen Bergdahl ausreicht für ein volles Militärgerichtsverfahren.

Robert Bowdrie Bergdahl, Jahrgang 1986, wird Fahnenflucht und „Fehlverhalten vor dem Feind durch Gefährdung seiner Einheit“ vorgeworfen. Er habe sich im Juni 2009 von seinem Außenposten in der Provinz Paktika an der Grenze zu Pakistan entfernt. Für das Weiße Haus ist der Afghanistan-Veteran ein PR-Desaster. Als Bergdahl nach fünf Jahren Taliban-Gefangenschaft zwischen Juni 2009 und Mai 2014 freikam, hatte Barack Obama den Soldaten zum Entsetzen republikanischer Politiker gegen fünf Guantánamo-Häftlinge ausgetauscht. Von Hilfe für einen „Deserteur“ war damals nicht die Rede. Es war stattdessen eine seltsam anmutende Szene im Rosengarten des Weißen Hauses am 31. Mai 2014. Bergdahl sei „nicht vergessen worden zu Hause in Idaho, in den Streitkräften und im ganzen Land, weil die Vereinigten Staaten ihre Männer und Frauen in Uniform niemals zurücklassen“, hatte der Präsident beteuert. Es gab Küsschen für Bergdahls Mutter Jani und eine Umarmung mit Vater Bob. Letzterer in leicht zerknittertem weißen Hemd und mit langem Bart, angeblich ein Zeichen der Sorge um seinen Sohn.

„Ich bin dein Vater“, sagte Bob an Bowe gerichtet, der unterwegs war in Richtung US-Militärkrankenhaus im rheinland-pfälzischen Landstuhl. Bob Bergdahl sprach ein bisschen auf Paschtu, denn der Sohn habe wohl Schwierigkeiten mit dem Englischen. Der Vater hatte sich bemüht, die Sprache der Kidnapper zu lernen und deren Motive zu verstehen. Kommentatoren im Fox-Fernsehen urteilten, Bob Bergdahl, ein ehemaliger UPS-Fahrer, sehe aus wie ein Muslim und Terrorist.

Die Bergdahls aus dem abgelegenen Wood River Valley in Idaho können als Counterculture-Aussteiger durchgehen. Der kleine Bowe ging nicht zur Schule, sondern wurde zu Hause von seiner Mutter unterrichtet. Die Familie besuchte eine protestantische Kirche der Strenggläubigen. Die Bergdahls besaßen angeblich kein Telefon. Bowe habe mit seinen Freunden viel in den Pappel-Wäldern seiner Heimat gespielt, erzählt Bob. Dann sei der Junge zum Militär gegangen, um anderen Menschen zu helfen. Viele Amerikaner glauben tatsächlich, zu diesem Zweck würden Kriege geführt – die Army sei „so etwas wie ein Peace Corps mit Gewehr“. Bowe hörte immer wieder die Martin-Luther-King-Rede von 1967 gegen den Vietnamkrieg, die ihn faszinierte.

So war Teenager Bowe anscheinend auf der Suche. Erst wollte er in die französische Fremdenlegion. 2006 gab es eine Grundausbildung bei der Küstenwache, wo er nach 26 Tagen entlassen wurde. Zwei Jahre später rekrutierte ihn die Army. Der Rauswurf bei der Küstenwache war offenkundig kein Grund, Bergdahl nicht zu nehmen. Laut Militärzeitung Stars and Stripes hat die Army seinerzeit aus Personalmangel zahlreiche, nicht sonderlich qualifizierte Rekruten vereidigt. Was Bowe selbst über Afghanistan gedacht hat, weiß man durch E-Mails und Tagebuch-Notizen, die teilweise in der Zeitschrift Rolling Stone und in der Washington Post veröffentlicht wurden. Er sei ein „zerbrechlicher junger Mann“ gewesen, schrieb die Post. Es überkamen ihn Zweifel an seiner Rolle als Soldat. Die USA seien das „verlogenste Land der Welt“. Er wolle „Schönheit in die Welt bringen in der kurzen Zeit, die mir das Leben gibt“. Bergdahl zitierte auch aus Atlas wirft die Welt ab von der American-Liberty-Ikone Ayn Rand.

Bowe Bergdahls Schicksal hängt ab vom Ausgang des Artikel-32-Hearings und – sollte es dazu kommen – vom Militärgerichtsverfahren. Es drohen ihm möglicherweise viele Jahre Haft. Noch weiß man nicht, warum Bergdahl seinen Posten verlassen hat. Gerüchte gibt es genug. Es existiere vor der Anhörung eine Lynch-Mob-Atmosphäre, warnte Bergdahls Verteidiger Eugene Fidell, ein Star unter den amerikanischen Experten für Militärrecht. Bergdahls kommandierender Offizier habe angeordnet, Bergdahl müsse außerhalb seines jetzigen Stützpunktes zu seinem Schutz ständig von zwei Soldaten begleitet werden.

Bei seiner Gefangenschaft in Pakistan war Bergdahl augenscheinlich in den Händen des Taliban-nahen Hakkani-Netzwerkes, das für Kidnapping, Drogenschmuggel und einen vermeintlich militanten Islam zuständig ist. Admiral Mike Mullen, ehemals Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs, erklärte bei einer Kongressanhörung 2011, die Haqqanis seien ein „veritabler Arm“ des pakistanischen Geheimdienstes.

Anwalt Fidell zitierte aus der noch nicht veröffentlichten Army-Untersuchung eine andere Version als die vom Deserteur: Bowe Bergdahl habe sich entfernt, um hochrangige Offiziere auf „seiner Ansicht nach beunruhigende Umstände“ auf seinem Stützpunkt aufmerksam zu machen. In einer zweiseitigen Erklärung berichtet Bergdahl von seiner Gefangenschaft: Er habe mehrfach zu fliehen versucht, sei angekettet und später in einen Käfig gesperrt worden. Man habe ihn mit Kabeln geschlagen. Fünf Jahre musste er in völliger Isolation verbringen. „Manchmal gab es Perioden totaler Dunkelheit, dann wieder Perioden im Licht und Perioden mit ständig flimmerndem Licht.“ Er habe nicht gewusst, was auf der anderen Seite der Tür passiert sei.

06:00 13.04.2015
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