Ein dickes Ding

Letztens sah ich einen Mann, der so unermesslich dick war, dass er jeder Bekleidung spottete. ...

Letztens sah ich einen Mann, der so unermesslich dick war, dass er jeder Bekleidung spottete.

Er trug eine Art Zweimannzelt als Hose und dazu eine bauchfreie Joggingjacke aus bunter Ballonseide. Bezeichnenderweise hatte der Mann gerade mit einer großen Tüte im Arm einen Bäckerladen verlassen und schleppte sich nun genau in meine Richtung. Natürlich wollte ich keinen Ärger mit ihm. Also zwang ich mich, die Auslagen der Geschäfte interessant zu finden und tat im Übrigen so, als wäre der dicke Mann unsichtbar. Das war nicht gerade leicht. Denn obwohl es mir hinlänglich glückte, genügend Körperbeherrschung aufzubringen, um nicht auf der Stelle stehen zu bleiben und den dicken Mann verdattert anzuglotzen, so waren meine Gedanken doch ganz bei ihm. Ich fragte mich, wie viel Kuchen er gerade gekauft hatte, ob er den Kuchen ganz allein essen wollte und wie hoch die tägliche Kuchenration sein musste, wenn er sein Gewicht halten wollte.

Daraus ergab sich automatisch die Frage, wovon er den vielen Kuchen bezahlte. Arbeiten konnte er schließlich nicht, so dick wie er war. Als was hätte er auch arbeiten sollen? Als Stehaufmännchen? Nein, es musste jemanden geben, der für ihn sorgte. Vielleicht war er verheiratet. Andererseits - warum sollte jemand den dicken Mann heiraten? Oder besser wozu?

Nachdem ich alle zweifelhaften Optionen eliminiert hatte, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Der dicke Mann bezog natürlich Sozialhilfe. Das war die einzig mögliche Erklärung. Keine Frage, das Schicksal hatte es so gefügt, dass ich mich auf direktem Kollisionskurs mit dem dicksten Sozialhilfeempfänger Deutschlands befand. Ich pfiff beeindruckt durch die Zähne und riskierte einen ehrfürchtigen Blick.

Der dicke Sozialhilfeempfänger aber zog mit selbstverliebter, einem dicken Sozialhilfeempfänger würdigen Gelassenheit seine Bahn durch die verstohlen staunende Menge. Auch ich staunte wieder verstohlen vor mich hin und staunte umso verstohlener, je näher der dicke Sozialhilfeempfänger kam. Zugleich fragte ich mich, wie lange es wohl noch so dicke Sozialhilfeempfänger geben würde. Wenn es nach einem Hessischen Mister Präsidenten ginge, dann war ihre Zeit wohl bald abgelaufen. Typisch hessisch, dachte ich, obwohl ich gar nicht weiß, was typisch hessisch ist. Aber der Gedanke, jemand wolle eine umfangreiche Bevölkerungsgruppe, die sich in kindlichem Glauben an die endlose Dehnbarkeit sozialer Netzwerke ihre Schwungmasse über Jahre hinweg geduldig angefuttert hatte, kategorisch auf Diät setzen, erschien mir einfach grausam. Umso grausamer, wenn dieser Jemand ausgerechnet Koch hieß.

Indes befand sich der dicke Sozialhilfeempfänger schon auf meiner Höhe. Haarscharf schrammte er an mir vorbei. Aus der Nähe war es wirklich gigantisch, denn er war beinahe ebenso hoch wie breit. Fasziniert beobachtete ich, wie er planetengleich an mir vorüberzog. Ich glaubte sogar zu spüren, wie es kühler wurde, als ich in seinen Kernschatten trat.

Dann war das Spektakel auch schon vorbei. Grell blitzten die ersten Sonnenstrahlen auf meiner Netzhaut. Ein letztes Mal schaute ich über die Schulter dem dicken Sozialhilfeempfänger hinterher, und während ich mich noch ärgerte, dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte, steuerte der dicke Sozialhilfeempfänger unbeirrbar auf einen 600er Mercedes zu, öffnete die Tür, zwängte sich auf den Fahrersitz und brauste davon.


00:00 19.03.2004

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