Ein dickes inneres Hörbuch

Erzählkunst II Auch in seinem neuen Roman „Vorabend“ ruft Peter Kurzeck alle herbei: Die Menschen, die Dinge, die Zeiten

Ein so dickes Buch, du glaubst es nicht. Kommentarband zum Heimatrecht? Der ewigwährende Michelin-Führer für Staufenberg, Lollar, Gießen, Frankfurt und den kleinen Rest der Welt? Peter Kurzeck hat wieder ein Buch geschrieben. Genauer: diktiert. Fast zweieinhalb Monate in Frankfurt, öffentlich. Nun ist es da. Der Kurzeckton ist sowieso der alte. Wehe also, wer ihn einmal gehört hat, original oder auf CD, der hat für alle Zeiten ein bucklicht Männlein im Ohr, das spricht alles mit, auch wenn man bloß lesen will. Und wie es spricht, mit diesem oberhessischen Singsang und dem rollenden R, von dem man nicht weiß, ob es aus Böhmen oder Lollar stammt!

Wenn man allerdings einfach nur liest, dann hört man das rollende R naturgemäß nicht, fragt sich aber bald: Ist das denn überhaupt ein Roman? Ja, wenn ein Roman ist, wo einer „Roman“ draufgeschrieben hat. Nein, wenn man eine nicht nur erzählte, sondern auch durchkonstruierte Geschichte erwartet. Dies hier ist am ehesten also das Diktat einer schier unendlich scheinenden Erinnerungsrede. Nennen wir es vielleicht, die unverwechselbare Stimme im Sinn, ein dickes inneres Hörbuch, in dem, was man schon zu kennen meint, neu aufgemischt wird. Und wieder ist alles drin, was bei Peter Kurzeck immer drin ist. Und ist doch wieder anders. Nicht ganz anders freilich. Denn Peter Kurzeck ist ein Romangott, der seine Welt ständig neu erschafft. Updates zum Vergehenden und Vergangenen. Und was ist nicht alles inzwischen vergangen. Nicht nur die Zeit, in der er nicht mehr soff und zu schreiben begann, nicht nur der tägliche Weg mit der Tochter in den ­Kinderladen (ach, wie wohltuend, dass er diesmal nur ein wenig Carina-Kult treibt). Vergangen ist vor allem die Welt der Dickwurzbauern und Buderusarbeiter, der Dampfloks und Dorfkneipen. Das Radio, das Fernsehen, das alte von damals. Was alles unterwegs verloren gegangen ist, wie das Kaufhaus Heyer. Und was stattdessen kam, der Massa-Markt und immer mehr solche Märkte. Man kennt sich schon gar nicht mehr aus. Die haben alles zugebaut, mit Parkplätzen und immer mehr Straßen. Nur die Dorfjugend fährt noch immer am Wochenende wie eh und je sich tot. Und die Tiere sind dahin.

„Die Schwalben, sagte ich, und jäh meine Stimme weg. Manchmal beim Sprechen kann einem geschehen, dass man in Tränen ausbricht und merkt es erst mittendrin. Die Schwalben kommen nicht mehr ins Dorf.“ Und wie steht es um Frösche und Igel? Peter Kurzeck vergisst auch sie nicht. „Im Traum, sagte ich, mit den Tieren gesprochen. Im Traum muss ich die Tiere zum Lachen bringen und das ist nicht leicht. Im Traum jedes Tier mit seinem ernsten Tierblick. Stumm.“ Kurzeck spricht für sie. Und nicht nur für sie. Der Schwager kommt wieder zu Wort und überhaupt alles, was je war oder was dasselbe ist: das er bemerkt hat. „Seid ihr noch alle da?“ – und ruft alle wieder herbei. Die Menschen, die Dinge, die Zeiten. „Wenn, sagte ich, wenn wir all die Hecken und Pflanzen und Bäume am Steilhang besser kennen würden, dann könnten wir daran sehen, ob es jetzt Ende März ist, Mitte April oder Anfang Mai und wüssten dadurch auch, welches Jahr?“

Und dann noch das Wetter

„Jetzt gleich, sagte ich, also damals.“ Ja, die Zeit! „Die neue Zeit hat gerade erst angefangen. Die ganzen sechziger Jahre hindurch immer noch eine neuere Zeit. Sooft man aufblickt, schon wieder zehn Jahre vorbei.“ Und „wann hat das denn angefangen? Man merkt es ja immer nicht gleich. Und wenn man es merkt, dann denkt man sich noch nix dabei, sagte ich. 1954 im Frühling die neuen Automodelle…“ Keine Sorge, Peter Kurzeck erzählt das alles, das Vergehen wie das, was verging – und das alles bleibt nunmehr. Für immer. Solange er spricht, solange er schreibt, solange wir lesen. Und dann ist da noch das Wetter. Es ist das Einzige, was einen vom Wunsch abhält, doch bitte selbst auch in diese Welt mit hinein­erzählt zu werden, für immer dabei zu sein, aufgehoben, getragen vom ewigen Fluss der erinnernden Rede: Wenn es hochkommt, sind es nämlich drei sonnige Sommertage, und der Rest ist vor allem Regen, Nebel, Trübnis oder wenigstens Schnee. Doch können die einem nicht ernstlich etwas anhaben, so wie Peter Kurzeck sie erzählt.

Also: Kurzeck lesen!!!

Nachsatz: Letzthin hieß es irgendwo, Kurzeck sei der „Proust der Bundesrepu­blik“. Wer so spricht, hat nichts von Proust verstanden, und das wird Kurzeck nicht gerecht, sondern zeigt nur, was man so daherbrabbeln darf. Aber eins ist richtig: Kurzeck sollte einfach den nächsten Büchner-Preis bekommen. Und das nicht, weil ein Frankfurter Heimatdichter für gehobene Stände ihn schon bekommen hat. Sondern ganz einfach, weil er ihn so verdiente wie Philipp Roth den Nobelpreis!


Vorabend. RomanPeter Kurzeck Stroemfeld/Roter Stern 2011, 1022 S., 39, 80

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12:15 27.05.2011

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