Ein dritter Weg

Provinz mit Modellcharakter Die "Subiaco"-Kinos im Nordschwarzwald machen anspruchsvolles Kino in einer Gegend, die vom Kommerzkino fast aufgegeben wurde

Außerhalb der Region ist das 7000-Einwohner-Örtchen Alpirsbach, 90 Kilometer südlich von Stuttgart gelegen, vor allem durch seinen Alpirsbacher Klosterbräu ein Begriff. Das Kloster, Ende des 11. Jahrhunderts von benediktinischen Mönchen gegründet, gilt als eine der besterhaltensten Klosteranlagen in Deutschland. 1958 stieß man bei Restaurierungsarbeiten auf Alltagsgegenstände aus verschiedenen Jahrhunderten - Spielkarten, Trinkgefäße, Schriften und Kleidungsstücke geben seitdem Aufschluss über die Alltagskultur unserer Vorfahren. Seit Ende der neunziger Jahre widmet man sich verstärkt auch der Reflexion des heutigen Alltags: mit der Gründung des Subiaco-Kinos kam die Filmkunst zurück in die Provinz. Inzwischen konnten die Alpirsbacher Kinomacher Dependancen in den benachbarten Städten etablieren.

Seit der Reformation - der Protestantismus wurde in Württemberg 1535 quasi zur Staatsreligion - ist das Kloster seiner ursprünglichen Funktion entwidmet. Inzwischen beherbergt es die Räumlichkeiten sowohl der örtlichen evangelischen wie auch der katholischen Gemeinden. 1997 gründete Michael Graff, damals Medienbeauftragter der Diözese, das Kino im Kloster. Unmittelbarer Auslöser für die Idee war die Entdeckung einer kleinen Öffnung in der Wand zum ehemaligen Speisesaal des Abtes, durch die einst Wasser ins Lavabo des Klostervorstandes gegossen wurde. Seitdem dient der mittelalterliche Durchlass als Projektionsfenster. Auf dem Programm steht weltliche Kunst mit Anspruch, darunter ein hoher Anteil deutscher Produktionen, Stummfilmvorführungen, Freiluftkino und Gespräche mit Filmemachern. Das Team besteht hauptsächlich aus ehrenamtlichen Mitarbeitern, und so kann man es sich auch leisten, künstlerisch anspruchsvolle Filme wie Bela Tarrs siebenstündigen Satantango auf den Spielplan zu setzen, der selbst in großen Städten als Kassengift gilt. Zu den Einnahmequellen gehören im übrigen auch die Preisgelder von Bund und Land, mit denen die Alpirsbacher regelmäßig für ihr anspruchsvolles Programm ausgezeichnet werden.

Die Macher des Subiaco-Kinos - der Name bezieht sich auf ein kleines Städtchen unweit von Rom, in dem im vierten Jahrhundert ein einziger Einwohner, Benedikt von Nursia, in einer Höhle hauste und in dem 1927 Gina Lollobrigida geboren wurde - bewegen sich allerdings keineswegs in einem kulturellen Bermuda-Dreieck. Auf den Alpirsbacher Klosterkonzerten etwa spielen 2005 neben baden-württembergischen Musikern Ensembles aus Potsdam und der Schweiz. In der Kreisstadt Freudenstadt lesen Eugen Drewermann und Hellmuth Karasek, in Alpirsbach selber sind es die Lokalmatadoren Bernd Leix, örtlicher Förster, mit seinem Karlsruhe-Krimi Zuckerblut und der Südwestfunkmoderator Edi Graf, dessen Kriminalromane in Afrika spielen. Vom Frauenfrühstück bis zum Themenabend Gewaltschutz werden alltägliche Probleme erörtert. Die Arbeitslosenquote liegt um die fünf Prozent, sicher eine der Ursachen, warum es fast keine Abwanderung gibt. In diesem Umfeld wundert es kaum, wenn man sich nicht über fehlende Zuschauer beklagt, und "auch zu manchen trockenen Dokumentarfilmen noch 20 Leute kommen", so Heinrich Braun, einer der Gründer des Kinos.

Seit 2003 spielen die Subiaco-Macher auch in der benachbarten Uhrenstadt Schramberg, seit 2004 auf Anfrage der Stadtverwaltung in Freudenstadt. Während das klösterliche Stammhaus mittelalterliches Ambiente bietet, herrscht in dem zum Kino umfunktionierten Tanzcafé des denkmalgeschützten Freudenstädter Kurhauses aus den fünfziger Jahren das Flair der Adenauer-Zeit. Anders als in manch großstädtischen Szenelokalitäten kommt die Nierentischatmosphäre ohne Sperrmüllcharakter daher, vermittelt einen gepflegten Eindruck von der spartanischen Gediegenheit ihrer Epoche. In beiden Fällen spielen die Subiaco-Kinos im quasi-musealen Umfeld, für den auswärtigen Besucher ein reizvoller Kontrast, der für die Programmgestalter im Nordschwarzwald allerdings eine eher untergeordnete Rolle spielt. Ihnen geht es um die Liebe zum Kino und darum, anspruchsvolle Filme ins Ländle zu holen. Dabei kommt ihnen die durchmischte Altersstruktur ihres Publikums entgegen. Gerade in Freudenstadt mit seinem Ruf als Kurmetropole, so Braun, hätten sich in der Vergangenheit verstärkt Pensionäre mit bildungsbürgerlichem Hintergrund angesiedelt. Einzig die ganz junge Kinogängergeneration, für die der Eventcharakter samt kilometerlanger gemeinsamer Anfahrt im Vordergrund steht, scheint für Subiaco zunächst an das etwa eine Autostunde entfernte nächste Multiplex in Villingen-Schwenningen verloren.

Doch mit den Blockbustern, die dort um die Gunst der Zuschauer buhlen, will man gar nicht konkurrieren. Die kommerziellen Kinos im näheren Umkreis, die sich zuletzt mit den Hits aus den Verleihlisten der Majors über Wasser zu halten versuchten, sind inzwischen fast alle verschwunden. Das letzte derartige Kino in Alpirsbach vegetierte zum Schluss als Abspielstätte drittklassiger Softpornos, bevor es in den achtziger Jahren geschlossen wurde.

So hat sich im Nordschwarzwald eine Kino-Miniaturlandschaft entwickelt, die, gestützt auf die etwa 60 ehrenamtlichen Mitarbeiter aus allen Altersgruppen, zu einem wichtigen Faktor des kulturellen Lebens geworden ist. Auch organisatorisch geht man neue Wege: da die Teammitglieder bis zu 100 Kilometer auseinander wohnen, werden die Kinodienste über ein internes Internet-Forum vergeben, in dem auch Programmvorschläge diskutiert werden. Lediglich Büro- und Versandtätigkeiten verbleiben zentralisiert im Alpirsbacher Büro. Für Braun könnte Subiaco Vorbildcharakter für anspruchsvolles Kino in der Provinz haben. In der Tat wird damit für Regionen, in denen es keinen kostendeckenden Markt für die Aktivitäten gewinnorientiert geführter Arthouse-Kinos gibt, ein dritter Weg zwischen kommerziellem und kommunalem Kino eingeschlagen.

Der Gründer des Subiaco allerdings, "Kinopfarrer" Michael Graff, wendet sich seit diesem Sommer anderen Aufgaben zu und trat eine Pfarrstelle im Allgäu an: Graff, so meldete der Schwarzwälder Bote im Juli dieses Jahres, "bat den Bischof nur um eine Stelle, wo er nicht mehr als Medienmann und Manager, sondern vor allem in Predigt, Liturgie und Seelsorge seinen Dienst tun könne".


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00:00 04.11.2005

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