Michael Girke
01.05.2012 | 10:00 3

Ein edler Landstreicher

Reiseliteratur In den Romanen von Patrick Leigh Fermor werden Landschaften zu Kunstwerken – und der Leser zu dem, der er war, als er mit der Taschenlampe unter der Bettdecke hantierte

Es sind Bilder, die haften bleiben, Bilder einer wild zerklüfteten Felslandschaft an Europas äußerstem Rand, von Menschen mit gewaltigen Schnauzbärten, die noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts Dolche an ihren Gürteln tragen und die archaische Praxis der Blutrache kennen. Ihr Schöpfer, der englische Schriftsteller Patrick Leigh Fermor, durchwandert im Jahre 1952 Griechenland, genauer: die Mani, wie der mittlere Finger des wie eine Hand ins Mittelmeer greifenden Peloponnes heißt. Vor sehr langer Zeit, nach seiner Eroberung Karthagos, war der Vandalenkönig Geiserich auf die Mani vorgerückt, wurde aber mit heftigen Verlusten geschlagen, woraufhin er voller Zorn 500 Gefangene nehmen, in Stücke schlagen und auf dem Rückweg nach Karthago im Meer verstreuen ließ. Wenn Patrick Leigh Fermor davon erzählt, entsteht der Eindruck, die Geschichte der Menschengattung sei eine deprimierende Aneinanderreihung wahnwitzigster Episoden.

Manches aus Leigh Fermors Biografie ist in England Legende. Als Junge wird er in ein Institut für Schwererziehbare gesteckt. Als er auch dort gegen alle Regeln verstößt, sortiert man den 18-Jährigen aus allen Ausbildungssystemen aus. Es ist der entscheidende Schritt hin zu jener Exzentrik, die es braucht, um sich ein Leben als Schriftsteller nicht nur vorzustellen.

Durch die Kontinente

Im Winter des Jahres 1933 bricht Patrick Leigh Fermor, abgebrannt, quasi ein Landstreicher, zu einer Fußwanderung von Hoek van Holland nach Istanbul auf, er glaubt, dass sich darüber trefflich schreiben lässt. Aber erst Jahrzehnte später macht er aus den damaligen Aufzeichnungen die beiden hinreißenden Bücher Die Zeit der Gaben und Zwischen Wäldern und Wasser. Was ist es, das so viele Menschen aus ihrer Ruhe reißt und in unbekannte Fernen treibt? Der Schriftsteller Bruce Chatwin – so dessen Biograf Nicholas Shakespeare – sei durch alle fünf Kontinente geradezu gehetzt, weil er es mit sich selbst nicht gut habe aushalten können. Er wollte sich auf seinen weiten Reisen sozusagen abhandenkommen. „Wenn man als Reisender“, schreibt Leigh Fermor im neunten Kapitel von Mani, „an eines der gestürzten Kapitelle lehnt und Stunden verstreichen lässt, wird der Geist nach und nach wie ein Gefäß, das man geleert und ausgescheuert hat, angefüllt mit einer stillen Ekstase.“

Leigh Fermor ist kein Schriftsteller, der in seinen Büchern die Welt neu erfindet, vielmehr erzählt er, was zu sehen und zu hören ist, was er in der Welt findet. Ein dokumentierender Künstler, der allerlei Mitgeschlepptes abstreifen muss, bevor er zu einer für ihn typischen, fast ekstatischen Offenheit und Aufmerksamkeit gelangt.

In seinen besten Passagen nimmt der englische Wanderer nicht nur Landschaften mit dem gleichen Formbewusstsein wie ein von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk, ein Gedicht oder Gemälde, wahr, es gelingt ihm darüber hinaus, das gleichsam mit den Fußsohlen Erkannte so mit Gelesenem zu verknüpfen, dass er Wege in jene abgedunkelten Bereiche unseres Daseins erschließt, die mit bloßem Auge nicht auszumachen sind.

In seinen Büchern Mani und dem eben bei Dörlemann neu herausgegebenen Rumeli, die zu einer Zeit geschrieben wurden, da man bei uns die alten Griechen noch zu Vertretern des edelsten Geistes stilisierte, kann man lesen, dass jegliche hellenische Skulptur, auch der gesamte Parthenon zu Athen, mit gewissermaßen schreienden Farben verziert war, die Antike sei überhaupt eine Zeit pulsierender Sinnlichkeit gewesen.

Mit der Taschenlampe

Während eines seiner vielen Aufenthalte in Museen geht dem Wanderer plötzlich auf, dass in allen Mythen des Heiden-, Juden- und Christentums ein Streit zwischen Angst, Gier und mäßigender Selbstbeherrschung auszumachen ist, es sich also in religiösen Mythen, anders als die Lehrmeinung sagt, nicht um den Glauben dreht, sondern das Innenleben der Menschen zum Ausdruck gebracht wird. Mehr noch: Die besagten Religionen stellen einen ersten bedeutenden Versuch dar, unser facettenreiches und unergründliches Seelenleben in für alle verträgliche Bahnen zu lenken.

Die Literatur Patrick Leigh Fermors kann verzaubern. Man wird dann wieder zu jenem Leser, der man war, als man nachts unter der Bettdecke heimlich in einem von einer Taschenlampe beleuchteten Buch las und sich nicht losreißen konnte. So geschehen bei der Lektüre von Die Zeit der Gaben, als dieser Wanderer im Jahre 1933 in Deutschland herumgeht und sich alsbald fragt, warum die Gesichter zahlreicher Männer weithin sichtbar entstellt sind. Es handelt sich, vermerkt er, um Burschenschaftler, zu deren – den zivilisierten Engländer befremdenden – Vereinsleben rituelle Verstümmelungen gehören. Als Leigh Fermor im Hofbräuhaus in München einkehrt, beobachtet er, dass man dort nicht etwa isst, sondern stattdessen geradezu unerbittlich Berge von Fleisch in sich hineinschlingt, sodass viele Menschen so massig erscheinen wie „Zeppeline, die es weit fort vom Paradies hatte schweben lassen.“ In diesem leicht grotesken Bild erfasst Leigh Fermor, was in unseren Familienerzählungen nie zur Sprache kommt: die Gewalt, die in deutschen Körpern steckte. Wenn man an späterer Stelle des Buches liest, wie sehr er die Formenpracht der damals in den Städten noch stark präsenten Architektur des Spätmittelalters schätzt, steinerne Verbindungen mit einer humaneren Vergangenheit, die wenig später fast restlos vernichtet wurde, wird man von einem unheimlichen Schwindel ergriffen.

In den fünfziger Jahren nehmen Patrick und seine Ehefrau Joan Leigh Fermor nach vielen Wanderungen ausgerechnet in der abgelegenen und rauen Mani ihren Wohnsitz. Der wesentlichste Grund dafür dürfte nicht die herzliche Gastfreundschaft der Einheimischen sein, die auf den englischen Schriftsteller, wie er öfters anmerkt, den tiefsten Eindruck macht.

Nein, hier siedeln zwei, wenn man so sagen kann, außerhalb der modernen Zeit. Dort hat das Paar wohl wieder gefunden, wovon Leigh Fermors vielleicht schönster Text handelt; es ist ein Bericht über seine Aufenthalte in nordfranzösischen Klöstern, der davon erzählt, wie Muße, die es bei uns kaum mehr gibt, zu den kostbarsten irdischen Gütern zählt und zur entscheidenden Wegmarke zu einem Nachsinnen wird, das weit über den Tag hinausreichende Einsichten möglich macht – wie sie ja eben die Bücher des Engländers erfüllen. Es scheint, dass ihm in der Mani eine Sesshaftigkeit möglich wurde, welche dem Aufbrechen und Wandern gleichkommt.

Rumeli Patrick Leigh Fermor, Dörlemann 2012, 420 S., 24,90 . Fermors Werk erscheint in der Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié seit 2004 im Dörlemann Verlag.

Michael Girke schrieb im Freitag zuletzt über Ruhm am Nachmittag von Karl-Markus Gauß

Kommentare (3)

W. M. Steiner 03.05.2012 | 15:44

Ich hatte Leigh Fermors "Mani" im Gepäck, als ich im letzten Jahr die Halbinsel besuchte. Er hat lange genug gelebt, um zu sehen, wie sich sein vermeintlich modernisierungsresistenter Rückzugsort in ein populäres Touristenziel verwandelte. Trotzdem spürt man in dem Dorf Kardamili bei allem Trubel noch heute etwas von der rauhen Vergangenheit. Das Buch fand ich insgesamt weniger aufregend, als ich es mir vorgestellt hatte. Leigh Fermor schweift viel zu oft ab und übt sich in der Kunst des seitenlangen, halbakademischen Exkurses (z.B. über die widersprüchliche Ästhetik des östlichen und westlichen Christentums), gibt seine Ansichten über Griechenland und die Griechen "an sich" zum Besten, erscheint dabei manchmal wie ein reisender Professor. Dann wieder gibt es Stellen, die mir noch heute im Gedächtnis geblieben sind, wie eben jene Passage über griechische Ruinen, bei der ich mich fünfzehn Jahre zurückversetzt fühlte, als ich zum ersten Mal in Griechenland reiste und mich unversehens inmitten des Ruinenfeldes von Olympia allein fand - eine der magischen Momente meines Lebens. Oder die Begegnung mit zwei Salzsammlerinnen inmitten einer Felsenlandschaft, deren ungelenke, verschlossene Art Leigh Fermors Führer damit entschuldigt, dass sie den ganzen Tag nichts sähen als Gott. Auch die Anekdoten über Gladstones Zeit als Statthalter der Ionischen Inseln (?) und über das Abendessen, das Leigh Fermor und seine Frau wegen der großen Hitze im Meer einnahmen, entschädigten mich ausreichend für andere, eher ermüdende Passagen. Also alles in allem doch ein sehr lesenswertes Buch, wenn man es vielleicht auch nicht unbedingt am Strand lesen sollte.

Herzlichen Dank für den schönen Artikel.

Alexandra Co 08.05.2012 | 19:25

Ganz schöner Artikel! @ W.M.Steiner - das sind keine Reisebücher im engsten Sinne des Wortes, a la "MERIAN live" oder die früheren Michelin, das sind hoch intellektuelle Bücher. Er ist gereist und hat seine Gefühle und Erlebnisse niedergeschrieben. Sein Stil ist einzigartig, philozophisch und auf hohem Niveau dokumentiert. Die "Ausschweifungen" bestimmen den Wert.