Ein Einspruch

Literatur Michael Meyen beklagt die Abwicklung des Journalistik-Handwerks der DDR
Ein Einspruch
Die Journalistenausbildung an der Uni Leipzig sei absolut wettbewerbsfähig gewesen

Foto: Walter Rudolph/Imago Images

Der These, dass in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei, können heute auch viele zustimmen, denen zunächst kaum etwas erhaltenswert schien. Für die akademischen Kaderschmieden der SED gilt diese erinnerungspolitische Trendwende allerdings nicht, haftet ihnen doch nach wie vor der Ruf an, zuerst und zuletzt Linientreue für die Spitzenpositionen in Staat und Gesellschaft herangezogen zu haben.

Vor diesem Hintergrund lässt das Buch von Michael Meyen aufhorchen. Er ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München und erzählt die Geschichte vom Aufbau und Niedergang der akademischen Journalistenausbildung in der DDR, aber ganz anders, als diese Geschichte meist geschildert wird. Die bundesdeutsche Sicht prägte die ehemalige Leipziger Studentin Brigitte Klump, deren 1978 in der Bundesrepublik erschienenes Enthüllungsbuch Das rote Kloster 1991 neu aufgelegt wurde. Aus dem ursprünglichen Untertitel Eine deutsche Erziehung wurde nun Als Zögling in der Kaderschmiede des Stasi, was viel über den Zeitgeist der frühen 1990er und nur wenig über die tatsächliche Situation an der Universität aussagt.

Autobiografische Züge

So sieht es jedenfalls Meyen. Sein Buch handelt nicht von Parteidisziplin, Unterdrückung und Konformismus, sondern von den Idealen und Leistungen der Menschen, die in den 1980ern und frühen 1990ern in Leipzig studierten und lehrten. Seine sensible Gruppenbiografie ist zugleich ein Beitrag zur Geschichte der deutsch-deutschen Kommunikationswissenschaft. Schließlich ist das Buch eine Autobiografie. Meyen, von der historischen Mission der SED überzeugt, war nach knapp dreijährigem Wehrdienst bei einem Wachbataillon der Staatssicherheit von 1988 an selbst Journalistikstudent an der Universität Leipzig und daher mittendrin, als diese im Zuge der Wiedervereinigung abgewickelt und ein neues Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft aufgebaut wurde. Meyens meist wehmütiges, manchmal zorniges und mitunter ressentimentgeladenes Buch ist eine Provokation im doppelten Sinne. Zum einen, weil hier jemand kenntnisreich und gestützt auf jahrelange Recherchen und Gespräche mit Zeitzeugen nicht nur den schlechten Ruf seiner ehemaligen Ausbildungsstätte posthum aufpolieren möchte, sondern sogar eine grundlegende Neubewertung einfordert. Die Leipziger Journalistenausbildung sei in ihrer Betonung des journalistischen Handwerks absolut wettbewerbsfähig gewesen. Anstatt sie abzuwickeln, hätte man die Aufbruchstimmung der Jahre 1989/90 nutzen und sie zu einem international führenden „Leuchtturm“ ausbauen sollen. Zum anderen lässt Meyen am Zustand der Kommunikationswissenschaft wie auch an der Ausbildung des journalistischen Nachwuchses kein gutes Haar. Hier würden mediokre Medienarbeiter produziert. Das alles liest sich erfrischend, gerade weil die üble Nachrede unter Wissenschaftlern zwar weitverbreitet ist, aber nur selten zwischen zwei Buchdeckel gepresst wird.

Meyen, Jahrgang 1967, wurde sehr jung, im Alter von 34 Jahren, auf seine Münchner Professur berufen, unter anderem mit Unterstützung von Karl Friedrich Reimers, der ab 1991 als „Gründungsdirektor“ den Umbau der Leipziger Journalistik maßgeblich vorangetrieben hatte. Aus den autobiografischen Passagen des Buches geht hervor, dass Meyen ein sehr ehrgeiziger junger Mann von rascher Auffassungsgabe war, der bis heute davon überzeugt ist, dass er im Mediensystem der DDR an eine der führenden Position gelangt wäre. Grundlegende Zweifel an der SED-Herrschaft hatte er nicht; im Herbst 1989 sah er das „Neue Forum“ als große Gefahr und den Ausgang der ersten freien Wahlen vom 18. März 1990 empfand er als Katastrophe. Heute polemisiert er ausgiebig gegen das Paradigma von der „DDR-Diktatur“. Ostdeutsche und Westdeutsche sind in seinem Buch fein säuberlich geschieden, was angesichts der drei Jahrzehnte, die seit 1990 vergangen sind, befremdet. Sich selbst nennt er einen „Exil-Ostdeutschen“.

Einseitig, aber lesenswert

Dennoch ist die Studie lesenswert. Erstens liefert sie, vielleicht gerade wegen ihrer Einseitigkeiten, ein wichtiges Korrektiv zu den selbstgefälligen Erfolgsgeschichten vom geglückten „Aufbau Ost“. Besonders die Wissenschaftler in der DDR, die sich nach einer langen Qualifikationsphase im Zenit ihres Schaffens wähnten, standen mitunter über Nacht vor den Scherben ihrer beruflichen Existenz. Eine zweite Chance gaben ihnen die neuen Unileitungen und die Wissenschaftsministerien nur selten. In die Elite der Entscheider konnten sie nicht mehr vordringen. Das gilt weit über die Leipziger Journalistenfakultät hinaus. Gerade seinen ehemaligen akademischen Lehrern, die meisten von ihnen inzwischen verstorben oder hochbetagt, nähert sich Meyen mit großer Sympathie und Gespür für Zwischentöne. Er liefert auch einen schlagenden Beweis für seine These, man möge angehenden Journalisten zunächst einmal das sprachliche Rüstzeug vermitteln. Sein Buch ist ausgezeichnet geschrieben, stets unterhaltsam, dabei genau in der Sache. Hier wird nicht nur nachvollziehbar belegt, sondern auch klar argumentiert, allerdings stets parteilich – auch das übrigens eines der Hauptziele der Journalistenausbildung in der DDR.

An seinem eigenen Standpunkt lässt Meyen keinen Zweifel. Es lohnt sich darüber zu streiten, inwiefern der real existierende deutsche Journalismus der Gegenwart tatsächlich handwerklich defizitär und ideologisch selbstgefällig ist. Überzeugende Argumente für seine Auffassung, dass man dafür an den seinerzeit in Leipzig gelehrten Journalismus anknüpfen solle, bleibt Meyen allerdings schuldig.

Daniel Siemens ist Professor für europäische Geschichte an der Newcastle University in Großbritannien

Info

Das Erbe sind wir. Warum die DDR-Journalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte Michael Meyen Herbert v. Halem Verlag 2020, 372 S., 28 €

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06:00 08.05.2021

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