Ein einziges Grab

Gratwanderungen Adonis und Abdelwahab Meddeb sind die spirituellen Nomaden der arabischen Lyrik

Wir säkularisierten Geister sind misstrauisch geworden gegenüber allen göttlichen Worten und dichterischen Offenbarungen. Das messianische Erlösungsversprechen, das uns die monotheistischen Religionen zumuten, hat zu viele Ernüchterungen hinnehmen müssen, als dass wir uns davon noch enthusiasmieren lassen könnten. Auch der Glaube an die Selbsttranszendierungen der Dichter ist ziemlich abgebröckelt. Das markiert einen ersten Unterschied zur arabischen Welt: Dort gilt die Rezitation des Koran nach wie vor nicht nur als der stärkste Gottesbeweis, sondern auch als Gipfelpunkt poetischer Ausdruckskraft.

Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani hat in einem faszinierenden Essay auf den engen Zusammenhang von göttlicher Offenbarung und Poesie hingewiesen. Kermani erzählt hier die aufschlussreiche Anekdote vom frühmittelalterlichen Dichterkönig Labid ibn Rabia, der im dichterischen Fernduell mit dem Propheten Mohammed jämmerlich unterlag. Labid ibn Rabia ließ sich im Bewusstsein des sicheren Triumphes dazu herab, Verse des damals noch als obskurem Gaukler verschrienen Mohammed zu rezitieren. Überwältigt von der Schönheit der Koran-Verse, so erzählt die Legende, bekannte sich Labid ibn Rabia noch an Ort und Stelle zum Islam. Dieser Glaube an die unüberbietbare poetische Wirkungskraft des Korans stellte jeden arabischen Dichter bis ins 20. Jahrhundert hinein vor eine Zerreißprobe: Jeder Verfasser eines Gedichts setzte sich in unmittelbare poetische Konkurrenz zum Koran - und riskierte es, für dieses potenziell frevlerische Verhalten der Häresie bezichtigt zu werden.

Zu einem ersten folgenreichen Zusammenstoß der traditionell religiös eingebundenen Dichtung mit den Form- und Bild-Vorstellungen der westlichen Moderne kam es im Jahr 1947, in dem sich - folgt man dem aus Syrien stammenden Dichter und Übersetzer Suleman Taufiq - "die Geburtsstunde der modernen arabischen Lyrik" vollzogen hat. Zwei irakische Dichter, Nazik Al-Malaeka und Badr Shakir As-Sayyab, riskierten es, von den festen metrischen Vorgaben der Tradition abzuweichen und erstmals Gedichte in freien Rhythmen und lockeren Reimmustern vorzulegen. Als sich dann 1956 in Beirut, dem neuen liberalen Zentrum der arabischen Welt, die jungen Dichter Adonis, Fuad Rifka und Yusuf Al-Khal zur Gründung der Zeitschrift Schiir (Poesie) trafen, begann jene Gratwanderung in die Moderne, die bis heute in der arabischen Welt die heftigsten Diskussionen provoziert.

Die leidenschaftlichste Auseinandersetzung mit den eigenen geistigen Wurzeln führt dabei der mittlerweile 73-jährige syrisch-libanesische Dichter Adonis, der seinen Begriff von Poesie aus dem fortdauernden Nomadisieren zwischen orientalen und okzidentalen Denkfiguren entwickelt hat. In seinem Frühwerk noch auf "die Umwertung aller (islamischen) Werte" bedacht, sucht er in späteren Werken seine Vision einer anderen Moderne zu differenzieren. Die Portalfiguren des antiken Mythos, Gestalten wie Odysseus, Sisyphos oder Orpheus, sollen mit den Urszenen und Grundmotiven der arabischen Kultur in symbiotische Zusammenhänge gebracht werden. Zur geistigen Grundausstattung seiner eigenen Poesie gehört dann eben nicht nur der emphatische Bezug auf Nietzsche, Hölderlin, Rilke und Heidegger(!), sondern eben auch die Adaption der islamischen Mystik, des sogenannten Sufismus.

In einem kleinen Apercu hat Adonis seine Wanderungen zwischen arabischer und westlicher Poesie, zwischen dem monologischen Gedicht des westlichen Symbolismus, und der hymnischen Rezitation der traditionellen arabischen Poesie, lakonisch zusammengefasst: "Abu Nawas ist der Baudelaire der Araber". Der mittelalterliche arabische Poet Abu Nawas (757-814) gilt auch für andere "westöstliche" Weltpoeten, wie etwa den in Paris lebenden Tunesier Abdelwahab Meddeb, als Ikone einer kosmopolitischen Dichtkunst. Dass diese Gratwanderung zwischen Orient und Okzident nicht immer von hellen Visionen getragen ist, demonstriert ein Adonis-Gedicht in der von Suleman Taufiq herausgegebenen Anthologie Neue Arabische Lyrik. In fast ostentativer Negation des Goetheschen Versöhnungsbilds vom "westöstlichen" Dialog betont Adonis in seinem Gedicht Der Westen und der Osten die kulturellen Trennungslinien und Feindseligkeiten zwischen den Welten: Etwas dehnte sich im Tunnel der Geschichte, / etwas Geschmücktes und Vermintes,/ es trug sein von Öl vergiftetes Kind, / ein vergifteter Händler besang es. / Es war der Osten, der wie ein Kind fragte / und nach Hilfe rief, / und der Westen war sein unfehlbarer alter Weiser. / Diese Landkarte wurde geändert, / denn die Welt ist ein Brand. / Der Osten und der Westen sind ein einziges / Grab, aus seiner eigenen Asche gemacht ...

Das Langgedicht Ein Grab für New York, das im neuen Adonis-Band (Teil 2 der Werkausgabe) enthalten ist, nimmt dieses Todesbild vom "Grab" wieder auf - um daraus eine Untergangsvision für die Metropole der westlichen Welt zu formen. Die weit ausgreifende, an Walt Whitman, den Pionier der amerikanischen Moderne anknüpfende Suchbewegung des Gedichts ist im Gestus den berühmten Verspoemen Hart Cranes (The Bridge) oder Ezra Pounds (Cantos) durchaus verwandt. Man kann diese mal hymnische, mal ironisch gebrochene Beschwörung der schwer versehrten Metropole durchaus als Vorahnung des denkwürdigen 11. September lesen: "Zerbröckele, o Freiheitsstatue, o ihr Nägel, die mit einer Kennerschaft in die Brust getrieben sind, welche die Weisheit der Rose nachahmt. Der Wind weht ein zweites Mal aus dem Osten, er entwurzelt die Wolkenkratzer ebenso wie die Zelte."

Das "poetisch-philosophische Streitgespräch mit dem Westen" (Stefan Weidner) erscheint nicht nur als markantes Charakteristikum des Werks von Adonis, sondern auch als zentrales Movens in den Texten des Tunesiers Abdelwahab Meddeb, der nicht erst seit seinem famosen Essay Die Krankheit des Islam (2002) als inspiriertester Diagnostiker der "westöstlichen" Konfliktverhältnisse gelten kann. Schon in seinem Islam-Essay versuchte Meddeb jene Traditionslinien zu markieren, die einen reichen freigeistigen Islam in der Nachfolge des frühmittelalterlichen Libertins und Dichters Abu Nawas oder des philosophischen Mystikers Ibn Arabi von der folgenreichen Dogmatisierung des Islam durch den saudiarabischen Wahabismus trennen.

Die mystischen Kosmogonien und Träume des Ibn Arabi, sein pluralistisches Religionsverständnis und die von ihm entfesselten metaphysischen Energien werden nun auch zur Bezugsfigur im aktuellen Gedichtband Meddebs, die in einer dreisprachigen Ausgabe (französisch-arabisch-deutsch) vorliegt. Diese Gedichte führen in fast programmatischer Manier das Projekt des großen Vorbilds Ibn Arabi fort: In insgesamt 61 "Stanzen" geht es um mystische Ekstasen und berückende Epiphanien, die sehr oft zu erotischen Urszenen transformiert werden. Der "spirituelle Nomade", als den sich Meddeb in einem Essay definiert hat, folgt hier enthusiastisch den "abenteuerlichen Pfaden der inneren Vision" - und das manifestiert sich in Versen, die sich unablässig an Offenbarungssensationen berauschen und in ihrem Überschwang die Überschreitung der alltäglichen Sphäre suchen. Gerade diese beständige lyrische Aufladung der sinnlichen Details, dieser rhapsodische Ton, die hymnische Anrufung einer zu verzaubernden Welt kehren in vielen Gedichten der arabischen Moderne wieder. Aber nirgendwo sind sie mit so üppigem metaphorischen Dekor ausgestattet wie in den poetischen Exaltationen eines Meddeb. Die Energien von "Nomadentum und Sufismus" versucht Meddeb in Gedichte von vibrierender Sinnlichkeit zu überführen. Dabei imaginiert sich sein lyrisches Subjekt als bilderhungriger Wanderer zwischen den Welten: ... als Zielloser hatte ich mich gesehen, der durch das Land irrt, in allen Sprachen stammelnd, alle Schriften berührend, kommend, gehend, ... die Bühnen wechselnd, aufmerksam für die Spur der Völker, auf ihrer Zeitreise, erratisch, sich wandelnd, veränderlich, im Spiegel der Metamorphosen, folgend dem Los der Leidenschaft, das die Welt bewegt. Im Assoziationsstrom blendender Bilder wird hier ein Dichter der Entgrenzung sichtbar.

Dagegen bleibt das literarische Profil der meisten arabischen Lyriker, die uns in diesem Bücherherbst vermittelt werden, ziemlich undeutlich. Die knappen Textproben der insgesamt 47 Autoren, die in Suleman Taufiqs Anthologie feilgeboten werden, machen es dem Leser schwer, hier markant-unverwechselbare Stilhaltungen zu entdecken. Natürlich sind auch die Altmeister und lebenden Legenden vertreten: neben Adonis etwa der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch oder der Libanese Fuad Rifka. Aber man stolpert auch über zu viele hilflose hymnische Aufschwünge ("O Welt, / ich schreie dir ins Gesicht"), zu gewaltig dröhnendes Pathos ("Wie viele Intrigen schon habe ich mit dem Hammer / der Poesie zerschlagen") oder zu großes Zutrauen zu den Donnerworten "Sehnsucht" oder "Liebe". An diesen dramatischen Rezitationsgesten der arabischen Poeten kann man ermessen, wie weit doch die orientalische Vorstellung von Sprachmagie und die grüblerisch-monologische Kunst des Okzidents noch immer auseinander liegen.

Adonis: Ein Grab für New York. Gedichte 1965-1971. Arabisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Stefan Weidner. Ammann, Zürich 2004, 160 S., 24,90 EUR

Abdelwahab Meddeb: Ibn Arabis Grab. Gedichte. Arabische Nachdichtung von Mohammed Bennis; deutsche Nachdichtung von Hans Thill. Wunderhorn, Heidelberg 2004, 148 S., 22 EUR

SulemanTaufiq (Hrsg.): Neue arabische Lyrik. Übersetzt von S. Taufiq. dtv, München 2004, 240 S., 9 EUR


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00:00 08.10.2004

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