Ein einziges System

Eine Medaille, zwei Seiten Wolfgang Sofskys "Zeiten des Schreckens"und Sebastian Scheerers - "Zukunft des Terrorismus"pendeln zwischen Erregung und Ernüchterung

Das Phänomen "Terrorismus" ist spätestens seit dem 11. 9. 2001 wieder zu einem "heißen" Thema geworden, und unter den zahlreichen Neuerscheinungen hierzu finden sich auch die Abhandlungen des Soziologen Wolfgang Sofsky und des Kriminologen Sebastian Scheerer, zwei Bücher, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Die in Wolfgang Sofskys in Zeiten des Schreckens versammelten Essays und Aufsätze sind eine minutiöse Auflistung von Phänomenen wie Amok, Terror, Krieg, und seine These ist seit Sofskys viel beachtetem und umstrittenem Buch Traktat über die Gewalt (1996) bekannt: Gewalt gehört unausweichlich zum Menschen; sie stiftet erst Kultur, und Kultur ihrerseits stiftet Gewalt. Sofsky wendet sich gegen trügerische Weltbilder: "Der Glaube an die Zivilisation ist ein eurozentristischer Mythos, mit dem sich die Moderne selbst anbetet." Auch wenn man diese Position, die ja nicht ganz neu ist, durchaus teilen kann, irritiert die Lektüre des Buchs. Nicht die Analyse steht im Vordergrund, sondern die Ausmalung gewaltsamer Szenarien. Unter der scheinbar nüchternen Oberfläche des Textes schwelt ein kaltes Feuer; eine Faszination an den destruktiven Möglichkeiten der Menschheit. Und so hat es in diesem Buch geradezu Methode, dass der Wissenschaftler Sofsky literarisch wird: "Schulter an Schulter schleppten sich die jungen Soldaten über das Niemandsland. Das Bajonett aufgepflanzt, einen halben Zentner Gepäck auf dem Rücken, beugten sie sich beim Vormarsch leicht nach vorn, um dem Ansturm des schweren Feuers zu trotzen ... Ungerührt stapften sie vorwärts, ohne Deckung, ohne Sicht. Das Ohr vernahm kaum das nahe Tacken der Maschinengewehre. Mit jedem Schritt lichteten sich die Reihen, rechts und links fielen die Kampfgefährten, niedergemäht von den Garben der Maschinengewehre. Verwundete krochen in die Trichter, hüllten sich in ihre Decken und starben."

Schilderungen dieser Art durchziehen das Buch, und es wirkt, als habe sich hier einer, fasziniert von den vielfältigsten Formen der Gewalt, tatsächlich bannen lassen. Der Text sagt: "Es", das Böse, Destruktive, die Gewalt, es funktioniert, und er malt aus, wo und wann und wie es funktioniert. Da geht es, nicht immer klar gegliedert, um Amok, Attentat, Razzia, Terror, um den Mob, die Marodeure, um den Exzess und die Rituale. Der Mensch ist erfinderisch, daher gibt es Gewalt, heißt es sinngemäß, und, "große Verbrechen bedürfen keiner großen Ideen über Gott und die Welt". Selbst wenn man diesem etwas allgemeinen Satz pauschal zustimmen kann, er ergibt weiter nichts; und da, wo Sofsky zu konkreten Folgerungen kommt, wirken sie etwas schlicht; bezogen auf den Terrorismus heißt es etwa, die effektivste Gegenstrategie liege "nicht in der Aufklärung verblendeter Subjekte, sondern in der Zerschlagung ihres sozialen Netzwerks." Es geht dem Buch im Grunde nicht um Politik, sondern um eine Anthropologie der Gewalt. Die tautologische Erklärung - es gibt Gewalt, weil der Mensch gewalttätig ist - wird all denen entgegengehalten, die wider besseres Wissen immer noch auf die Aufklärung setzen, die "fortschrittsgläubig" sind.

Das Attribut "gläubig", mit dem differierende Positionen so flugs in den Bereich des Religiösen verwiesen werden, also ihres kritischen, rationalen Kerns entkleidet werden, passt auf den Hamburger Kriminologen Sebastian Scheerer sicherlich nicht. Seine Abhandlung Die Zukunft des Terrorismus wirkt gegenüber Sofkys Buch wohltuend sachlich und bescheiden, dabei ist sie in ihren Implikationen und Folgerungen provokativer als die des Kollegen. Wo Sofsky mit fast grimmiger Genugtuung auf eine Dimension des Destruktiven verweist, die wahrscheinlich wirklich nicht fassbar ist, da schweigt Scheerer; er versucht jedoch, den Raum des Fassbaren zu erweitern und spricht von dem, was man vielleicht, nach anfänglichen Widerständen, verstehen kann.

So ist Terrorismus für ihn nicht "das Böse", das Dämonische, das Unfassbare. Scheerers These heißt schlicht: Terrorismus funktioniert nur, wenn er einen heimlichen Komplizen in seinem Gegenüber hat. Man würde es sich nach Scheerer zu einfach machen, den Terrorismus wie auch andere Gewaltformen pauschal mit den Abgründen der menschlichen Natur zu erklären; es ginge vielmehr darum, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen und konkret zu untersuchen, unter welchen Bedingungen Terrorismus wo und wann entsteht und was aus ihm wird. Die von Sofsky so harsch verworfene "Fortschrittsgläubigkeit" oder auch nur die Hoffnung auf Fortschritt wird man bei Scheerer kaum ausmachen können. Er konstruiert, nachdem er das Phänomen Terrorismus historisch und aktuell analysiert hat, drei Szenarien für die Zukunft.

Zukunft eins, "Erledigung", führt die Möglichkeit eines erfolgreichen Krieges gegen den Terrorismus vor. Eine fundamentale Reorganisation und technologische Innovation der US-Streitkräfte findet statt. Was zuvor politisch-rechtlich nicht möglich war, wird jetzt möglich gemacht. Im Namen der Effektivität ist man bereit, unpopuläre Maßnahmen selbst im eigenen Lager zu ergreifen und andererseits zu riskieren, ganze Religionsgemeinschaften und Drittstaaten zu diskriminieren. Auch nach dem Sieg über die Schurken X,Y oder Z muss der tendenziell repressive status quo aufrecht erhalten werden, er wird institutionalisiert, so dass auch in scheinbar ruhigen Zeiten jedes Instrumentarium zur Verfügung steht. Die Frage, ob und für wen diese Zukunft wünschbar wäre, bleibt offen.

Zukunft zwei mit dem Titel "Indienstnahme" führt dieselben Maßnahmen vor, nur wird hier nicht die Möglichkeit eines Sieges durchgespielt, sondern die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Die Suche nach Verbündeten zwingt zu Allianzen mit repressiven Regimes, das heißt, es findet etwas wie Anverwandlung statt. Es kommt zum Legitimationsverlust auch im eigenen Lager. Wo ein terroristischer Schurke geschlagen ist, stehen zehn neue auf. Fixiert auf den Sieg über den je aktuellen Hauptfeind, wird "Nebensächliches" ausgeblendet - was eine historische Parallele hat: Die USA wollten den Sowjets während des kalten Krieges ihr Vietnam in Afghanistan bereiten und sahen nicht, wen sie mit Al Qaida stärkten. Der unbesiegte instrumentalisierte Terrorismus bleibt ein nützlicher Feind; Sicherheit und Terror bilden hier ein einziges undurchschaubares System, für das die Bevölkerungen der Erde so oder so zu zahlen haben.

Zukunft drei schließlich trägt den provozierenden Titel "Anerkennung" und entwirft folgendes Bild: In den USA verschieben sich die Mehrheiten, es kommt zu einem Kurswechsel in der Außenpolitik. Das Ziel der Terrorismusbekämpfung wird dem Ziel der Befriedung von Gewaltkonflikten überhaupt untergeordnet. Ein globaler Rechtsstaat wird konsolidiert, der alle Akteure an der Gestaltung des Weltgeschehens angemessen beteiligt. Die Probleme etwa in Nahost werden so bearbeitet, dass die arabische Welt zustimmt. Allmählich verschwindet weltweit der Terrorismus, und zwar nicht nur der scheinbar so monströse "revoltierende" Terror, sondern auch der "normale", seit jeher als Herrschaftsinstrument angewandte Staatsterror.

Scheerers differenzierte Argumentation, ein Sieg über den Terrorismus sei möglich, das Scheitern wahrscheinlich, wirkt plausibel. Dabei gibt es zu denken, dass der Sieg wie auch das Scheitern den zwei Seiten einer Münze gleichen, sofern beide Szenarien ein System vielfältiger und andauernder Repression vorführen. Doch Zukunft drei fällt die noch in den Bereich des Möglichen? Muss man ihr nicht unberechtigte "Fortschrittshoffnung" vorhalten? Die weitblickende Regierung sowie eine lernfähige Bevölkerung, sie steigen wie der Phoenix aus der Asche. Dabei zeigt allerdings das Beispiel des Konflikts zwischen Algerien und Frankreich, dass es, lokal begrenzt, möglich war, die Schiene Terror-Antiterror zu verlassen.

Trotzdem: Was ist Scheerers Vorstellung eines Systems globaler gegenseitiger rechtlicher, politischer, kultureller Anerkennung anderes als die Idealbilder, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit Institutionen wie dem Völkerbund oder der UNO verbunden wurden oder werden? Wie weit reichte denn deren Durchsetzungsfähigkeit bisher?

Was also in diesem Buch insgesamt zu kurz kommt, ist der Blick auf ökonomische Interessen. Diese Einwände sollten keinesfalls verführen, Scheerers komplexe, übrigens auch stilistisch überzeugende Abhandlung zu unterschätzen. Wenn er mit sympathischem understatement und auch ein wenig sophistisch davon spricht, er wolle den Terrorismus verharmlosen, ihn also als ein Gewaltphänomen unter anderen verstehen, dann läuft das auf eine philosophische Forderung nach einem Umdenken im Bereich des Politischen hinaus: Terrorismus wird nur wirksam begrenzt, indem man auf strukturell ähnliche Deutungsmuster und Machtmittel verzichtet. Ein spröder Satz, stellt man ihn neben Sofskys Szenarien. Die Zeiten des Schreckens beharren mit Furor darauf, dass es Gewalt immer geben wird. Doch wer bestreitet das eigentlich? In Scheerers Zukunft des Terrorismus wird diskutiert, welche tendenziell destruktiven und konstruktiven Möglichkeiten es im Umgang mit Gewalt gibt, und zwar unter der Voraussetzung, dass Menschen ihre eigene Geschichte nicht aus selbst gewählten, freien Stücken gestalten, sondern unter bereits gegebenen Umständen.

Wolfgang Sofsky: Zeiten des Schreckens. Amok, Terror,Krieg. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002, 256 S., 19,90 EUR

Sebastian Scheerer: Die Zukunft des Terrorismus. Zu Klampen-Verlag, Lüneburg 2002, 170 S., 17 EUR

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00:00 11.10.2002

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