Ein endloser Aufstieg

Chinas Fieberkurve Der oft prophezeite Wachstumskollaps hat die Volksrepublik bisher nicht ereilt

Statistiken sind im Spiel, wann immer von China als Wirtschafts- und Weltmacht die Rede ist. Ein Zahlenspektakel, das unsere Phantasie anregt, Furcht und Respekt gleichermaßen hervorruft: Das fünfte Jahr in Folge dürfte die Volksrepublik 2007 ein zweistelliges Wachstum verbuchen. Seit einem Vierteljahrhundert schon werden derart positive Zahlen vermeldet. Das bevölkerungsreichste Land der Erde fördert heute die größte Menge an Kohle, produziert mehr Zement und Stahl als jeder andere Staat, verzeichnet nach den USA den zweitgrößten Verbrauch an Erdöl.

Auch die chinesischen Medien intonieren diese Zahlensinfonie jeden Tag aufs Neue. Sei es in Xinwen Lianbo, den abendlichen Fernsehnachrichten, oder der staatsnahen Presse - in den bunten Animationen zeigen die Pfeile stets nach oben. Kein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Höchstleistung aufgestellt wird: Steuerentlastung für Bauern wie noch nie, Exportrekord bei Omnibussen, mehr als eine Billion US-Dollar staatlicher Devisenreserven! Manche Zahlen scheinen zu rosig, um wahr zu sein.

Die Luft über Labudalin

Ein Blick hinter die glitzernden Kulissen der Küsten-Metropolen kann sinnvoller als alle Bilanzen sein, um den rasanten Aufstieg eines Landes zu begreifen, das sich erst vor drei Jahrzehnten mit den radikalen Reformen des Deng Xiaoping der Welt wieder öffnete.

"Uns geht es besser als früher" - ein Satz, den man auf der Reise durch die Nordprovinzen häufig hört. "Als ich Anfang der achtziger Jahre hierher kam, um zu heiraten, war das Steppenland ein bitterarmes Gebiet", erinnert sich Wu Qi, Taxifahrerin aus Labudalin, einer Kleinstadt in der Inneren Mongolei, 1.000 Kilometer von Peking entfernt. Wu arbeitete zunächst mit ihrem Mann in der Landwirtschaft. "Selbst wir Bauern erhielten damals unsere Nahrungsmittel nur gegen Lebensmittelkarten. Fleisch und Milch gab es so gut wie nie, nicht einmal Reis war garantiert." Seit sieben Jahren nun fährt Frau Wu Taxi. Der Kleinbus, den sie steuert, nennt sie ihr Eigentum. Das Geschäft laufe nicht immer prächtig, besser als früher seien die Zeiten jedoch allemal.

Ihr 22-jähriger Sohn studiert Englisch im vierten Semester und will Lehrer an einer Mittelschule werden. "Wer weiß schon, ob das einmal eine gute Arbeit sein wird", zweifelt Wu Qi. Die Ausbildung kostet die Familie jedes Jahr ein kleines Vermögen, umgerechnet 1.500 Euro müssen für den Sohn aufgebracht werden. "Doch wer aus meiner Generation hätte es gewagt, von einen Studium auch nur zu träumen?" fragt Wu.

Es sind die Schicksale einfacher Menschen aus der Provinz, die offenbaren, dass Wohlstand auch für große Teile der ländlichen Bevölkerung kein uneingelöstes Versprechen mehr ist. An der Hauptstraße von Labudalin - erst seit 1993 zur Stadt erklärt - sind fast alle Fassaden frisch verputzt; die Geschäfte zeigen ein üppiges Sortiment, die Menschen kaufen. Eine Asphaltstraße verbindet den einst nur über eine Schotterpiste erreichbaren Ort mit der Außenwelt.

China ist seit Anfang der achtziger Jahre mit unverhohlenem Selbstbewusstsein in die Welt zurückgekehrt. Die politische Führung nimmt für sich in Anspruch, dabei einen neuen und vor allem "chinesischen Weg" eingeschlagen zu haben, auf dem der Pragmatiker in der Regel mehr gilt als der Ideologe.

Bisher hat die ungebrochene Wachstumsdynamik geholfen, Schattenseiten des scheinbar ewigen Höhenflugs auszublenden. Doch bleibt der oft ineffiziente Einparteienstaat nicht immer Herr der Lage, auch wenn weniger die von einer kleinen Elite in Peking verordnete Politik das Problem darstellt. Vielmehr ist das Land, das noch immer 900 Millionen Bauern zählt und ernährt, zu groß und seine Gesellschaft mittlerweile viel zu komplex, als dass sich alles aus einem Machtzentrum steuern ließe. Zentrale Vorgaben scheitern nur allzu oft an den Begehrlichkeiten der Provinz. Korruption mag wirtschaftlicher Leistung zuweilen förderlich sein, Schmiergeld Genehmigungszeiten verkürzen - nur ist Bestechlichkeit eben auch geeignet, Umweltstandards, Arbeitsschutz und planerisches Augenmaß zu unterlaufen. Vieles, was derzeit in China gebaut wird, geht am Bedarf vorbei. Allein in Peking steht ein Fünftel der Gebäude leer, der Immobilienmarkt droht zu kollabieren. Sechsspurige Schnellstraßen führen mitunter zu einsamen Dorfeinfahrten, weil der lokale Parteichef zugleich Chef der lokalen Straßenbaufirma ist.

Überdies herrscht in vielen Regionen akuter Wassermangel, lastet über den Megastädten eine solche Smogwolke, dass die Menschen in Peking oder Shanghai gelegentlich bekennen, sie hätten vergessen, wie ein blauer Himmel aussieht. Die Luft über Labudalin hingegen, in der mongolischen Grassteppe, wo es lediglich eine Molkerei und wenig Verkehr gibt, ist rein und klar.

Größte Internet-Gemeinde

Der bescheidene Wohlstand der Familie Wu bleibt schwer erkauft. Wu Qis Bruder schuftet als Wanderarbeiter in Shanghai; nur einmal pro Jahr kann er sich eine Fahrkarte in die Heimat leisten. Wie Millionen andere Arbeitsnomaden auch, bleibt er Zaungast des Aufschwungs und kann nur zusehen, wie sich viele Städter teure Autos und Auslandsreisen leisten, während er selbst für einen Arztbesuch lange spart. Wenn ein Bauunternehmer sichere Schutzhelme lediglich an Vorarbeiter und Ingenieure ausgibt, um bei jedem Maurer umgerechnet schäbige zehn Yuan (zwei Euro) zu sparen, ist das Land von einer "harmonischen Gesellschaft" - jener häufig bemühten Utopie der Kommunistischen Partei - weit entfernt.

Das ändert nichts daran, dass der Staat kaum etwas unversucht lässt, um technologisch auf der Höhe der Zeit zu sein. Fast in jedem Dorf gibt es mittlerweile Internet-Cafés und ein Funknetz für Mobil-Telefone. Es ist eben nicht ausschließlich die Ökonomie, bei der China die Nr. 1 in der Welt sein will. Die halbstaatliche englischsprachige China Daily verkündete im Januar, die Volksrepublik werde binnen zwei Jahren weltweit die größte Internet-Gemeinschaft stellen. Noch stehen 210 Millionen Internetnutzer in den USA 137 Millionen im Reich der Mitte gegenüber. Aber schon bei den Olympischen Spielen im nächsten Jahr werden die Chinesen aller Voraussicht nach die Nordamerikaner bei der Medaillenwertung vom Thron stoßen - alles nur eine Frage der Zeit, wie es heißt?

Einfache Menschen wie Wu Qi kennen diese Prophezeiungen, die - mit einem patriotischen Sound - täglich die Medien beherrschen und die Formel bedienen: Chinesen sind auf den ökonomischen Boom ebenso stolz wie auf Olympia oder den ersten Landsmann im All.

Vieles spricht dafür - es ist dieses Bedürfnis nach nationalem Prestige und internationaler Anerkennung, das ein Jahr vor den Olympischen Spielen die nach außen hin noch sozialistische Volksrepublik mehr als manches andere zusammenhält.


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00:00 24.08.2007

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