Her mit der Knete

Porträt Van Bo Le-Mentzel ist Spezialist für Crowdfunding-Projekte. Jetzt will er damit die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens wiederbeleben
Elisabeth Weydt | Ausgabe 30/2014 1

Er hatte sich Leim über die Jacke gegossen. „Damit lass ich dich nicht mehr auf die Straße“, sagte seine Frau. Aber Van Bo Le-Mentzel wollte die Jacke nicht wegwerfen, sie tat ja noch ihre Dienste. Also umkreiste er die Flecken auf dem Ärmel mit Filzstift. „Das sah megabescheuert aus“, sagt er heute. Er malte Kreise auf den anderen Ärmel, suchte passende Aufnäher. „Ich hab mir viele Gedanken gemacht, wie ich die Flecken so verändere, dass ich damit trotzdem auf die Straße kann.“ Denk nach, befahl er sich. Aber die Jacke blieb im Schrank. Bis er bei einer Aktion mitmachte, bei der man seine Kleidung einen Tag lang linksherum tragen sollte. Da sah man die Flecken nicht mehr. Die Jacke trägt er heute noch so. „Wenn du dich zwingst, eine Aufgabe mit normalem Denken zu lösen, kommst du manchmal nicht drauf. Du musst den speziellen Moment abwarten.“

In solchen Momenten flüstere ihm sein Genie etwas, sagt er. Das komme aber nur, wenn es keinen Druck von außen gebe. Jeder habe so ein Genie, ist Le-Mentzel überzeugt, aber bei den meisten gebe es zu viel Druck, um es zum Flüstern zu bringen.

Seines hat den 37-jährigen Berliner nun an eine große Idee erinnert. Le-Mentzel will mit einem Experiment das bedingungslose Grundeinkommen wieder ins Gespräch bringen. Der zentrale Gedanke ist die Entkopplung von Einkommen und Arbeit. Ohne Gegenleistung, allein aufgrund der Würde des Menschen soll dieser sich seine Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen und Kleidung erfüllen können. Gesellschaftliche Solidarität soll den Leistungsgedanken ersetzen, Ehrenamt und Familienarbeit damit aufgewertet werden. Die Idee fasziniert, Kritiker verwerfen sie aber schnell als völlig utopisch.

Jeder soll nehmen

Um der Utopie ein bisschen näherzukommen, will Le-Mentzel ein Stipendium für „Ein Jahr Leben“ schaffen und das Ganze durch Crowdfunding finanzieren. Man soll nicht für seinen Lohn arbeiten müssen, sondern für die Gesellschaft arbeiten können. Le-Mentzel will den Druck herausnehmen und den Genies freien Lauf lassen. Dabei soll nicht eine Handvoll Ausgewählter in einer Jury darüber bestimmen können, wessen Leben besondere Förderung verdient, sondern alle, die mitmachen wollen. Darum nennt er seine Idee ein demokratisches Stipendium, das „dScholarship“. Jeder soll geben, jeder soll nehmen können. Le-Mentzel will es zuerst an sich selbst testen und dann anderen damit helfen.

Im dScholarship kombiniert Le-Mentzel zwei Konzepte, mit denen viele Menschen die Hoffnung auf ein von den bisherigen ökonomischen Zwängen entkoppeltes Leben verknüpfen: das bedingungslose Grundeinkommen und das Crowdfunding. Für ein Jahr Leben will Le-Mentzel 18.000 Euro einsammeln. Johannes Ponader, der ehemalige Geschäftsführer der Piraten, war mit einer ähnlichen Idee 2012 gescheitert. Um frei von Hartz IV leben zu können, hatte er einen Spendenaufruf in eigener Sache gestartet, allerdings kaum Geld, dafür aber viel Kritik kassiert.

Le-Mentzel ist studierter Architekt und arbeitet heute bei einer Kommunikationsagentur, die knapp 100 Mitarbeiter hat. Sie betreuen Kunden wie Lufthansa, BMW oder die Stadt Kempten. Die Agentur entwirft „Repräsentations- und Erlebnisräume“, plant öffentliche Auftritte und die Markenkommunikation. Le-Mentzel hat etwa am Konzept für einen modernen Zoo in Tiflis mitgearbeitet.

Er sitzt auf einem Hocker auf der Dachterrasse des Berliner Bürokomplexes, in dem er arbeitet. Vor ihm Tomaten und Kräuter in Holzbottichen, hinter ihm die Dächer der Hauptstadt. Er trägt Jeans, Hemd und rote Sneakers. Ununterbrochen wippt er mit dem einen Bein, das er über das andere geschlagen hat. Dabei wirkt er aber nicht nervös, sondern eher wie jemand, der gleich loslegen will – mit was auch immer.

Das Thema „Geben und nehmen“ treibt Le-Mentzel schon länger um. Und er hat dazu viele Gesprächspartner: Gut 20.000 Menschen tauschen sich in seiner Facebook-Gruppe „Konstruieren statt konsumieren“ aus oder wirken bei seinen verschiedenen Crowdfunding-Projekten mit. „Es gibt immer mehr Leute, die hinterfragen, ob das richtig ist, dass wir immer mehr zum reinen Konsumenten deklariert werden. Dass das Einzige ist, was wir bitte schön tun sollen: brav arbeiten, damit wir mit dem Geld die Marktwirtschaft ins Rollen bringen“, sagt Le-Mentzel.

Das bekannteste Projekt, das er bisher mit seiner Crowd realisiert hat, sind die sogenannten Hartz-IV-Möbel. Le-Mentzel stellte Bauanleitungen für einfache und billige, aber trotzdem ansprechende Möbel ins Internet. Die Crowd entwickelte sie weiter und baute sie nach. Die Möbel sind vom Bauhaus-Stil inspiriert und vielseitig nutzbar. In analoger Form steht so ein Beispiel der Open-Source-Idee mittlerweile in Wohn- und Arbeitszimmern auf der ganzen Welt.

Das Ergebnis einer anderen Crowdfunding-Idee trägt Le-Mentzel selbst an seinen Füßen: die „Karma Chakhs“, Turnschuhe, die nach dem Vorbild der klassischen „Chucks“ unter fairen Arbeitsbedingungen produziert und von der Crowd entworfen und finanziert wurden.

Das dScholarship soll diese Ansätze nun auf eine neue Ebene führen. Ein Leben ohne Druck, ohne Existenzangst, aber auch ohne die Bedingungen und Sanktionen von Hartz IV. „In meiner Crowd wimmelt es von Hartzern“, sagt Le-Mentzel. „Und die machen Wundervolles. Einer hat etwa Fairnopoly gegründet, die faire Alternative zu Amazon. Es stimmt nicht, dass Hartzer faul, doof und behindert sind. Das sind viele, geniale Leute.“

Le-Mentzel bezog selbst lange Sozialhilfe. Geboren auf der Flucht seiner Eltern aus Laos, illegal eingereist nach Deutschland, hat er sich hochgearbeitet und -gelernt. Als Erster in seiner Familie hat er einen akademischen Abschluss gemacht. Seitdem arbeitet er in der Kommunikationsagentur. Er sagt, er träume von einer Wirtschaft, „die das Wir nicht nur orthografisch im Wort trägt“. Er spricht gern in solch griffigen Slogans. Das zieht die Leute an, doch es polarisiert auch.

Plakativ sei das, was er da mache, naiv und selbstdarstellerisch, heißt es in manchen Kommentaren im Internet. Dass er das Stipendium nun zuerst an sich selbst testen will, sorgt für zusätzliche Kritik. „Das ist Selbstinszenierung im Windschatten des Gutmenschentums“, kritisiert zum Beispiel Janós, ein Mitglied der „Konstruieren statt Konsumieren“-Crowd. „Der Typ hat ein Riesenego. Hab ich auch, aber ich tue nicht so, als ob ich die Welt verbessern würde“, sagt Janós am Telefon. Seinen Nachnamen möchte er trotz Riesenegos aber nicht in der Zeitung sehen.

Güte statt Güter

Solche Kritik verletze ihn schon, sagt Le-Mentzel, lässt sich aber davon nicht beirren. In seinem Jahr ohne Lohnarbeit will er auch anderen zum dScholarship verhelfen, betont er. Und dann soll die Idee immer weiter ausgebaut werden, weshalb es eben nicht um sein Ego ginge. „Ich wünsche mir, dass Chefs von Aldi, der Deutschen Bahn und sonst wem zu uns kommen und sagen: ‚Ey, cool, es gibt dieses dScholarship. Wir geben euch einfach einen Gutschein, und dann könnt ihr bei uns einkaufen oder wohnen, um zu überleben. Wir vertrauen euch. Nutzt es bitte nicht aus, und macht keinen Stress.‘“ Le-Mentzel meint das durchaus ernst, auch wenn er dabei ziemlich breit grinsen muss. Dann haut er wieder so einen Slogan raus: „Güter würden dann zu echter Güte.“

Auch damit hat er Raban Ruddigkeit gegen die Idee aufgebracht. Der Designer schätzt Le-Mentzel und seine Arbeit eigentlich. Wenn sie sich alle Jahre mal sehen, begrüßen sie sich mit Umarmung. Aber bei einer Podiumsdiskussion, bei der Le-Mentzel seine Idee vorstellte, sind sie heftig aneinandergeraten. „Das ist mir zu plakativ dafür, dass es ein viel zu komplexes Problem ist. Das ist zu einfach. Das ist Marketing, Hülle, aber nicht Inhalt“, kritisierte Ruddigkeit. Er sagt, er sei ein großer Fan des Grundeinkommens, aber das dScholarship sei nicht der richtige Weg dorthin. „Das ist digitales Mäzenatentum.“ Ihm fehlten der konkrete Lösungsansatz und vor allem die Nachhaltigkeit bei dem Vorhaben. „Das ist ein Spielball, der mal in den Raum geworfen wird.“

Dass die Idee noch nicht ganz zu Ende gedacht ist, räumt Le-Mentzel ein. Für ihn ist das aber gerade das kreative Moment. „Es ist ein Experiment. Ich probiere das einfach mal aus und sage: So mache ich das jetzt, mal schauen, ob ich dadurch irgendwie produktiver oder besser werde. Und die anderen Stipendiaten können dann ja schauen, wie sie das machen.“

Zuspruch von der Chefin

Le-Mentzels Chefin ist von der Idee bereits überzeugt. Nicole Srock-Stanley sieht es nicht als Affront gegen die Lohnarbeit im Generellen oder gar gegen die Arbeit in ihrer Agentur, von der Le-Mentzel sich mit diesem Stipendium schließlich befreien will. „Ich find’s großartig“, sagt sie zu der Idee ihres Angestellten, der das Angestelltendasein infrage stellt. „Van Bo wird aufblühen. Ich bin gespannt, was das mit ihm machen wird und welche Projekte er auf die Beine stellt.“

Srock-Stanley ist davon überzeugt, dass sich die Art und Weise, wie wir arbeiten, in Zukunft grundlegend ändern wird. „Es ist nur eine Frage der Zeit, dass man seine Arbeitskraft für ein Fixum zur Verfügung stellt und dann sagt: Projektweise mache ich das und das, aber zu Themen, zu denen man am besten passt.“ In Deutschland gebe es kaum Möglichkeiten, ein solches Arbeitsmodell in einen festen Arbeitsvertrag zu gießen. Auch deswegen unterstützt sie Le-Mentzels Vorstoß.

Für die Zeit, die ihm das Stipendium schenken würde, hat er viele Ideen: weitere Hartz-IV-Möbel entwickeln zum Beispiel. Oder eine Bank gründen, in der es Linsen statt Zinsen gibt. Und er will anderen helfen, ebenfalls ein solches Stipendium für sich zu ergattern, Menschen, die weniger medienaffin sind und keine große Crowd hinter sich haben. „Wenn man ein großes Netzwerk braucht, um das zu erreichen, hab ich etwas falsch gemacht“, sagt er. Künftigen Stipendiaten will er deshalb in seinem eigenen Stipendiumsjahr Coachings geben.

Aber der eigentliche Sinn sei die Bedingungslosigkeit, betont er. Das Stipendium solle keine konkreten Pläne, sondern lediglich die pure Existenz unterstützen. Denn nur das garantiere ein Leben, Denken und Arbeiten ohne Druck. Das dScholarship ist damit das erste Projekt, das die Crowdfunding-Plattform Startnext ermöglicht, bei dem es kein konkretes Ergebnis und keine greifbare Gegenleistung gibt. „Auch für uns ist das ein Experiment“, sagt Anna Theil, Sprecherin der Plattform. „Wir wollen schauen, ob Stipendien generell eine Möglichkeit für uns sein können.“ Zum ersten Mal hat Startnext die Crowdfunding-Phase deshalb auch von ansonsten höchstens drei Monaten auf sechs Monate ausgeweitet. „Das Stipendium braucht einfach mehr Zeit, sich zu entwickeln“, sagt Anna Theil.

Falls Van Bo Le-Mentzel die 18.000 Euro für sein Stipendium nicht zusammenbekommen sollte, wolle er weiter nach neuen Formen des Arbeitens abseits eines Lohnverhältnisses suchen, sagt er. „Was mir immer wieder Mut macht, ist die Erfahrung, dass letztendlich aus allen meinen gescheiterten Projekten wieder etwas tolles Neues entstanden ist.“

Crowdfunding-Projekte kommen aus sämtlichen Gesellschaftsbereichen: Kunst, Kultur, Sozialwesen, Wissenschaft oder Wirtschaft. Kommt die angestrebte Summe nicht zusammen, wird das Geld wieder zurückgezahlt. Rekordhalter in Deutschland ist momentan ein Hamburger Start-up, das in weniger als vier Stunden eine Million Euro für einen Miniserver zusammensammeln konnte. Viel Aufsehen erregten zuletzt auch die Krautreporter, eine Gruppe von Journalisten, die 100.000 Euro für ein unabhängiges Internetmagazin zusammenbekamen, um damit nach eigenem Bekunden den Online-Journalismus zu retten.

Die verschiedenen Crowdfunding-Projekte von Van Bo Le-Mentzel liegen bisher insgesamt bei einer Summe von ungefähr 120.000 Euro und einer unkalkulierbareren Menge an Schwarmintelligenz. Sein aktuelles Projekt gibt der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens einen neuen Impuls. Dieses ist eigentlich als alternativer Gesellschaftsvertrag gedacht, der es jedem Bürger ermöglichen soll, seine Grundbedürfnisse zu erfüllen, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Das mindere die Arbeitsmotivation, sagen die Kritiker von rechts. Das subventioniere die Löhne, die Kritiker von links. Doch parteiübergreifend gibt es ernstzunehmende Befürworter und in der Wissenschaft ernstzunehmende Statistiker, die sagen: Möglich wäre es, wenn sich die Gesellschaft nur mit aller Konsequenz dafür entscheiden würde. EW

  

06:00 06.08.2014

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