Ein explosives Gemisch

Gemeinplätze Harald Welzers Buch über "Klimakriege" ist überladen und unstrukturiert

Wenige Themen beschäftigen momentan Publikum und Experten so stark wie jenes der Klimaerwärmung. Fast täglich sind Nachrichten zu hören von schmelzenden Gletschern in den Alpen oder gewaltigen Eisabbrüchen in der Antarktis - bis hin zu anrührenden Bildern von Eisbären, die hilflos auf Eisschollen im Meer treiben. Wenig beachtet wird das Thema in den Sozialwissenschaften.

Dem will der Sozialpsychologe Harald Welzer mit seinem neuen Buch entgegenwirken. Er beschäftigt sich nicht mit den drohenden ökologischen Folgen der Klimaerwärmung, sondern mit den bereits eingetretenen und vor allem mit den absehbaren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Konsequenzen des Klimawandels. Und das ist mehr als berechtigt, denn: "Die Klimaerwärmung, ein Ergebnis des unstillbaren Hungers nach fossiler Energie in den früh industrialisierten Ländern, trifft die ärmsten Regionen der Welt am härtesten; eine bittere Ironie, die jeder Erwartung Hohn spricht, dass das Leben gerecht sei."

Mit anderen Worten: Die hauptsächlich von den reichen und industrialisierten Gesellschaften verursachte Klimaerwärmung vertieft die ohnehin bestehenden, extremen globalen Ungleichheiten und nimmt den armen Ländern nicht nur ihre Entwicklungschancen, sondern entzieht ihnen buchstäblich die Lebensgrundlagen. Wenn der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um 15 bis 60 Zentimeter steigt, wie Klimaforscher prognostizieren, werden ganze Länder und Inselgruppen in Asien und Afrika dauerhaft überschwemmt. Wenn Trockenheit und Regenarmut anhalten, verlieren Millionen von Menschen ihre Wasserquellen, ihre Äcker und Wiesen. Welzer sieht im Klimawandel deshalb "die größte Herausforderung der Moderne."

Er trägt umfangreiches und überzeugendes Material zusammen für seine Hauptthese, dass im Sudan bereits der erste Klimakrieg ausgebrochen ist. Der Bürgerkrieg, an dem außer den Regierungstruppen rund 20 Milizen beteiligt sind, spielt sich zwischen sesshaften Bauern und nomadischen Viehzüchtern ab. Dürre, Regenmangel und Bodenerosion als Folgen der Klimaveränderung verbanden sich mit sozialen Faktoren - insbesondere mit dem steigenden Bevölkerungswachstum - zu einem explosiven Gemisch, das der Experte Gérard Prunier so beschreibt: "Bauern, die nach alter Gewohnheit Wildgras abbrannten, wurden angegriffen, denn was für sie Unkraut war, war für die erschöpften Herden der verzweifelten Nomaden das letzte Futter."

Aber wie schon der Geografieprofessor Jared Diamond in seinem beeindruckenden Buch Kollaps - auf das sich Welzer bezieht - nachgewiesen hat, sind es nicht allein ökologische Faktoren, die den Niedergang und das Auseinanderbrechen des Sudans bewirkt haben. Der Zusammenhang von Klimaveränderung und Gewaltanwendung folgt nie und nirgends einfachen Kausalitätsverhältnissen. Es kommen immer soziale und politische Faktoren hinzu: Im Sudan wurde in den zurückliegenden 30 Jahren ein Drittel des Waldes abgeholzt. Einige Milizen kämpfen auf Kosten der hungernden Flüchtlinge um das Geschäft mit den internationalen Hilfslieferungen oder einen privilegierten Zugang zu Wasser und Feldern für die eigene Kundschaft beziehungsweise ihre Bevölkerungsgruppe.

Der Plural Klimakriege im Titel von Welzers Buch ist nicht korrekt, denn außer mit dem stattfindenden Klimakrieg im Sudan beschäftigt sich Welzer in seinem Buch mehr mit Vorformen von Klimakriegen und mehr oder weniger fundierten Prognosen für bevorstehende Konflikte, die maßgeblich von Klimaveränderungen mit verursacht werden. Eine Forschergruppe hat im Auftrag der Bundesregierung weltweit rund 70 Konfliktkonstellationen ausgemacht, in denen sich die Zerstörung erneuerbarer Ressourcen in Zukunft verschärfend auswirken kann. Zählt man die 60 Staaten hinzu, die aus politischen Gründen gefährdet sind, im Chaos zu zerfallen, ergibt das ein düsteres Bild der Zukunft.

Eine die westlichen Staaten beschämende Vorform des Klimakrieges ist der Umgang der Schengen-Staaten mit Flüchtlingen. Seit 2005 wird an den EU-Außengrenzen, aber auch an der Grenze zwischen Mexiko und den USA an Zäunen und Mauern gegen die Klima- und Armutsflüchtlinge gearbeitet. Natürlich können die reichen Staaten aus dem Norden nicht alle Fluchtwilligen aus dem armen Süden aufnehmen. Aber das Missverhältnis zwischen dem Aufwand für die eigene Sicherheit im Norden und dem Aufwand für eine wirksame Hilfe zur Selbsthilfe im Süden, ist skandalös: "Hier entfalten die Sachzwänge ihre totalitäre Logik, und es ist deutlich auszusprechen, dass diese Menschen zurückgeschickt werden oder sterben, weil man in den Schengenländern übereingekommen ist, dass man sie nicht haben will. Das ist keine moralische Aussage, sondern eine empirische", schreibt Welzer.

Bei allen Verdiensten, die sein Buch hat, müssen drei Schwächen erwähnt werden. Erstens ist das Buch hoffnungslos überladen und schlecht strukturiert. Welzer hüpft von Thema zu Thema und lässt sprichwörtlich nichts aus. Die chaotische Gliederung in über 50 kleine und kleinste Kapitelchen, in denen Vieles vorkommt, was irgendwie mit Gewalt, aber nichts mit dem Klima oder anderen ökologisch relevanten Tatsachen zu tun hat, legt den Schluss nahe, dass das Buch keiner Konzeption folgt, sondern einfach Themen aneinander reiht. Zahlreiche Wiederholungen verstärken den Eindruck, dass das Buch gleichsam vor dem laufendem Fernseher und dessen Nachrichtenangebot geschrieben wurde.

Zweitens hat Welzer einen fatalen Hang einmal zu dramatisierenden Pauschalbehauptungen ohne jedes sachliche Fundament und zu sprachlichen Gemeinplätzen. Nur eine improvisierte Spekulation steckt hinter seiner Behauptung: "Jeder völkermörderische Prozess beginnt ... dort, wo eine Bevölkerung ein gefühltes Problem hat."

Die modische Gegenüberstellung von Wirklichem und "Gefühltem", die meistens nur ein Ausdruck argumentativer Schwäche ist, hat es Welzer angetan. Er bedient sich ihrer - nach der Strichliste des Rezensenten - im Durchschnitt auf jeder siebten Seite, manchmal gleich mehrfach auf einer Seite. Nur ein Beispiel für Welzers Vorliebe für ambitiös kostümierte Gemeinplätze: "Terrorist zu werden ist ein sozialer Prozess, keine vorformatierte kognitive Entscheidung."

Der dritte Einwand ist der gewichtigste. Welzer sieht in den Völkermorden an den Juden wie an den Tutsi in Ruanda Produkte von "Aufklärung, Fortschritt, Rationalität und Effizienz", und wörtlich als "Konsequenz moderner Versuche, Ordnung herzustellen und gefühlte soziale Probleme zu lösen."

Welzer begibt sich oft auf die Ebene abgestandener Spekulation. Er bezieht sich dabei auf eine insbesondere durch Zygmunt Bauman popularisierte und trivialisierte Lesart der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer. Wer eine vermeintlich Kontinuität verbürgende Linie zieht von der Idee der Aufklärung im 18. zu den Völkermorden im 20. Jahrhundert und den vielleicht kommenden Klimakriegen, wie das Welzer Schritt auf Tritt tut, abstrahiert von den Entstehungsbedingungen der Dialektik der Aufklärung. Sie wurde geschrieben von zwei Überlebenden im Angedenken an die Ermordeten und aus Scham, selbst überlebt zu haben. Nicht zuletzt rechnen Adorno und Horkheimer angesichts des Grauens mit der platten Fortschritts- und Humanitätsduselei ab, die abendländisch gesinnte Universitätsphilosophen und Lateinlehrer auch nach der Massenschlächterei im Ersten Weltkrieg nicht aufgaben. Und schließlich relativierten Horkheimer und Adorno in ihrem Vorwort von 1969 die radikale These dahin, dass es ihnen nicht um eine pauschale Kritik "der" Vernunft ging, sondern um deren instrumentelle Zurüstung für politisch perverse Zwecke wie die "rassenreine" Gesellschaft oder subalterne private Interessen. Welzers oberflächliche Verwurstung der Dialektik der Aufklärung - wie diese ist auch sein Buch im S.Fischer Verlag erschienen - kann man je nach Temperament als Ironie der Verlagsgeschichte oder Peinlichkeit deuten.

Harald Welzer Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer, Frankfurt am Main 2008, 335 S., 19,90 EUR

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00:00 13.06.2008

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