Ein Feld für eine Welt

Utopie Im französischen Städtchen Cahors entstand Ende der 1940er Jahre eine Bewegung für mehr Globalisierung. Die Gründer verstanden darunter noch etwas anderes
Ein Feld für eine Welt
Mitgründer der Weltbürgerbewegung, beim Ausarbeiten der Charta
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Im Jahr 1948 gab ein schneidiger amerikanischer Schauspieler und Kriegsheld seinen Pass in der Pariser US-Botschaft ab und lebte für den Rest seiner 92 Jahre ohne Dokumente – bis auf ein selbstgedrucktes Schreiben, das ihn als „Weltbürger“ auswies. Sein Name war Garry Davis, ein ehemaliger Broadway-Schauspieler und Tänzer, im Krieg wurde er zuerst Bomberpilot, dann Pazifist. Die Verheerungen der beiden Weltkriege hatten Davis zu der Überzeugung gebracht, dass Nationalstaaten bestenfalls obsolet, schlimmstenfalls aber gefährlich waren. Nur eine Weltbürgerschaft, glaubte er, könne die Menschen vor ihren nationalistischen Impulsen schützen.

Die Bewegung wirkt bis heute nach. Davis’ alter Freund und Anwalt aus Washington, David Gallup, druckt die Pässe heute noch. Barack Obama hat einen, Edward Snowden auch. Gegenwärtig werden 200.000 Menschen im Register der Vereinigung in deren Pariser Hauptquartier als „Weltbürger“ geführt (Freitag 42/2016).

Fast vergessen ist hingegen ein anderes Projekt, das in der Nachkriegszeit entstand, um den Krieg für immer zu bannen und das eigentlich vielversprechend begann. Die Idee stammte von Robert Sarrazac, einem Offizier der französischen Armee. Als dieser auf der Titelseite des France Soir ein Bild von Davis sah, auf dem dieser gerade im Begriff war, die Generalversammlung der Vereinten Nationen zu unterbrechen, die damals im Pariser Palais de Chaillot stattfand, schrieb er Davis und die beiden vereinbarten ein Treffen.

Sarrazac (der mit bürgerlichem Namen Robert Soulage hieß) war Katholik, er hatte sich 1942 der französischen Résistance angeschlossen. Auch er brannte für eine große, weltumspannende Idee – doch statt Weltbürgern wollte er ein Netzwerk aus Weltstädten schaffen.

Die beiden Männer beschlossen zusammenzuarbeiten. Beide hielten sie das 400 Jahre alte Konzept des Nationalstaates für überholt – eine Institution, die nur den Zweck habe, die Menschen in von ihnen nicht gewollte Kriege hineinzuziehen. „Um das Überleben der Menschheit zu gewährleisten“, schrieben sie, sei es ihr Anliegen, eine „mondialistische“ Zone zu schaffen – eine Schöpfung aus dem französischen Wort für Welt, „le monde“ –, in der die ersten Wahlen für eine neue Volksversammlung abgehalten werden sollten.

Die erste offizielle Weltstadt sollte nicht London, New York oder Paris sein, sondern Cahors, eine Kleinstadt im ländlich geprägten Département Lot im sonnigen Südwesten Frankreichs, das heute weit bekannter ist wegen seiner Grotten, Schlösser und seiner Küche als wegen dieses einmaligen Experiments einer weltbürgerlichen Utopie.

Das Weltstädchen Cahors-Mundi
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Cahors lag zwar etwas abseits, aber die Zeit war definitiv reif für eine große Idee. Denn auch die Nachkriegszeit war alles andere als friedlich. Churchill sprach bereits 1946 von einem Eisernen Vorhang, in Griechenland tobte ein Bürgerkrieg, und in Moskau war man sehr schlecht auf Tito und dessen Beharren auf einem eigenständigen Weg in Jugoslawien zu sprechen. Das Jahr, in dem Davis und Sarrazac sich trafen, begann mit der Ermordung Mahatma Gandhis und endete mit dem Februarumsturz in der Tschechoslowakei. 1949 kam die Sowjetunion in den Besitz der Atombombe und 1950 begann der Koreakrieg. Es war alles andere als abwegig, Angst vor einem dritten Weltkrieg zu haben.

Den Frieden verteidigen

Gleichzeitig wurden die von so renommierten Botschaftern wie Albert Einstein geführten Unterstützer einer vereinten Welt täglich zahlreicher. „Es gab einen regelrechten Wettbewerb, wer den Frieden am besten verteidigt“, sagt der französische Soziologe und Experte für die mondialistische Bewegung, Stéphane Dufoix. „Auf der einen Seite gab es den kommunistischen Frieden, und auf der anderen den der sogenannten freien Welt. Es war schwer für die Mondialisten, sich in der Mitte einen Platz zu verschaffen.“ Aber immerhin versuchten sie es.

Um sich Gehör zu verschaffen, prägten die Mondialisten Begriffe wie „mondialisation“ und „mondiality“ Als Sarrazac im Februar 1949 im Zug von Toulouse nach Paris fuhr, brachte ihn eine zufällige Bekanntschaft auf Cahors. Auf der Fahrt lernte er den Lehrer Emile Baynac kennen, und die beiden fanden heraus, dass sie gemeinsame Bekannte in der Résistance hatten.

Baynac kehrte nach Cahors zurück und verbreitete Sarrazacs Idee unter den „Cadurciens“, wie die Bewohner der Stadt genannt werden. So erfuhr auch der heute 99-jährige Humanist Dr. Louis Sauvé von der Bewegung und wurde zu ihrem örtlichen Anführer. In jenem Juni machten sich Sarrazac und Davis auf eine Tour durch den Südwesten Frankreichs. Im Laufe von elf Tagen hielten sie zwölf Versammlungen im Freien ab und schrieben im Café Le Bordeaux gegenüber dem Rathaus zusammen mit Sauvé die Charte de Mondialisation.

„Unsere Gesellschaft und unser Wohlstand sind verbunden mit der Sicherheit und dem Wohlstand aller Städte auf der ganzen Welt, die gegenwärtig Gefahr laufen, vom totalen Krieg zerstört zu werden“, heißt es im ersten Artikel der Charta. „Wir wollen in Frieden arbeiten, eine Generalversammlung der Völker der Welt organisieren und unsere Vertreter direkt wählen.“ Im Weiteren ruft der Text dazu auf, Cahors zur Weltstadt zu machen und ein Prozent der Militärausgaben des Départements Lot für die Durchführung weltweiter Wahlen bereitzustellen.

Als er wieder in Paris war, wies Sarrazac seine neuen mondialistischen „Bodentruppen“ im Süden an, „Hof um Hof“ die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen. Im September stimmte die zuständige Versammlung des Départements zu und die Stadt änderte offiziell ihren Namen von Cahors in Cahors-Mundi.

Garry Davis, stolzer Besitzer des ersten „offziellen“ World Passport
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Der Funken sprang über: Ende der 1950er Jahre hatten über 300 Gemeinden im Département Lot die Charta unterzeichnet.Bekannte Intellektuelle traten ebenfalls bei. Mehrere Mitglieder der surrealistischen Bewegung unterschrieben die Charta und Ende Juni 1950 wurde in Cahors in Anwesenheit von Baron Boyd-Orr (dem ersten Direktor der UN-Welternährungsorganisation und Friedensnobelpreisträger von 1949), André Breton und mehreren tausend Cadurciens die „Straße ohne Grenzen Nummer eins“ eingeweiht. Zu diesem Anlass kam es in Cahors zu einem der ersten Feuerwerke seit dem Tag der Befreiung vom Faschismus.

Erste Bewährungsprobe

Die Utopisten waren allerdings müde, verschuldet, entmutigt. Am Tag, an dem die Straße eingeweiht wurde, begann der Koreakrieg. Ein Zerwürfnis zwischen Davis und Sarrazac machte die Sache noch schlimmer. Als 1954 der Algerienkrieg ausbrach, waren aus dem Département Lot keine Stimmen des Protests zu hören. Die Bewegung der Weltstädte scheiterte an ihrer ersten realen Bewährungsprobe. Es war eine Idee, „die sich schnell und mit Nachdruck ausbreitete, aber ebenso schnell wieder verschwand“, bringt es der Bürgermeister von Cahors, Jean-Marc Vayssouze-Faure, auf den Punkt.

In den Jahren, die seitdem vergangen sind, ist „Globalisierung“ das Schlagwort der internationalen Politik geworden – auch wenn der Begriff heute eine ganz andere Bedeutung trägt als damals bei Sarrazac und Davis. Um den 50. Jahrestag der Ereignisse in Cahors zu begehen, kamen die beiden zerstrittenen Initiatioren im Jahr 2000 noch einmal in der Stadt zu einer Feier zusammen und Sauvé erklärte: „Die Begriffe, die wir prägten, besagen heute das genaue Gegenteil von dem, was wir damals mit ihnen erreichen wollten.“

Wer sich in Cahors heute noch an die Unterzeichnung der Charta erinnert, denkt vor allem an die „Zeit, in der der Amerikaner in die Stadt kam“. Die wenigen verbleibenden Wegmarken auf der ehemaligen „Straße ohne Grenzen“ werden kaum noch eines Blickes gewürdigt. „Diese Idee ist ein echter Schatz, ein schlafendes Juwel”, findet hingegen Pierre Pétric, der serbische Vorsitzende der Association Cahors Mundi. „Ich bin entsetzt darüber, dass die Menschen in Cahors sich nicht stärker für diese Ereignisse interessieren.“ Pétric würde sich wünschen, dass die mondialistische Bewegung zum „immateriellen Erbe“ der Stadt Cahors erklärt wird.

Heute ist Cahors eine friedliche Kleinstadt mit 12.000 Einwohnern, die für ihren Wein und eine Brücke mit befestigten Türmen aus dem 14. Jahrhundert berühmt ist. Es fällt schwer, sich dieses mittelalterliche französische Städtchen, das von japanischen Reiseanbietern geliebt wird, als eine Brutstätte utopischer Leidenschaften vorzustellen. „Wir werden oft durch Ausländer an diese Geschichte erinnert“, sagt Bernard Delpech, ein Geschichtslehrer aus der Stadt, der sich selbst als einzigen Mondialisten im Stadtrat bezeichnet.

Heute wird die Idee vor allem außerhalb Frankreichs am Leben gehalten. Mehrere Städte rund um die Welt nennen sich auch heute noch „mondialisiert“. Das Symbol der Weltstadt hat nichts von seiner Aktualität verloren. „Zitate der Bewegung von Cahors könnten heute wortwörtlich in der Zeitung stehen und würden Gehör und Anklang finden“, meint der Soziologe Dufoix. „Das wäre vor 25 Jahren nicht der Fall gewesen.“ Er verweist auf eine Erklärung, die der Direktor der Lehrerakademie von Lot 1949 für deren Schüler verfasste. Darin heißt es:

„Sie werden sich vielleicht fragen, was ein mondialisiertes Département bedeutet … Zuallererst bedeutet es, dass die Bewohner von Lot, während sie natürlich französische Bürger bleiben, anerkennen, dass sie auch noch zu einer größeren Gemeinschaft gehören: der Weltgemeinschaft, und dass sie mit anderen Menschen auf der Welt bestimmte Bedürfnisse gemein haben, wie Nahrung, Kleidung, Schutz und vor allem: in Frieden zu leben und zu arbeiten … Warum sollten die Menschen sich nicht zusammensetzen und diese Probleme gemeinsam lösen?“

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 06.09.2017

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