Ein Fenster zur Welt

Unverwechselbar Vor 80 Jahren gründete Paul Bihaly den Belgrader NOLIT-Verlag und brachte die Moderne nach Serbien

Am 19. Juli 1941 veröffentlicht die Belgrader Tageszeitung Novo Vreme auf der Titelseite ihrer Morgenausgabe eine "Liste der wegen Sabotage und Gewaltakten erschossenen Personen". Genannt werden die Namen von 28 Geiseln aus allen Teilen des Landes und allen Berufen. Gegen Ende der ersten Spalte steht: "10. Bihalji Pavle, Verleger aus Beograd". Seiner Spur soll hier, soweit es die Unterlagen erlauben, nachgegangen werden.

Die Biographie von Paul Bihaly, Jahrgang 1898, spiegelt ein dramatisches Kapitel Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aufgewachsen in einer kleinen Stadt Österreich-Ungarns, gelernter Dekorationsmaler wie sein Vater, machte er sich früh selbstständig und hatte Erfolg. Doch die Liebe zur Literatur, die schon in seinem Elternhaus eine wichtige Rolle spielte, und die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, die nach einer Antwort verlangten, waren starke Prägungen, die ihn in eine andere Richtung drängten.

Mit 30 Jahren fasst er den Entschluss, sein Leben zu ändern. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder, der in Berlin mit Johannes R. Becher und Georg Lukács die Linkskurve redigiert, gründet er 1928 in Belgrad den Verlag NOLIT. Ende des Jahres erscheint Heft 1 der Monatszeitschrift Nova Literatura, die etwas vom Atem der Zeit ins Land trägt. In der geistigen Enge der serbischen Provinz wirkt das wie ein Sturm. Es ist, als habe jemand das Fenster zur Welt aufgestoßen, in der ein neues Zeitalter angebrochen scheint. Entsprechend sind die Reaktionen: die intellektuelle Jugend und die Linke begeistert, die alten Autoritäten schockiert.

Die Polizei riecht Anarchie

Die Autoren der neuen Zeitschrift avisieren bereits die Richtung des künftigen Verlagsprogramms: Brecht und die Seghers, Kisch und Hašek, Dreiser und Ehrenburg, Tucholsky und Mehring. Nicht weniger eindrucksvoll ist die Liste der bildenden Künstler, die vorgestellt werden. Sie reicht von Käthe Kollwitz und Frans Masereel, Otto Dix und George Grosz bis zu Beckmann und Picasso. Die Leser erfahren von Einstein und Magnus Hirschfeld, Gropius und Corbusier, dem Theater Piscators und den Filmen Eisensteins. Aber ob nun Freud oder Marx, Dada oder Bauhaus, Surrealismus oder Abstraktion: Für die Zensur und die politische Polizei riecht das alles nach Zersetzung, Revolte, Anarchie, kurzum Bolschewismus.

Der Staatsstreich Alexander I. bringt ein Militärregime an die Macht, die politische Repression verschärft sich. Nach dem ersten Jahrgang wird die Zeitschrift wegen Verstosses gegen das neue Staatsschutzgesetz verboten, ihr Verleger verhaftet und so schwer misshandelt, dass er für den Rest seines Lebens hinkt. Im Jahr darauf wird Bihaly erneut inhaftiert und angeklagt, das Verfahren aber schließlich mangels Beweisen niedergeschlagen.

Inzwischen ist die Buchproduktion angelaufen. Zu den ersten Titeln gehören Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues), Upton Sinclair (Metropolis), Egon Erwin Kisch (Paradies Amerika) und Jack London (König Alkohol). Bruder Oto in Berlin, Gerhart Pohl und Wieland Herzfelde helfen mit Vorschlägen und stellen Verbindungen zu den Verlagen her. Während der Königsdiktatur wird die verlegerische Arbeit weitergeführt, wenn auch nur unter großen Schwierigkeiten. Jedes neue Buch benötigt den Freistempel des Zensors. Für Schulen, Kasernen und öffentliche Bibliotheken bleiben die Bücher von NOLIT verboten.

Antikommunistischer Angriff

Gefahr droht jedoch nicht nur von der Staatsmacht. Miloš Crnjanski, politisch zwielichtig und eine Art serbischer Gottfried Benn, beginnt 1932 unter dem Titel Wir werden eine Kolonie des ausländischen Buches einen antikommunistisch-antisemitischen Generalangriff auf NOLIT, der sich in der folgenden Auseinandersetzung noch weiter verschärft. Vom Krebsgeschwür der Überfremdung, von Kolonialisierung und Verschwörung ist da die Rede. Gemeint ist die einheimische sozial engagierte Literatur. Als serbischer Landsmann angesprochen wird nur der geschäftsführende Redakteur. Sich an den jüdischen Verlagsleiter selbst zu wenden, findet Crnjanski offensichtlich unter seiner Würde. Im Übrigen empfiehlt er den Verlag der verstärkten Aufmerksamkeit der politischen Polizei. In ihrer Antwort verteidigen Bihaly und sein Redaktionskollegium das Konzept ihrer verlegerischen Arbeit "aus dem Geist der Aufklärung, des Humanismus und sozialen Fortschritts." Und sie bleiben nicht allein. Innerhalb von Tagen unterzeichnen 150 Schriftsteller und Künstler aus dem ganzen Lande eine Solidaritätsadresse, die Crnjanskis infame Denunziation scharf verurteilt und als einer literarischen Debatte unwürdig zurückweist.

Paul Bihaly fungierte nicht nur als Verlagsleiter, sondern auch als Cheflektor und Hausgrafiker, gelegentlich auch Übersetzer und Autor der Einleitungsessays. Seine Fotomontagen, von John Heartfield inspiriert, gaben den Buchumschlägen ihr unverwechselbares Gesicht. Chronische Geldknappheit und der Mangel an bezahlten Mitarbeitern wurde durch den Enthusiasmus zahlreicher Helfer ausgeglichen, die es sich als Ehre anrechneten, bei einer Arbeit mitzuwirken, die alle begeisterte. Derselbe Geist herrschte in der wachsenden Leserschaft. Die Bücher des Verlages waren ein Erkennungszeichen unter Studenten, Arbeitern und Intellektuellen. Auf ein Exemplar kam ein Dutzend Leser, denn die Bücher gingen von Hand zu Hand.

Zur politischen und ökonomischen Entlastung des Verlages wurden zusätzliche Buchreihen entwickelt: Klassiker der Weltliteratur, Naturwissenschaften, Geschichte und Ökonomie, Lehrbücher für Fremdsprachen und Kinderbücher (von Erich Kästner bis Lisa Tetzner). Dieses kleine finanzschwache Unternehmen, das seine Bücher im Lohndruck, oft auf Kredit herstellen lassen musste, entwickelte in wenigen Jahren ein Programm, auf das auch größere Häuser hätten stolz sein können. Es erschienen die Romane der zeitgenössischen amerikanischen Literatur, aber auch zahlreiche sowjetische Autoren, unter ihnen Isaak Babel und Boris Pilnjak, die später Opfer der Tschistka Stalins werden, ebenso wie ihr Mentor Maxim Gorki, dessen Gesamtausgabe NOLIT edierte. Neben ihm sind Sinclair Lewis und B. Traven mit den meisten Titeln vertreten. Ob Babbitt oder Das Totenschiff, Glaesers Jahrgang 1902 oder Ludwig Renns Krieg, fast alle relevanten Neuerscheinungen der Zeit sind bei NOLIT zu finden, und zwar oft schon nur ein Jahr nach der Originalausgabe.

Ende und Wiederanfang

Während in Deutschland Bücher verboten und verbrannt werden, setzt der Belgrader Verlag sein Programm noch acht Jahre fort. 1933 verlegt er unter anderen Ernst Toller (Eine Jugend in Deutschland), Heinrich Mann (Der Untertan), Ernst Ottwalt (Denn sie wissen, was sie tun) und Rudolf Olden (Hitler, der Eroberer). Im Jahr der Nürnberger Gesetze publiziert NOLIT Franz Werfel (Die 40 Tage des Musa Dagh), 1936 Jean Richard Bloch (Spanien). Aber nicht dessen Bürgerkriegs-Reportagen gefährden die Existenz des Verlages, sondern Werfels Roman über den Massenmord an den Armeniern. Das von der Zensur genehmigte und in hoher Auflage gedruckte Buch, aus dessen Einnahmen Bihaly die nächsten Titel finanzieren will, wird auf Antrag des Außenministeriums verboten und erst nach monatelangen Gerichtsverfahren schließlich freigegeben.

1940, als Heinrich Mann vor seinen Landsleuten über die Pyrenäen flieht, kommt sein Henri Quatre in Belgrad heraus. Dieses Meisterwerk der deutschen Exilliteratur und John Steinbecks Früchte des Zorns, ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis 1940, gehören zu den letzten Titeln, bevor die Verlagstätigkeit durch den deutschen Einmarsch in Jugoslawien ein jähes Ende findet.

Paul Bihaly wird denunziert und verhaftet. Er verbringt viele Wochen im Gefängnis und wird von der Gestapo verhört. Aber man kann ihm nichts nachweisen und außer seiner verlegerischen Tätigkeit nichts vorwerfen. Selbst Mitarbeiter des Befehlshabers der Sicherheitspolizei schlagen "in Ermangelung von Beweismaterial" die Freilassung vor. Doch die Entscheidung lautet: "Der serbischen Polizei überstellen zur Behandlung wie alle übrigen Kommunisten" - das heißt Abschiebung zu den für Geiselerschießungen vorgesehenen "Sühnegefangenen". Auf dem Deckblatt der Akte Bihalys, in der hausinterne Vermerke und die Verhörprotokolle abgeheftet sind, findet sich ein handschriftlicher Zusatz in serbischer Sprache. Ohne Datum und Unterschrift steht da: "Oben Erwähnter ist liquidiert". Und darunter groß: "Vorgang erledigt".

Zu diesem Zeitpunkt waren viele Autoren des Verlages bereits im Exil oder nicht mehr am Leben. Auch von den Freunden und Mitarbeitern des Ermordeten starben viele. Die einen wurden als Widerstandskämpfer erschossen oder fielen als Partisanen, andere endeten in Theresienstadt, Auschwitz und Mauthausen.

Nach der Ermordung des Verlegers wandte sich die SS den Büchern zu. Ein guter Teil des Buchlagers, einige zehntausend Bände, ausnahmslos Werke von Autoren, die in Deutschland schon 1933 verboten waren, wurden von der SS beschlagnahmt, dem Reißwolf überantwortet und als Altpapier verkauft.

Nach dem Krieg führte ein großes staatliches Verlagshaus den traditionsreichen Namen NOLIT weiter. Der Bruder des Erschossenen, der Schriftsteller Oto Bihalji-Merin, der die Kriegsjahre in deutscher Gefangenschaft überlebt hatte, kämpfte als Berater des Verlages dafür, die NOLIT-Tradition unter den veränderten Bedingungen fortzuführen. Öffnung zur Welt, das konnte nach dem Bruch Titos mit Moskau nur heißen: Überwindung der kunstfeindlichen Doktrin des Sozialistischen Realismus. Die Herausgabe von Kafka, Faulkner, Proust, Brecht, Sartre, Gertrud Stein und Virginia Woolf, von Hemingway, Celine, Frisch und Beckett war damals eine Tat. Noch einmal gelang es NOLIT, mit seinen Büchern das geistige und literarische Klima des ganzen Landes zu verändern.

Mittlerweile ist die Jahresproduktion von 250 Titeln gegen Null gefahren, die Immobilie mit dem Firmennamen verkauft, der Verlag privatisiert. Die Geschichte von Paul Bihaly und seinem Verlag ist an ihr endgültiges Ende gekommen und unser Bericht nur noch ein Nachruf.

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00:00 18.12.2008

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