Agnes Szabó
Ausgabe 0916 | 11.03.2016 | 06:00

Ein Film, ein Schock

Porträt László Nemes hat mit seinem Kinodebüt „Sauls Sohn“ gerade den Oscar gewonnen. Kurz davor sprachen wir mit dem Regisseur des Holocaust-Dramas

Eine Weile hat es gedauert, bis er Zeit für unser Gespräch fand. Erst hieß es, ich könnte ihn via Skype in Budapest kontaktieren, der Stadt, in der er zu Hause ist, dann hat mich die Agentin wieder vertröstet. Irgendwann war László Nemes in den USA, um seinen Film im Vorfeld der Oscar-Verleihung bekannter zu machen. Nemes ist begehrt, so sehr im Rampenlicht stand lange kein Regisseur aus Ungarn mehr. Nachdem er 2015 den Großen Preis der Jury in Cannes gewonnen hatte, wurden plötzlich alle neugierig auf sein ungewöhnliches Werk.

Als ich im vergangenen Herbst zu Besuch bei meiner Familie in Ungarn war, schickten mich Freunde sofort ins Kino: Sauls Sohn, „den musst du unbedingt sehen“. Eindringlich zeigt der Film, wie die NS-Menschenvernichtungsfabrik funktionierte. Ein 107 Minuten langer Schock. Nicht einmal am Ende wird man ein klein wenig befreit vom Horror des Holocaust.

Am Telefon in New York konnte ich László Nemes schließlich erreichen. Er saß gerade in seinem Hotelzimmer in der Nähe des Central Parks. Die Stadt kennt er gut, 2006 hat er dort Regie studiert, Nemes mag die imposante Skyline. Nur bei den Höhen, in die ihn sein Film inzwischen katapultiert hat, wird ihm manchmal schwindlig.

der Freitag: Herr Nemes, wenn man mit seinem Langfilmdebüt für den Oscar nominiert wird – fühlt man sich wie im Rausch?

László Nemes: Die Coen-Brüder haben mal gesagt, der Oscar sei nicht so wichtig. Und sie haben Recht. Man stirbt nicht daran, dass man ihn nicht bekommt. Aber der Oscar ist eine Möglichkeit für den Film, aus dem Ghetto zu kommen, mehr Menschen zu erreichen als diejenigen, die ihn sich sowieso anschauen. Das Thema ist kompliziert, aber mit dem Oscar gehen auch Menschen aus Milieus hin, die sonst nicht vertreten sind.

Das klingt bescheiden. Dabei sind Sie seit dem Jury-Preis in Cannes mit Ehrungen überhäuft worden.

Ja, Cannes hat vergangenen Som-mer von heute auf morgen mein Leben verändert. Fast jeden Monat kam einer neuer Preis dazu, ich hab schon den Faden verloren. Seit Cannes existieren wir alle, die den Film gemacht haben, in einem anderen Universum. Auf einmal soll ich der ganzen Welt Interviews geben. Die Menschen sprechen mich anders an, sie interessieren sich für mich. In Hollywood werde ich als Kollege betrachtet. Dort zählt plötzlich, was ich tue. Ein schönes Gefühl.

Als ich in Budapest aus dem Kino kam, war ich böse. Ich wollte ein Happy End. Das Gefühl, dass man aus der Hölle zurückkommen kann. Dass man überleben kann.

Man kann nicht überleben. Filme wie Schindlers Liste vermitteln einem aber das Gegenteil. Ich wollte es ganz bewusst anders machen. Steven Spielberg bin ich übrigens vor einer Weile begegnet. Ich wollte wissen, was er, auch als Regisseur und Produzent von Schindlers Liste, von meinem Film hält.

Und wie hat er reagiert?

Wir haben uns beim gemeinsamen Mittagessen der Oscar-Academy und der Nominierten getroffen. Spielberg hat gesagt, mein Film leiste einen wichtigen Beitrag zur kollektiven Holocaust-Erinnerung. Es war schön, mit ihm zu reden. Ich spürte, dass ihn die Geschichte, so wie ich sie erzählt habe, be-rührt hat. Wir konnten nicht ins Detail gehen, aber wir wollen uns noch mal in Ruhe treffen.

Der Film handelt von einer speziellen Einheit jüdischer Gefangener, deren Aufgabe es war, die Leichen aus den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau zu holen und sie zu verbrennen. Sie zeigen die Vernichtungsfabrik.

Ja, in all der Grausamkeit, ganz nah, ganz realitätsgetreu. Ich glaube, der Holocaust ist kein historisches Kapitel. Er gehört zum modernen Europa, er hat das 20. Jahrhundert stark geprägt. Wenn die Menschen dieses Phänomen nur als Statistik betrachten, werden sie den Holocaust vergessen. Er würde zu einer Abstraktion. Aber es ist etwas Lebendiges, und es kommt gerade nicht mit Stiefeln auf dem Pflaster daher, sondern mit einem Flüstern. Wir hören es kaum. Ich möchte, dass die heutige Generation spürt, was hier und jetzt gerade wieder passiert.

Der rechte Premierminister Viktor Orbán hat Ihnen nach dem Sieg beim Golden Globe offiziell gratuliert – weil die Auszeichnung auch Orbán selbst ein bisschen schmückte. Wie kam der Film bei den anderen Ungarn an?

Die Reaktionen waren gemischt. Im Internet bekam ich böse und antisemitische Kommentare. Ich habe sehr schnell aufgehört, sie zu lesen.

Auf Orbáns Facebook-Seite hat

jemand gepostet: „Das ist kein ungarischer Film, sondern ein jüdischer. Da gibt es einen großen Unterschied!“

Solche Kommentare sind für mich wie ein Kanalisationssystem. Und ich steige nicht hinab in dieses Kanalisationssystem, um mir auch noch anzuschauen, was für Dreck da runtergelassen wird. Das Internet verstärkt ja diese Tendenz …

… zum Hasskommentar.

Warum sollte ich mit Menschen diskutieren, die anonym oder unter Pseudonym schreiben? Im Grunde nützt es keiner Gesellschaft, wenn solche verantwortungslosen Stimmen laut werden können.

Mittlerweile werden auf Online-Plattformen wie Index oder Origo keine Kommentare mehr zu dem Film zugelassen.

Aber ich mache mir nichts vor darüber, welche Abscheu mein Film in Ungarn ausgelöst hat.

Auch in Ungarn ist der Holocaust ein heikles und sensibles Thema: Jedes dritte Opfer in den Todeslagern war Ungar. Sogar Adolf Eichmann, der Leiter der Vertreibung, Deportation und Vernichtung, war erstaunt, wie sorgfältig und unmenschlich die ungarischen Gendarme die Juden in die Waggons verfrachteten. Sie sind 39 Jahre alt, Ihre Familie hat Angehörige in Auschwitz verloren. Treibt Sie das Thema deswegen so um?

Ja, ich habe diesen Antisemitismus schon als Kind in Ungarn gespürt. Aber das wird bei uns unter den Teppich gekehrt.

Verunglimpfende Bemerkungen über Juden gehörten immer zum ungarischen Alltag. Noch heute bekommen antisemitische Schriftsteller bei uns einen Platz im literarischen Kanon, Straßen werden nach diesen Leuten benannt. Und jüngere Generationen rücken extrem nach rechts.

Der Antisemitismus ist aber keine ungarische Erfindung, er ist in ganz Europa omnipräsent. Ich glaube, dass ein orthodoxer Jude weder in Paris noch in London oder Budapest oder Berlin so leicht mit einer Kippa durch die Stadt laufen könnte. Antisemitismus erlebt gerade eine Renaissance in ganz Europa.

Das empfinden Sie so?

Ja, aber es überrascht mich nicht, dass überhaupt Rassismus in Osteuropa wächst. Der Holocaust und die Frage nach der Verantwortung wurden im Ostblock lange unterdrückt, das wurde nie richtig verarbeitet. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs kam die Katastrophe des Kommunismus. Man war mit dem Überleben und mit Selbstschutzmechanismen beschäftigt, die Gegenwart war wichtiger als die Vergangenheit. Nach der Wende wollten wir dann einfach aufatmen und endlich ein wenig Spaß haben. Auf in die Freiheit!

Trotz der Anfeindungen in Ungarn wird der Film in Sondervorführungen für Schulgruppen gezeigt. Wie passt das zusammen?

Das war mein Ziel. Ich möchte vor allem auf die Gefühle der Kinder einwirken, sodass sich die Zuschauer mit dem Film identifizieren, dass sie das Gefühl haben, es ist ihre eigene Geschichte.

Unter den 400.000 Juden, die zwischen 1941 und 1945 aus Ungarn nach Auschwitz und Birkenau deportiert wurden, waren 100.000 Kinder.

Ja, und gerade in ungarischen Schulen sind rechte Gesinnungen sehr populär geworden. Ich hoffe, dass dieser Film eine Empathie erweckt, die kein anderes Medium auslösen kann. Wir organisieren diese Vorführungen übrigens nicht nur in Ungarn, sondern auch in Frankreich. Wir wollen die Seele der Schüler erreichen.

Der lange Weg zum Anti-Schindler

Am Anfang war ein Satz. Dann lud László Nemes die französische Autorin Clara Royer ein, an Sauls Sohn mitzuschreiben. Sieben Jahre später war das Drehbuch fertig.

Lange sah es auch so aus, als würde der Film des ungarischen Regisseurs in Frankreich gedreht und aus französischen Mitteln finanziert werden. Die ungarische Filmförderung befand sich im Umbruch. Als Nemes und Royer ihre Arbeit beendet hatten, unterstützte der ungarische Staat das Projekt mit 450 Millionen Forint (150.000 Euro). Das Casting gestaltete sich ebenfalls langwierig. Fast zwei Jahre dauerte es, bis der in New York lebende Budapester Dichter und Schauspieler Géza Röhrig für die Hauptrolle (Saul Ausländer) gefunden war. Die Geschichte von Sauls Sohn basiert auf den Memoiren des rumänisch-ungarischen Holocaust-Überlebenden Miklós Nyiszli, den der Lagerarzt Josef Mengele 1944 in Auschwitz-Birkenau als Pathologen eingesetzt hatte.

Claude Lanzmann, dessen Dokumentation Shoah von 1985 als cineastisches Holocaust-Meisterwerk schlechthin gilt, lobte Sauls Sohn: „Ein sehr neuer, sehr origineller und ungewöhnlicher Film“, er sei der „Anti-Schindler“. Tatsächlich erzählt Nemes keine kollektive Geschichte und fragt nicht nach Gründen, sondern zeigt gnadenlos die Wirklichkeit. Der französische Philosoph Georges Didi-Huberman schrieb denn auch in einem Brief an László Nemes: „Ihr Film Sauls Sohn ist ein Monster. Ein notwendiges, kohärentes, unschuldiges Monster.“ Damit gewann Nemes nicht nur vergangenen Sonntag den „Auslands-Oscar“, sondern auch zahlreiche andere bedeutende Preise, unter anderem den Großen Preis der Jury in Cannes und einen Golden Globe. In den deutschen Kinos startet Sauls Sohn am 10. März.

Sie sind mit zwölf Jahren mit Ihrer Mutter nach Paris umgezogen, sie hat Ihren Vater verlassen. Unter anderem haben Sie an einer Elite-Universität Politologie studiert.

Ich fühle mich als politischer Mensch, und ich mache mir große Sorgen um Frankreich. Da war nicht nur der schockierende Terroranschlag vom 13. November. Da sind lauter tickende Bomben oder Bömbchen, die bald explodieren werden, und das noch mehrmals. So empfinde ich das jedenfalls.

Warum haben Sie Paris wieder verlassen?

Ich konnte damals keine Filme dort machen, also ging ich nach Budapest zurück, traf dort Leute aus der Szene und drehte ein paar Kurzfilme. Die sind dann vor allem bei Festivals gelaufen.

Wie erleben Sie, als Osteuropäer und Kosmopolit, im Moment die Stimmung in der Heimat?

Ich kann spüren, dass die Menschen sich nicht lieben. Das hängt überall in der Luft, auch wenn ich mir wünsche, dass es anders wäre. Ich wünschte, dass die Menschen zusammenhalten könnten, um eine normale und lebbare Gesellschaft für sich zu bauen.

Wie konnte es so weit kommen, dass rechtsnationale Töne in Ungarn so laut werden?

Die Politik ist genau so, wie die Menschen sie machen. Ich kann mich noch an die 80er Jahre in Ungarn erinnern, da konnte man nicht mehr atmen. Bis heute hat sich daran wenig geändert, vieles ist beim Alten geblieben. Eine Elite, die ich für keine Elite halte, lenkt unser Land, von oben herab.

Die liberale Demokratie konnte nicht reifen, sich nicht entwickeln?

Sie konnte nicht in der Gesellschaft Fuß fassen. Im bürgerlichen Ungarn vor dem Ersten Weltkrieg, da gab es mal so einen Versuch, aber seit dem Ersten Weltkrieg ist diese Idee gestorben. Es wird noch lange dauern bis die Menschen in ihren Köpfen frei sind und reif, um mit diesen Möglichkeiten, mit der Freiheit und der Mitbestimmung umzugehen. Das macht mich sehr traurig.

Auch wenn es Sie immer mal wieder woanders hinzieht – ist Ungarn die Heimat, in der Sie bleiben wollen?

Ja, ich bin gern unterwegs, aber ich will in Budapest leben. Ich habe mich daran gewöhnt.

Agnes Szabó lebt seit 2012 in Berlin, sie arbeitet als freie Autorin und Deutschlehrerin in Flüchtlings- und Integrationskursen

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 09/16.