Ein flammendes Plädoyer

Kriminalität Kirsten Heisig wird nach ihrem Tod von Law-and-Order-Verfechtern zur ­Kronzeugin gemacht. Dabei hatte die Berliner Jugend­richterin anderes im Sinn

Nein, auch wenn mancher sie so nannte: Kirsten Heisig war keine Mrs. Tough. Die Jugendrichterin, die sich im Juli das Leben genommen hat, war aber noch etwas nicht: keine „Richterin Gnadenlos“, zu der sie viele machten. Die 48-Jährige war keine Vertreterin des deutschen Staates, die, streng nach Strafgesetzbuch, urteilt und aburteilt, ohne Umstände zu betrachten und gründlich abzuwägen, was ihr Spruch bewirken könnte – oder nicht. Die sie als Jugendrichterin begleiteten, haben das auch immer so berichtet.

Wie wenig Kirsten Heisig eine Verfechterin von „Law-and-Order“ war, macht auch ihr nun erschienenes Buch Das Ende der Geduld (Herder Verlag) überdeutlich – allen anders lautenden Meldungen zum Trotz: Sie war dagegen, das Strafmündigkeitsalter auf unter 14 Jahre zu senken; sie war gegen eine Ausweisung in Deutschland geborener Kinder und auch dagegen, alle die über 18 sind nach dem Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen. Sie war weder der Ansicht, dass das Jugendstrafrecht zu wenig Möglichkeiten bietet, noch der Meinung, dass Jugendliche zu lax verurteilt würden. All diese Vorwürfe, schreibt sie, liefen „weitgehend ins Leere“.

Beklemmendes Bild

Wofür sie war, immerhin insofern wird aus ihrem in der Öffentlichkeit viel beachteten Buch nun korrekt zitiert, war eine Lösung für Mehrfachtäter unter 14 Jahren zu finden: Kirsten Heisig plädiert für die Einrichtung geschlossener Heime, wie es sie in vier Bundesländern auch gibt. Nicht nur, um völlig aus dem Ruder gelaufene Kinder der Öffentlichkeit, sondern vor allem um sie ihren häufig nicht minder verwahrlosten Familien zu entziehen. Insgesamt aber ist das Buch, das Kirsten Heisig vor ihrem Tod geschrieben hat, vor allem eines: ein flammendes Plädoyer dafür, dass der Staat das bestehende Recht auch anwendet – und seine Pflichten wahrnimmt.

Der Handlungsdruck, den die Richterin deutlich macht, ist enorm: Auf 280 Seiten bietet sie ein beklemmendes Bild einer Realität, von der kaum anzunehmen ist, dass es sie nur in Berlin gibt: von Jugendlichen, die, kaum der Grundschule entwachsen, Taten von immenser Brutalität und krimineller Energie begehen. Erzogen, falls man das überhaupt so nennen kann, von Eltern, deren Leben häufig von denselben Determinanten geprägt ist: von Armut und Arbeitslosigkeit, gepaart mit Alkohol und dem Hang zu Gewalt. „Kriminogene Faktoren“ in der Familie nennt Heisig das, was zu sich immer wieder gleichenden Biographien in der nächsten Generation führt: vom Heimaufenthalt zur Drogenkarriere zum Leben ohne Schulabschluss, gefolgt von Obdachlosigkeit, Bettelei und kriminellem Verhalten bis hin zu massiver Gewalttätigkeit.

Wegsehen und Herumlavieren

In deutlichen Worten – und beinahe nur dieser Teil des Buches findet bisher in der Öffentlichkeit ein Echo – beschreibt die Jugendrichterin aber auch die massive kriminelle Energie in einigen Familien, die einst als staatenlose palästinensische Flüchtlinge einreisten und zum Teil seit Jahrzehnten in Berlin leben. In Berlin-Neukölln, wo Heisig urteilte, stellten arabischstämmige Jugendliche die Mehrheit der Intensivtäter, schreibt sie; was bedeutet, dass sie innerhalb eines Jahres mehr als zehn schwere Delikte begingen. Viele von ihnen ordnet sie Familien zu, die „nie vorhatten, sich einzufügen, sondern schon immer in einer parallelen, in einigen Fällen rein kriminell ausgerichteten Struktur gelebt haben“. Bundesweit schätzt Heisig, lebten einige tausend Menschen in regelrechten „Clanstrukturen“ leben – mit Hunderten polizeilicher Ermittlungsverfahren in jeder Familie. Der deutsche Staat, konstatiert sie, komme an diese Familien bisher überhaupt nicht heran. Aus vielen Gründen, aber auch, weil sein Handeln von „blankem Wegsehen und Herumlavieren“ geprägt sei.

Und, das ist der vielleicht interessanteste Part des Buches: wegen eines nahezu unfassbaren Gewirrs von Zuständig-, besser: Unzuständigkeiten. Schon Schulen schöben sich ihre Pappenheimer gern „wie heiße Kartoffeln“ gegenseitig zu – häufig nicht unfroh, wenn ein schwieriger Schüler erst nicht mehr kommt und dann der Schule verwiesen werden kann. Schaltet sich dann, spät, häufig zu spät, das Jugendamt ein, würde die Lage gern noch verwirrender. Das Motto „Einer wird wohl schon was gemacht haben“, konstatiert Heisig trocken, tauge aber nichts. Und: Angst sei „ein schlechter Ratgeber.“

Jeannette Goddar ist Autorin und schreibt vor allem über Bildung, Migration und Integration

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16:00 07.08.2010

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