Ein Frauen-Denkmal? Aber pronto, bitte

Prato della Valle Italiens größte Piazza wird von 78 Statuen gesäumt – 78 männlichen Statuen. Gegen die Versuche, eine Frau dort unterzubringen, regt sich heftiger Widerstand
Männer, in Stein gemeißelt: der Prato della Valle in Padua, Italien
Männer, in Stein gemeißelt: der Prato della Valle in Padua, Italien

Foto: Eberhard Thonfeld/IMAGO

Wer hat Angst vor einer Statue? Im norditalienischen Padua ist eine surreale Debatte darüber entbrannt, ob der berühmte Prato della Valle, die größte Piazza Italiens, mit seinen 78 Statuen illustrer historischer Persönlichkeiten eine einzige weibliche Figur verkraften kann. Dabei wären noch zwei unbesetzte Sockel frei. Margherita Colonnello und Simone Pillitteri vom Partito Democratico (PD) stellten deswegen im Gemeinderat den Antrag, der venezianischen Gelehrten Elena Cornaro Piscopia ein Denkmal zu setzen. Die weltweit erste Frau mit Doktortitel lebte im 17. Jahrhundert und erfüllt alle Auswahlkriterien der Presidenza: Sie ist keine Heilige und eng mit der Stadt Padua verbunden, ihr Grab liegt direkt am Platz. Wo ist dann das Problem?

Manche stört, dass ein Torso der Philosophin bereits im Palazzo Bo der Universität Padua zu sehen ist. Der Gegenwind richtet sich aber nicht nur gegen sie, sondern auch gegen andere Vorschläge wie Chiara Varotari, Sibilla de’ Cetto oder Isabella Andreini. Der Kunsthistoriker David Tramarin sagte der New York Times, die Piazza sei „ein Ausdruck der Vergangenheit“ und die dürfe man nicht einfach verändern.

Wie wenig sein Argument taugt, zeigt ein Blick in die Geschichte des Platzes: Napoleon entfernte dort zehn Statuen und ersetzte acht davon durch Obelisken, 1926 wurde ein Springbrunnen hinzugefügt. Offenkundig wurde der Platz also auch früher nicht gerade als unantastbares Unikum angesehen. Tramarins Gegenvorschlag, einen eigenen Platz für 78 weibliche Statuen anzulegen, statt eine Frau aufzunehmen, ist nicht nur absurd, sondern würde den Prato della Valle endgültig in einen alleinigen Gedenkort für berühmte Männer verwandeln.

Im Dezember publizierte die Bewegung „Mi Riconosci?“ einen Zensus aller weiblichen Statuen im öffentlichen Raum, die keine Allegorien oder Heilige darstellen. Dabei kam heraus: Die 200 in Italien erfassten Frauenfiguren, davon die Hälfte nach 2000 errichtet, sind meistens jung und makellos, nackt oder sexualisiert, als Mütter oder Ehefrauen und im Kontext von Opfern oder Sorgearbeit dargestellt. 91 Prozent der Monumente wurden von Männern entworfen. „Es geht uns darum, öffentlich zu diskutieren, wo und wie Frauen in Zukunft repräsentiert werden sollten“, sagt die Aktivistin Federica Arcoraci. Sie spricht sich für einen dritten Statuenring rund um den Brunnen aus, der Frauen bis in die Zeit des Risorgimento zeigen soll. Dabei kann die Piazza streng genommen bereits mit der Büste einer italienischen Dichterin dienen: Sie hängt am Fuße eines Mannes und reicht ihm nicht mal bis zum Knie.

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