Ein Freund, ein guter Freund

Besonders, wenn Liebe drin ist Bücher im Knast

Selten war ich so froh über ein mitgenommenes Buch wie nach meiner Verhaftung. Ich hatte mir aus dem Regal von Lu Strauß-Ernst Nomadenleben gegriffen. Die Frau des Malers Max Ernst schildert darin ihre Kindheit, die ersten aufregenden und verliebten Jahre an seiner Seite, ihre Verzweiflung an seinen Eskapaden und ihre eigenen Schritte, sich und den Sohn durchzubringen, eine berufliche Karriere aufzubauen. Vor den Nazis flieht sie nach Paris, rettet sich für einige Zeit nach Südfrankreich, wo sie auf das Visum für die USA warten muss. Dies erreicht sie nicht mehr, sie wird mit einem der letzten Transporte in den Tod deportiert. Es war nicht allein dieses Leben, was dann eigene Sorgen ziemlich bedeutungslos erscheinen lässt. Es hat mich auch über die Zeit gebracht, die ich auf einer Holzpritsche, in einer fensterlosen Zelle und bei künstlicher Dauerbeleuchtung rumbringen musste. Und auch die drei verranzten Bücher, die auf dem Bett der Zelle der Eingangsstation im Moabiter Knast lagen, hatten diese Funktion: Zeit totschlagen. Etwas zu lesen, um das zermürbende Grübeln der ersten Tage in den Griff zu bekommen. Mein leichter Hang zum Aberglauben sah es als posivites Zeichen an, dass darunter ein Buch mit Kurzgeschichten von Böll war. 16 Monate später ist diese Hoffnung deutlich erschüttert.

Unter den Informationen, die einem als Gefangenem ausgehändigt werden, ist auch ein Merkblatt zur Buchausleihe. Die Untersuchungshaftanstalt Moabit hat die Bücherei als Bestellbücherei organisiert, erfährt man. Es gibt zwei Kataloge: Belletristik und Sachbücher. Pro Woche können drei Titel Belletristik und fünf Fachbücher ausgeliehen werden. Die gewünschten Bücher meldet man schriftlich an, empfohlen wird für Belletristik das Zusammenstellen einer Wunschliste. Der Belletristik-Katalog ist alphabetisch nach Autoren geordnet. Er startet mit Karen Aaybe Wir, die wir das Leben lieben und endet bei Cizia Zyke Oro. Dazwischen sind 8.620 Titel verzeichnet. Die meisten Autorennamen beginnen mit "S" (1.137), gefolgt von 811 B´s. Ob diese Namensverteilung typisch ist, weiß ich nicht. Dominanter Autor ist Konsalik (200mal). Aber es findet sich eigentlich alles, was in der Literatur, vorwiegend der deutschsprachigen, einen Namen hat. Natürlich darf es nicht zu aktuell sein. Und das macht auch schon das Dilemma des Katalogs deutlich. Man kann nur auswählen, was man kennt. Oder man lässt sich durch einen Titel inspirieren und setzt auf Breite bei der Wunschliste.

Der Sachbuchkatalog ist nach Rubriken unterteilt. 18 an der Zahl. Von "Biographien" bis "Wirtschaft". Die meisten Titel finden sich unter "Geschichte/Politik" (1.146), umfangreich ist auch "Erdkunde/Reisen" bestückt (650). Eher durchschnittlich die Menge der Bücher zum Gebiet "Recht" (275). Und bis man unter den insgesamt 5.722 Büchern den Rat für die Ratlosen (Rubrik Bewusstsein) gefunden hat, kann es etwas dauern. Aber Zeit ist im Knast nicht das Problem.

Ein Problem ist es eben, dass mit diesen mageren Katalogangaben kaum eine sinnvolle Wahl getroffen werden kann. Welche Suchstrategie man auch anwendet, der Zufall wird eine große Rolle spielen.

Ob es Untersuchungen gibt, von wem welche Bücher mit welcher Absicht ausgeliehen werden, weiß ich nicht. Neben offensichtlichen Gründen (zum Beispiel zum Gebiet Recht) gibt es ein deutliches Bildungsbedürfnis, allerdings eher allgemein gehalten. Ich habe mir zum Beispiel Bücher zum Thema "Wetterkunde" ausgeliehen, was praktisch für einen Inhaftierten nicht so eine große Rolle spielt, mich aber eben schon immer mal interessiert hat. Viele starten ihren Zwangsaufenthalt auch mit der Absicht, eine Sprache zu erlernen. Allerdings ist es mit dem Durchhalten schwer, weil ergänzende Sprachkurse im Gruppenangebot selten sind.

Bei der schönen Literatur gibt es die Genre-Spezialisten, die natürlich ihre Autoren kennen oder sich gegenseitig weiterempfehlen. Schwerpunkt dürften Science-Fiction und Krimis sein. Ich vermute aber, dass das allgemeine Interesse an ablenkender Unterhaltung überwiegt. Ein Kollege formulierte das einmal so: Ich mag historische Romane, besonders wenn was mit Liebe drin ist. Ich kenne und teile diese Vorliebe von langen Bahnfahrten. Meine diesbezügliche Lieblingsautorin ist Tanja Kinkel, im Katalog leider nur mit einem Buch vertreten. So eine Art Feuchtwanger für Arme. Es gibt keinen Grund, sich über diese Vorlieben lustig zu machen. Gerade in den ersten Wochen der Haft, bevor man es geschafft hat, sich mit einem Radio und einem Fernseher zu versorgen, ist Lesen die einzige Ablenkung. Mir ging es jedenfalls so, dass mich anspruchsvolle Lektüre nicht so in ihren Bann ziehen konnte, als dass ich aus meinen eigenen Gedankenkreis- und -irrläufen herausgekommen wäre. Was Konsalik und Simmel spielend geschafft haben. Ich habe große Hochachtung vor den Kollegen, die in der Belletristik das Bildungsprogramm absolvieren, was ich mir mit manchem Sachbuch auferlegt hatte. Und sich durch die Palette der Klassiker wühlen, die deutschsprachigen oder die epischen Russen.

Augenblicklich lese ich parallel. In Ruhe auf meiner Zelle bin ich gerade ganz begeistert von Mankell Die weiße Löwin gewesen. Eine Geschichte um ein Attentat auf Nelson Mandela, das in Schweden vorbereitet wird. So dass es Elemente der schwedischen Krimis mit Szenen in Südafrika verbindet. Und da ich während des Prozesses immer in den Pausen und vor Beginn und zum Ende der Verhandlung die Zeit in einem zwei Quadratmeter kleinen Loch verbringen muss, lenke ich mich dort mit eher essayistischen Werken ab. Max Goldt kam gut. Zur Zeit hilft mir Ryszard Kapuscinski mit Afrikanisches Fieber. Sehr einfühlsame und detailgenaue Reportagen aus Afrika von 1958 bis 1998 des polnischen Auslandskorrespondenten.

Ein besonderes Problem ist die völlig unzureichende Versorgung mit nicht-deutschsprachigen Büchern. Gerade bei den Zahlenverhältnissen in Moabit, wo zirca 60 Prozent ausländische Gefangene einsitzen. Da dieser Gruppe auch der Bezug fremdsprachiger Zeitungen und Zeitschriften aus "Sicherheitsgründen" erschwert wird, fremdsprachige Fernsehprogramme über Antenne nicht empfangen werden können (Kabel- oder Satellitenfernsehen gibt es derzeit nicht), bleibt ihnen zur Unterhaltung nur der Kurzwellenempfang im Radio.

Neben der Möglichkeit, sich Bücher auszuleihen, kann man welche käuflich erwerben. Im Versandbuchhandel. Aus Sicherheitsgründen ist nämlich das viel praktischere Verfahren, sich gelesene Bücher von Freunden schicken zu lassen, untersagt. So kursieren Prospekte und Kataloge auch von Verramschern à la 2001. Und Listen von Spezialanbietern. Für Comics beispielsweise, die in der Bücherei nicht erhältlich sind. Oder für erotische Literatur. Wobei es für mich so aussieht, als ob es kein literarisches Angebot gäbe. Was ich bekommen habe, waren zusammengeschusterte Machwerke der "Fick-mich-tiefer/-fester/-schneller"-Sorte. Eine wohltuende Ausnahme war Anäis Nin mit Delta der Venus.

Ähnlich steht es um erotische Darstellung der nicht geschriebenen Art, üblicherweise Pornos genannt. Im Knastjargon heißt es "Schwingen". Ich weiß nicht, ob es anspruchsvolle Pornographie gibt, weil mich draußen diese Problematik nicht sehr interessiert hat. Hier wird mit allem gehandelt, was auch sonst oberhalb und unterhalb der Ladentische angeboten wird. Da die entsprechenden Publikationen frei erhältlich sind, sind die Handelspreise ähnlich wie die offiziellen Ladenpreise. Untersagt ist alles, was auch draußen verboten ist. Die Heftchen folgen dem "viel-hilft-viel" des Volksmundes, bezogen auf Brust- und Gliedumfang oder auch Anzahl derselben. Ungefähr so lustvoll und phantasiereich wie gynäkologische Fachzeitschriften. Hauptsache in Farbe. Jedenfalls kann man nicht sagen, dass die diesbezügliche sexuelle Not erfinderisch machen würde, die Bilder sind nicht einmal fototechnisch reizvoll. Dennoch liegt das Interesse daran auf der Hand.

Auf andere Art handfest ist mein Interesse an Büchern geworden, seit ich in der Buchbinderei arbeite. Im Knast gibt es ja eine ganze Reihe von Arbeitsbetrieben, nicht nur zur Selbstversorgung. Für Gefangene ist die Arbeit vorteilhaft, weil sie aus der Zelle raus und unter Menschen kommen. Und ein paar Mark verdienen (ich im Juli 259,63 DM). Und wenn man Glück hat, macht die Arbeit sogar Spaß. Ich hatte Glück. Natürlich ist die Moabiter Buchbinderei nicht mit einer industriellen gleichzusetzen. Hier werden hauptsächlich Reparaturen ausgeführt, weil ja alles in Handarbeit erfolgt. Kunde ist die eigene Bücherei. Aber auch öffentliche Büchereien und Schulen. Und es werden einzelne Bücher gefertigt. Meistens Jahrgangsbände von Fachzeitschriften.

Das geht folgendermaßen: Die Hefte werden ihrer Umschläge, Reklameseiten oder Beiheftern und alten Heftklammern entledigt. Dann werden sie geheftet (mit Nadel und Faden von Hand genäht) oder bei beschnittenen Rücken werden sie geklebt. Es werden Vorsätze zurechtgeschnitten, das sind die Seiten, mit denen das Buch an der Einbanddecke festgeklebt wird, und die dann zwischen Deckel und Buch sind. Die Einbanddecke wird aus Pappe zugeschnitten (wenn das eigentliche Buch fertig abgeleimt und beschnitten ist, damit das Maß stimmt). Die Pappdeckel werden miteinander verbunden und beklebt. Mit Papier, Stoff, Kunstleder et cetera. Die fertige Einbanddecke wird dann geprägt. Die meisten Kunden bevorzugen einen dunklen Einband und goldene Schrift, weil beides das seriöse Image unterstreicht. Zum Schluss wird das Buch in die Decke gehängt (geklebt). Fertig.

Da derzeit eine leichte, sommerlich typische produktive Flaute herrscht - der 2000er Jahrgang ist gebunden, der 2001er reift noch im Regal - darf ich mich mit den Vorarbeiten fürs Restaurieren alter Schätze aus den Kellern des Kriminalgerichts beschäftigen. Zum Beispiel den Blättern für Gefängniskunde, dem Vereinsorgan der Justizbeamten der Jahre 1921 - 1943. Und ein schneller Blick auf das Inhaltsverzeichnis lässt ahnen, dass die Strafrechtsreform in den Jahren nicht wirklich vorangekommen ist. Zumindest gleichen sich die Themen.

Ich will einen Artikel über Bücher im Knast nicht ohne Leseempfehlung beenden. Sie gilt Marge Piercy, Menschen im Krieg. Ein lesenswertes Buch auch für Menschen, die ihre Zeit nicht totschlagen müssen.

Matthias Borgmann, ehemals Leiter des Auslandsamtes der TU-Berlin wurde am 18. 4. 2000 in Berlin verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Es wird gegen ihn und fünf weitere Personen, die alle ebenfalls in Haft sitzen, wegen §129a "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung", unter anderem konkreter Beteiligung an zwei Sprengstoffanschlägen (1987 Anschlag auf die Zentrale Sammelstelle für Asylbewerber und 1991 auf die Siegessäule in Berlin) ermittelt. Die Beschuldigungen stützen sich allein auf die Aussage eines Kronzeugen, der selber dieser Anschläge, der Mitgliedschaft nach 129a und der Rädelsführerschaft beschuldigt wird. Er hat sich als Kronzeuge zur Verfügung gestellt, befindet sich mittlerweile auf freiem Fuß und kann mit Straffreiheit neuer Identität und finanzieller Unterstützung durch die staatlichen Behörden rechnen. Der Prozess findet derzeit vor dem Berliner Kammergericht statt.

www.freilassung.de

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 12.10.2001

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare