Ein ganz rechte Kinderstube

Belgien Ein Hitler-Porträt an der Wand einer privaten Kindertagesstätte in Antwerpen: Belgien ist geschockt – und übersieht dennoch, dass der Skandal seine Ursachen hat

Es ist eine gruselige Dreifaltigkeit, die Herta Van Den Bempt da versammelt hat. An der Wand hängt ein Kreuz, darunter ein Foto von Bert Eriksson, dem verstorbenen Sprecher der verbotenen paramilitärischen Flämisch- Militanten Ordens (VMO). In der Ecke daneben steht die schwarz-gelbe Flagge der Extremisten, etwas weiter ein DIN A4-Foto Adolf Hitlers. Im Bücherregal steht Naziliteratur. Unangenehm ist ihr das alles nicht, als Roeland Van Steen sich die private Kindertagesstätte anschaut, auf der Suche nach einem Platz für seine Tochter.

Schwer schockiert

Auch aus ihren Überzeugungen macht die Tagesmutter in Hoboken, einem Außenbezirk von Antwerpen, keinen Hehl. Zu Beginn schiebt sie ihren Mann vor, der mehr als konservativ sei: "Kein Neonazi, sondern ein alter Nazi." Nur, um sich ihm kurz darauf anzuschließen. "Phänomenal" waren Hitlers Visionen, auch seien die Juden ein "unmögliches Völkchen". So wie die einst in Deutschland Geld und Boden besessen hätten, nähmen heute "Marokkaner, Türken, und der Islam allgemein uns Arbeit und Lebensraum ab und kaufen alle unsere Häuser auf." Während sie sich in Rage redet, schreit im Hintergrund ein Baby. Erregt schlussfolgert die Tagesmutter: "Wir haben dasselbe Problem."

Was sie in diesem Augenblick nicht wusste: der junge Vater war in Wirklichkeit ein Reporter der Sendung Terzake (Zur Sache), und noch dazu mit einer versteckten Kamera ausgerüstet. Ein fünfminütiger Zusammenschnitt des Kennenlerngesprächs wurde in dieser Woche auf dem öffentlich-rechtlichen Sender VRT ausgestrahlt – und sorgt seither für Schlagzeilen in Belgien. Geschockt reagierten die übrigen Medien. In Kantinen, Kneipen und auf der Straße fragte man sich: Wie kann so jemand auf Kinder aufpassen? Und wie konnte die Frau die Kontrolle der zuständigen Behörde Kind und Familie passieren? "Merkwürdig", so das Fazit des christdemokratischen Gesundheitsministers Vandeurzen, "dass jemand, dessen Wohnzimmer etwas zu klein ist, keine Kinder beaufsichtigen darf – jemand, der offen zu seinem nazistischen Gedankengut steht, aber schon."

Am Tag nach der Ausstrahlung wurde indes bekannt, dass sich bereits 2003 die Eltern eines belgisch-jamaikanischen Kindes über die Frau beschwert hatten. Die Klage über rassistische Bemerkungen des Ehemanns sowie die anwesenden Nazidevotionalien zogen eine Inspektion des zuständigen Dachverbands nach sich. Doch reichten die Beweise nicht, um die Lizenz zu entziehen. Dass dies nach der Aufregung um die Undercover-Reportage inzwischen passiert ist, liegt auf der Hand. Freilich geschah dies erst nach einer Krisensitzung mit Minister Vandeurzen. Zuvor hatte eine Sprecherin noch abgewogen, es sei nicht klar, wo Diskriminierung beginne. Relativierend war auch die Reaktion einer Mutter, deren Kinder bis vor kurzem die Kita besuchten: "Mein Mann und ich sahen das Foto von Hitler schon beim ersten Besuch. Wir waren geschockt, denn wir selbst haben linke Ideen. Doch sie ist eine sehr professionelle Tagesmutter, sie gab unseren Kindern Struktur."

Flämisch militant

Wer Herta Van Den Bempt und ihren Mann dagegen unmittelbar vor die Tür setzte, war der rechtsextreme Vlaams Belang, wo das Ehepaar jahrelang Mitglied war. Der Vorsitzende Bruno Valkeniers erklärte, für "Menschen, die solche Ideologien verherrlichen", gäbe es keinen Platz in der Partei. Ihr Vorgänger, der 2004 wegen Rassismus verurteilte Vlaams Blok, hatte seinerseits durchaus Platz für die Mitglieder des 1981 verbotenen flämisch militanten Ordens. Inzwischen distanziert man sich in der Öffentlichkeit gerne von den radikalen Anfängen. Kein großes Geheimnis ist jedoch, dass die Partei weiterhin über gute Kontakte bis hinein in die berüchtigte Naziszene Flanderns verfügt.

Es ist indes nicht das erste Mal, dass ein vermeintlich individueller Skandal auf den Vlaams Belang zurückfällt. Vor drei Jahren schockte der rassistische Mord an einem Au-Pair-Mädchen aus Mali und eines zweijährigen Kindes in seiner Obhut. Eine Tante des 18-jährigen Täters saß damals für die Partei im Parlament, ein weiterer Verwandter war Gründungsmitglied. Antwerpen ist seit Jahr und Tag die Hochburg des Vlaams Belang, und im Außenbezirk Hoboken fährt er traditionell gute Ergebnisse ein. In ganz Flandern lag dies vor Jahren schon um die 25 Prozent der Stimmen. Solche Zahlen korrespondieren auf frappierende Weise mit einer Umfrage der Tageszeitung De Standaard. "Kann eine Frau mit Nazi-Einstellungen auf Kinder aufpassen?", wollte die Redaktion von den Lesern wissen. Ein knappes Drittel sah darin kein Problem.

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12:00 13.09.2009

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