"Ein Gartenzwerg grinst mich an"

Alltagsrituale (11) Wie erleben Zuwanderer den Alltag in Deutschland? In unserer Serie wirft die Ärztin Magdalena Manker aus Wien einen Blick in deutsche Fenster und in deutsche Auslagen

Ich trete hinaus aus dem Hausflur in die Morgensonne, gehe meine Straße hinunter. Wo hatte ich nur das Auto geparkt? Ich suche konzentriert und werde schnell abgelenkt. Zuerst wünscht die rothaarige, kleine Frau einen guten Morgen. Ein "Berliner Original" aus unserem Hinterhaus, sie hat in einem winzigen Ladenlokal eine Mittagsküche eröffnet. Suppe, Eintopf, Würstchen, alles biologisch-dynamisch, versteht sich. Immer freundlich, immer schwer am Köcheln und am Vorbereiten. Kann man davon leben? Sicher nicht.

Zwei Schritte weiter, zwei coole kompetente Jungs in einem unscheinbaren Computer- und Druckerladen. Sie haben meinen defekten Drucker einfach auf den Kopf gestellt und schon lief er wieder. Ging aufs Haus. Das Lustigste aber ist der ausrangierte Drucker am Fenstersims vor dem Auslagenfenster: liebevoll bepflanzt mit Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen. Die Pflänzchen wuchern bunt in dem Metallgehäuse. Kommt ein "Computerfreak" auf solche Ideen? Kaum vorstellbar.

Ikonen deutschen Spießertums

Der kleine Kosmetiksalon nebenan sammelt in einem hässlichen Plastikcontainer alte Schuhe, wohl für gute Zwecke in einem fernen Land, wie eine kleine Notiz verrät. Dahinter ist, sehr geschmackvoll und ansprechend, das Schaufenster mit diversen Crèmes, Salben und hübschen Döschen auf Meeressand mit Muscheln und getrockneten Rosenblüten dekoriert. Ein irritierendes, sicher unbeabsichtigtes Stillleben. Wenn die Sonne wieder höher steht und es wärmer wird, werden die alten, abgewetzten Sofas und Polstergruppen auf den Gehweg gestellt und der "Latte" geschlürft. Oder etwas gepflegter vor dem Feinkostladen: Holztischchen mit Häkeldecke, Liegestuhl und Prosecco, ganz privat und nur für spezielle Freunde des Hauses. Dazwischen die rührend bepflanzten Baumscheiben im ewigen Kampf gegen den Hundekot. Penibel gezimmerte kleine Holzzäune, dahinter Sonnenblumen und Gänseblümchen. Und sogar ein Gartenzwerg grinst mich an: spitzbübisch-geschmacklos.

Auf kleinen selbstgestalteten Schildchen stehen drohende humorvolle Anweisungen und Aufforderungen an Hunde und Hundehalter. Vor der französischen Patisserie findet sich sogar ein winziges Biotop mit Schilf, jede Menge Wasserläufer und Miniseerosen. War da ein Frosch? Nein, wir befinden uns nicht tief in der ländlichen Provinz, auch nicht im grünen Zehlendorf oder im Grunewald, sondern in der Berliner Innenstadt, nahe dem berühmten Kurfürstendamm im Stadtteil Schöneberg. Zentral, urban, großstädtisch und neuerdings sogar wieder "trendy".

Wie ist das bloß einzuordnen? Ikonen deutschen Spießertums passen völlig unaufgeregt, ohne Bedeutungsschwere, wie hingerotzt in ein Stadtbild, das die Tristesse, die Schwere, den Dreck und das Grau einer Metropole aufweist, wie man sie sich vorstellt, wenn man zu "Berlin" ein Bild vor dem inneren Auge entstehen lässt.

Aus einer historisch-architektonisch einzigartig schönen Stadt wie Wien kommend wird man zunächst verunsichert von diesen merkwürdigen, kleinen Details im Berliner Alltag, die sich im besten Sinne "gedankenlos" zeigen. So anders als die lähmende, falsch verstandene Ehrfurcht vor der Historie und das museale Präsentieren perfekter Fassaden. Ein Nebeneinander von sich scheinbar widersprechenden Merkmalen menschlicher Zeugnisse und Bedürfnisse. Ohne Plan oder Konzept finden persönliche Sehnsüchte in der Öffentlichkeit einen Platz. Die Sehnsucht nach der eigenen überschaubaren Idylle inmitten einer ständig wachsenden und pulsierenden Großstadt kann mitunter tatsächlich auch peinlich, spießig oder unwürdig erscheinen.

Man versteckt das Eigene nicht

Ich werde auf meinem Weg zum Auto jedoch eigentümlich emotional berührt von diesen kleinen, merkwürdigen Details, die mir da begegnen. Sie rühren mich an, sie verwundern mich, sie missfallen mir auch, sie bringen mich zum Schmunzeln, sogar zum Lachen. Ich merke, wie ich durch sie eine herzliche, fast vertraute Beziehung zu meinem Kiez aufbaue, heimlich, ohne mein Zutun, ohne Tamtam. Das ist wohl die "Berliner Schnauze": direkt, ehrlich, weder hintergründig noch taktisch. Das mag durchaus rücksichtslos, unpassend, befremdlich sein. Aber man versteckt sich nicht, zeigt keinerlei Scheu, den anderen mit seinen eigenen persönlichen Vorlieben zu konfrontieren.

Ich lasse mich gerne befremden, verwirren, stutzig machen oder ablenken. Wem das zu anstrengend ist, dem kann ich Wien sehr empfehlen. Da hat man seine heilige Ruhe, kann seinem Ästhetizismus frönen und doch sein ganz persönliches Idyll leben. Natürlich nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und mit Stil und nobler Zurückhaltung! Viel Glück!


Altmodisch und letzter Schrei

Im literarischen Realismus des 19. Jahrhunderts tauchte die Rede von den "grünen Stellen" auf. Die Großstadt war entdeckt – und mit ihr die Industrialisierung, das Wohnelend, das Lebenstempo, die Anonymität und die Entfremdung. Und mitten drin: die "grünen Stellen". Die gab es nicht in Romanen, die in Paris oder New York spielten, doch stets im Berlin-Roman.

Die Sehnsucht nach kommunitären Milieus fand hier Resonanz, nach Enklaven der Langsamkeit, während "draußen" die Millionen-Stadt tobte. Eine künstliche Naturnähe und vormoderne Beschaulichkeit, eine verspätete Sozial-Idyllik schufen inmitten des Molochs eine Poesie des Stadtgrüns, das Ausdruck einer Bevölkerung war, die meist vom Lande kam und sich in der rasenden Urbanisierung fremd fühlte. Das Berliner Kiez-Phänomen spiegelt die Geschichte der Metropole, die aus vielen Dörfern besteht. An ihnen wird bis heute gebastelt. Kitsch ist hier ebenso zuhause wie das Stadt-Indianertum. Hier kann man romantischer Altmodler und zugleich Dernier Cri sein.

Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen.

In der Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano, haben wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltags-kulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler erzählen von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zu Stadt und Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken.

Im nächsten Teil der Serie erklärt die Italienerin Roberta Marchioni, warum sie den Sandmann sabotiert und wieso italienische Kinder einen vollkommen anderen Schlafrhythmus haben.

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15:00 30.01.2011

Ausgabe 43/2021

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