Ein Gedicht um Mitternacht

Rundfunk Berlin-Brandenburg Die neue Intendantin will Emotionen, keine Kultur

Wie macht man eine Programmreform? Die simpelste Methode heißt auch beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB): Alles ändern, möglichst keinen Stein auf dem anderen lassen. Bewährtes übernehmen, Traditionen fortsetzen hieße Schwäche zeigen. Reformieren heißt zudem: Sparen und wegstreichen. Man spart und streicht im Schatten schöner neuer Gebäude, die man sich mittels eifrigen Sparens errichten konnte. Programmangebote zu reduzieren ist angesichts einer klar umrissenen Vorstellung vom Hörer (w/m) leicht: Er/sie sei ziemlich dämlich und kaum durch Informationen und Wissen belastbar. Einen akzeptablen Bildungspegel mit entsprechendem Intelligenzquotienten diagnostizieren die Programmgewaltigen allenfalls bei sich selbst.

Und so tanzen sie, dirigiert von sogenannten "Programm-Designern" (das sind jene Leute, die Radiosendungen mit Barbie-Puppen verwechseln), den Tango in 90-Sekunden-Schritten, die "Mehr-können-wir-unseren-Menschen-nicht-zumuten"-Polka. Ruckzuck wird beispielsweise aus dem Klassik-Angebot die "Leichte Klassik", was immer das ein mag. Kulturprogramme nur mit Klassik zu durchsetzen (und Kirchensendungen mit Bach) ist eines jener Prinzipien, die nicht durch Kenntnis der Hörgewohnheiten hochgehalten werden, sondern durch schlichtes Eigeninteresse der Befehlsgeber. Das Unfehlbarkeitsdogma von Wellenchefs ist zwar im Rundfunkstaatsvertrag nicht ausdrücklich fixiert, gilt aber als geltendes Recht.

Die Intendantin des RBB nun, Dagmar Reim, ist eine gut getarnte eiserne Lady mit Hausmütterchen-Aura. Ihre Wurzeln hat sie im NDR, Bereich Aktuelles. Das wird die Elle sein, an der sie auch beim RBB alles messen wird. In Hamburg polte sie den NDR 4 zu einer Info-Welle um. Die dort in Fachredaktionen arbeitenden Kollegen wurden nach und nach ihrer Ressorts entledigt, quasi gezwungen, am Fließband Programm zu produzieren. "Ihr Fachwissen wurde platt gemacht," sagt ein NDR-Insider. Und warum? Die Redakteure des Aktuellen, die im Tagesgeschäft routiniert die einlaufenden Meldungen aufbereiten, "wollten sich nicht mit Leuten einlassen, die über Spezialwissen verfügten. Sie hatten Angst vor Widerständen, wenn die Struktur so bliebe wie sie war, deshalb haben sie alle Fachredakteure zu Zeitfunkern gemacht." Mit wenigen Ausnahmen ist die allmähliche Vernichtung der Fachredaktionen ARD-üblich. Für Brandenburg hatte es der ORB in seinen Hörfunkprogrammen längst durchexerziert. Fadenscheiniges Argument: Ressortredakteure hätten nur Eigeninteressen und ließen kein Engagement fürs Gesamtprogramm erkennen.

Die NDR-4-Reform verlief so: Frau Reim trommelte alle mütterlich zusammen und sagte: "Leute, wir müssen einiges ändern. Ich möchte euch bitten, mir Inputs zu geben." Arbeitsgruppen wurden gebildet, Ideen vorgebracht. Nur ließ das Korsett, in das man sich zu zwängen hatte, wenig Spielraum. Die Arbeitsgruppen waren verunsichert, wollten wertvollen Bestand retten. Dann gab es wieder eine Sitzung mit Frau Reim, die sich ganz herzlich bedankte: "Natürlich kann ich nicht alles berücksichtigen. Ich werde jetzt das optimale Programm aus eurem Input stricken." Heraus kam das, was ohnehin geplant war.

Es gibt in der ARD kaum eine Programmreform, die anders verläuft. Die Mach-mit-Ermunterung stimuliert Alibi-Aktionen, um Mitbestimmung vorzugaukeln. Wer aufmuckt, gilt als gestriger Kästchendenker, Nischenkonservator, als jemand, der an Überkommendem klebt statt sich dem Neuen zu verpflichten, nur weil man Terrains verteidigen möchte, für die man in beharrlicher Arbeit sein Hörerpublikum aufgebaut hat. Dabei ist das, was als neu propagiert wird, längst ein alter Hut und auf 90 Prozent aller Rundfunkkanäle nachweisbar: Verknappung und Eliminierung von Analysen, Präsentation von Oberflächen und Spektakulärem. Dabei habe der Begriff Populismus für Dagmar Reim nichts Negatives, hört man aus Hamburg. Sie plädiert für ein Radio als "emotionales Medium."

Dagmar Reim ist bekennend katholisch. Als Intendantin ist sie jetzt endlich papstähnlich, der Rundfunkrat stört kaum. Und ihren Ratzinger hat sie auch schon - den neuen Chef der Kulturwelle Dr. Wilhelm Matejka. Was von dessen künftigem Programm nach außen drang, hat Empörung und Proteste ausgelöst: Morgendliche Lesungen werden in den Abend verschoben, die Noten zur Literatur mit ihren 85 Minuten sollen verschwinden, ebenso die Galerie des Theaters am Sonntag Mittag, die seit den Zeiten Friedrich Lufts auf den Wellen des SFB und des RIAS ein Muss-Termin für Bühnen-Interessierte war. Das tägliche Kultur-Journal weicht Häppchen-Infos, die Themen sind in anderthalb bis drei Minuten abzuarbeiten. Einen kleinen Rest wollen allerdings auch Reim und Matejka bewahren: Morgens und um Mitternacht wird ein Gedicht gelesen.

Olaf Leitner war von 1974 bis 1992 Musikredakteur, dann Redakteur Kulturpolitik beim RIAS und von 1992 bis 1994 Ressortleiter Kultur bei Radio Brandenburg/ORB. Er lebt jetzt als freier Autor und Kolumnist in Nordfriesland.

00:00 05.09.2003

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