Ein Gefühl des Unbehagens

Zeitschriftenschau Kolumne

Kritische Ausgabe nennt sich, nicht ohne Anspruch, eine von jungen Literaturwissenschaftlern an der Universität Bonn bereits im 8. Jahrgang herausgegebene Zeitschrift für Germanistik Literatur. Das neueste, rundum gelungene Heft versammelt Beiträge zum Thema Literatur und Drittes Reich, ein - wie mir scheint - in den letzten Jahren erschöpfend behandelter Gegenstand, dem die Autoren jedoch überraschend neue Aspekte abgewinnen. Hier profiliert sich eine jüngere Generation von Forschern, die nicht mehr primär moralisierend oder mit platter Ideologiekritik ans Werk gehen und Pauschalurteile zu vermeiden suchen.

Über die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur referiert Gunther Nickel, der zuletzt Zuckmayers Geheimreport und seinen Deutschlandbericht (mit)herausgegeben hat. Er kontrastiert Georg Kleins kunstvoll artikulierten Überdruss an einer inflationären Zunahme der "Gedenkdiskurse" sowie Martin Walsers umstrittene Klage über eine im Namen der Moral allzu häufig geschwungene "Auschwitz-Keule" mit den Befunden der in Amerika lebenden Germanistin Ernestine Schlant. Sie nämlich versuche in ihrem 2001 bei C. H. Beck erschienenen Buch Die Sprache des Schweigens zu zeigen, dass "die Deutschen individuell und kollektiv bisher nicht fähig waren, die begangenen Verbrechen durchzuarbeiten und zu betrauern".

Die Fragwürdigkeit dieser These liegt auf der Hand, zeugen doch zahlreiche Buchtitel bis in die jüngste Zeit vom Gegenteil, doch gehört schon eine gewisse Hartnäckigkeit dazu, sich wie Nickel konkret um ihre Widerlegung zu kümmern. So legt er etwa dar, dass Schlant die "antifaschistische" Literatur der DDR vollständig ausblende, ebenso alle deutsch-jüdischen Autoren und sich nur für die sogenannte "Täterliteratur" interessiere, der auch die Werke von Günter Grass ohne Zögern zugeschlagen würden. Doch steht Schlant mit der kollektiven Verurteilung "der" Deutschen keineswegs allein. Es scheint fast zur Gewohnt geworden zu sein, die Literatur mit rigorosen moralischen Ansprüchen zu traktieren, um sie politisch zu instrumentalisieren. Nickel nennt den Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb, der sich verbissen, mit einer "ans Demagogische grenzenden Argumentationsweise" bemühe, der "Gruppe 47" Antisemitismus nachzuweisen, ohne irgendwelche Dokumente vorzulegen.

Auch an wissenschaftlichen Abhandlungen über die im Dritten Reich selbst geschriebene Literatur herrscht kein Mangel. Dennoch beschleicht Günter Scholdt beim Mustern der Sekundärtexte ein Gefühl des Unbehagens: zu monoton, zu selbstgerecht die Analysen, eine "Dauerbestätigung des sattsam Bekannten". Zugleich hofft er auf eine "geänderte wissenschaftliche Grundhaltung", die Bereitschaft, bloßer Entrüstung zu entsagen und "Dogmen zu falsifizieren". Auf jeden Fall sollte, so Scholdt, die nichtnazistische innerdeutsche Literatur der Jahre 1933 bis 1945 eine "deutliche Aufwertung" erfahren; sie müsste endlich wieder als Literatur wahr- und ernstgenommen werden. Doch nach wie vor sei man "im verminten Gelände der Dritte-Reich-Forschung" moralischen Grundsatzdebatten ausgesetzt und habe ständig seine "untadelige Gesinnung" unter Beweis zu stellen. Kaum einer wage es, von Karriereängsten und politischer Korrektheit gelähmt, einen Text Hanns Johsts, Josef Weinhebers oder Agnes Miegels überhaupt gut zu finden.

Lesenswert in dieser Kritischen Ausgabe sind auch Stefan Andres´ ausführliche Annäherungen an Gabriele d´Annunzio, den "Johannes der Täufer des Faschismus". Obwohl als klein und hässlich beschrieben, war er ein Frauenverführer, dazu ein berühmter Schriftsteller in allen Gattungen, Nationalheld, kühner Kämpfer zu Wasser, zu Lande und in der Luft. 1919 gelang ihm sein größtes militärisches Abenteuer: die Eroberung der Halbinsel Fiume mit Elitesoldaten, wodurch er die italienische Regierung in arge Schwierigkeiten brachte. D´Annunzio trat übrigens nie der faschistischen Partei bei und blieb bis zu seinem Tod 1938 der Ausnahmemensch, zu dem er sich lebenslang stilisierte.

Umstritten ist bis heute das Werk des österreichischen Germanisten Josef Nadler, der ab 1912 seine noch immer häufig zitierte vierbändige Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften in veränderten Fassungen veröffentlicht hat. Elias Füllenbach zeichnet Nadlers Entwicklung im Dritten Reich nach und stellt differenzierende Fragen. War er nun "ein völkischer Literaturwissenschaftler im Nationalsozialismus oder ein nationalsozialistischer Germanist". Jedenfalls eignete er sich, Parteimitglied seit 1938, doch zugleich ein "Außenseiter im Fach", nach dem Krieg besonders gut als "Sündenbock einer ganzen Disziplin".

Kritische Ausgabe: Heft 2/2004, 106 S., 3,50 EUR. (Germanistisches Seminar der Universität Bonn, Am Hof 1d, 53113 Bonn)


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00:00 25.03.2005

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