Ein General! Gegen Bush!

USA Demokratische Tagträume vom Weißen Haus

Wäre der Vorwahlkampf der Demokratischen Partei ein Kinofilm, galoppierte General Wesley Clark auf einem Schimmel durchs Land. Der telegene frühere NATO-Oberbefehlshaber gilt vielen Demokraten als Hoffnungsträger schlechthin: Da kandidiere endlich einer, der George W. Bush aus dem Weißen Haus und den Geist demokratischer Wahlniederlagen aus dem Land vertreiben könne. Obwohl Clark seinen Hut erst Mitte September in den Ring warf, liegt er nach einer CNN-Umfrage deutlich vor den bisherigen demokratischen Spitzenreitern Howard Dean und John Kerry - und knapp vor Bush.

Die Demokraten, seit Jahrzehnten von den Republikanern damit verunglimpft, dass man ihnen in Sachen nationaler Sicherheit nicht trauen könne, haben nun plötzlich einen leibhaftigen General auf ihrer Seite. Der Mann der Stunde. Er sei doch gegen den Irak-Krieg gewesen, versichert Clark. Er wolle auch die republikanische Steuerreform zugunsten der ganz gut Verdienenden zurückschrauben und sich für Anti-Diskriminierungsgesetze wie die Beibehaltung des legalen Schwangerschaftsabbruchs einsetzen. Und in der Außen- und Sicherheitspolitik wieder eng mit der UNO zusammenarbeiten. Und für die Umwelt sei er auch.

Clarks geschockte Rivalen wollen die Umfragen nicht so wichtig nehmen: Clark habe doch bisher kaum Wahlhelfer in den ersten Vorwahlstaaten New Hampshire und Iowa. Kerry und Dean verfügen allein in New Hampshire über jeweils zehn Büros und Dutzende bezahlte Mitarbeiter. Die Rivalen machen Clark auch die Parteizugehörigkeit streitig; er sei ein Wendehals. Der General selber räumt ein, er habe seinerzeit Ronald Reagan gewählt. Noch im Mai 2001 lobte er in seinem Heimatstaat Arkansas bei einer republikanischen Tagung George W. Bush und dessen Steuerprogramm. Clark erklärt das heute so: Er habe im vergangenen Jahr eine "außerordentliche Reise" gemacht.

So mancher Wähler sah vor drei Jahren in Bush, was er sehen wollte, und glaubte seinen Versicherungen, die Nation zusammenbringen zu wollen. Wer Bush wirklich war, hätten die Wähler eigentlich wissen müssen, seine überaus unternehmerfreundliche Politik als Gouverneur von Texas war eindeutig. Aber wer ist Clark? Intelligent ist er, ein guter Geschäftsmann nach seiner steilen militärischen Karriere, Philosophie hat er studiert, und ein Buch geschrieben über die Zukunft der Kriege. Bill Clinton, Landsmann aus Arkansas, auf jeden Fall mag ihn: Clarks Wahlmannschaft kommt weitgehend aus Clintons Stall, wo man einst nach einem "dritten Weg" gesucht hatte.

Die Friedensbewegung, die sich mit dem Bewerber Howard Dean angefreundet hat, hält beim Kandidaten Clark ihre Begeisterung in Grenzen. Ein paar Skeptiker, wie der Verband Fairness and Accuracy in Reporting in New York, haben nachrecherchiert, dass es nicht weit her ist mit Clarks "Kriegsgegnerschaft" (www.fair.org). Im April 2003 habe er in der London Times geschrieben, Tony Blair und George W. Bush sollten stolz sein auf ihre Entschlossenheit angesichts der Zweifel so vieler. Und mit Rumsfeldesker Sicherheit verkündete Clark, er sei sich "absolut" sicher, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen. Und dann ist da noch der Krieg gegen Jugoslawien 1999 unter dem NATO-Oberbefehlshaber Clark - ein Feldzug, der bisher freilich in der US-Debatte über den nächsten Präsidenten keine Rolle spielt.

Zehn demokratische Kandidaten sind es. Der wohl konservativste, Senator Joe Lieberman, hat den Anschluss an das Spitzentrio fast schon verloren, Anzeichen einer gewissen Machtverschiebung in der Partei. Die Demokraten wittern Morgenluft. Nach Umfragen verliert Bush wegen Irak und der negativen Wirtschaftsdaten rapide an Popularität. Aber das große Geld fließt nach wie vor in die republikanischen Kassen. Bei der Diskussion unter Demokraten und Progressiven geht es weniger um Inhalte als um die große Frage: Wer kann gegen die Republikaner gewinnen, die mit ihrer Allianz aus Patrioten, Freimarktwirtschaftlern und der christlichen Rechten eine Wahlmaschine gebaut haben, die das Eisen aus dem Feuer holen kann, auch wenn die Grundvoraussetzungen "eigentlich" für einen Demokraten sprechen.

Umfrageergebnisse sind ohnehin bestenfalls Momentaufnahmen und keine Prognosen. Bill Clintons approval rating lag anderthalb Jahre vor seiner Wiederwahl etwa da, wo Bushs jetzt steht. Was man sich konkret von einem Präsidenten Clark - oder Dean, oder Kerry - versprechen könnte, das weiß heute noch niemand. Auf jeden Fall gehen die Demokraten davon aus, dass Clark besser wäre als George W. Bush. Und Progressive können hoffen, dass ein Demokrat Freiräume schaffen würde für soziale, ökologische und wirtschaftliche Reformen.

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Die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten

John Kerry
Senator aus Massachusetts

Howard Dean
Gouverneur von Vermont

Bob Graham
Senator aus Florida

Joe Lieberman
Senator aus Connecticut, Kandidat Al Gores für die Vizepräsidentschaft bei den Wahlen 2000

Richard Gephardt
Kongressabgeordneter und Architekt der "Opposition light"

Dennis Kucinich
Kongressabgeordneter aus Ohio

Al Sharpton
Geistlicher und Bürgerrechtsaktivist aus New York

Carol Mosely-Braun
Senatorin aus Illinois und Rechtsanwältin

Wesley Clark
1996-2000 NATO-Oberbefehlshaber in Europa

00:00 03.10.2003

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