Ein Genosse mit Einstecktuch

Nachruf Elmar Faber machte Aufbau zum wichtigsten Verlag der DDR und führte ihn in die neue Zeit
Ein Genosse mit  Einstecktuch
Elmar Faber (vorne im Bild) auf der Leipziger Buchmesse 1987

Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0 DE

Als Elmar Faber seinen 80. Geburtstag feierte, setzten sich die Kollegen vom Aufbau Verlag in den Zug und reisten nach Leipzig, um ihren früheren Chef im Haus des Buches zu ehren. In Leipzig hatten die Verleger Ernst Rowohlt und Kurt Wolff ihr Handwerk gelernt, dort hatten Brockhaus und Reclam ihren Sitz; in Leipzig war der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegründet und der gebundene Ladenpreis für Bücher erfunden worden. Zu Elmar Fabers 80. hatte es den Anschein, als verkörperte sich das alles nur mehr in einer einzigen Person: ihm. Der 1990 gegründete Familienverlag Faber & Faber war die einzig nennbare Verlagsunternehmung, die in Leipzig nach der Wende gestartet worden war.

Da ich seit kurzem einer von Fabers Nachfolgern im Aufbau Verlag war – mit deutlich verringerter Belegschaft und Buchproduktion, ohne Dienstwagen mit Chauffeur und ohne Bindestrich zwischen Aufbau und Verlag –, hatte ich vor den Geburtstagsgästen zu sprechen. Ich sagte: „Lieber Elmar Faber“ – da ging eine Sirene los. Alle lachten, aber es war der Warnton einer anderen Zeit.

Elmar Faber wurde 1934 im thüringischen Deesbach geboren, dem Dorf mit der steilsten Ortsstraße Deutschlands. Die raunende Natur und die Geschichten erzählende Großmutter haben das Kind früh geprägt, das kann man in Fabers Lebenserinnerungen Verloren im Paradies nachlesen. Schon als junger Mann entwickelte er einen festen Willen zur Eleganz. Nie sah man ihn ohne Krawatte und Einstecktuch. Der sozialistische Realismus mag ästhetische Doktrin gewesen sein, doch Faber war ein Parteigänger des magischen Realismus, Hemingway und García Márquez waren Aufbau-Autoren.

Natürlich war Faber auch Genosse. Als Verleger der Edition Leipzig und dann, von 1983 bis 1992, als Aufbau-Verleger war er ein gewiefter Devisenbeschaffer und Netzwerker. Große Editionen wie die Berliner Goethe-Ausgabe waren auch im Westen begehrt. Gemeinsam mit Siegfried Unseld brachte Elmar Faber die Brecht-Gesamtausgabe auf den Weg, und Unseld war auch der Verleger hinter der Mauer, dessen Freundschaft Faber suchte. Man bezeichnete den Aufbau Verlag gern als den Suhrkamp Verlag des Ostens, Faber aber meinte, Suhrkamp sei der Aufbau Verlag des Westens. Als die Wende kam, zögerte Unseld jedoch nicht, die großen Aufbau-Autoren zu Suhrkamp zu locken.

Die Rache der Bourgeoisie

Dabei hatte sich Elmar Faber immer vor seine Autoren gestellt. Er hatte Christoph Heins Horns Ende 1985 ohne Genehmigung der Zensurbehörde drucken lassen, später hatte er, der als einziger Verlagsdirektor der DDR keine IM-Verpflichtung unterschrieben hatte, Christa Wolf verteidigt. Er hatte insgesamt wenig auszusetzen am Sozialismus. Der Plan war gut, nur die Ausführung mangelhaft. Verständlich, immerhin hatte ihm der sozialistische Staat eine Laufbahn ermöglicht, die unter anderen Umständen wohl nicht geglückt wäre: Der Junge aus dem Glasbläserhaushalt durfte die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät besuchen, durfte Germanistik studieren und Bloch und Mayer in Leipzig hören, später den wichtigsten Verlag der DDR leiten – bis kurz nach der Wende.

Misstrauisch, aber couragiert führte Faber Aufbau in die neue Zeit. 1991 initiierte er die Gründung des Aufbau Taschenbuch Verlags, des heute wichtigsten Umsatzgaranten der Gruppe. Als der Frankfurter Immobilienunternehmer Bernd F. Lunkewitz Aufbau von der Treuhandanstalt kaufte, musste Faber das Schwert vor den Waffen der Bourgeoisie strecken. Geschult in der Dialektik, in der „Öhkohnohmie“, glaubte er, dass die Geschichte noch nicht zu Ende sei. Aber die Geschichte ist zu Ende. Am 3. Dezember ist Elmar Faber nach langer und schwerer Krankheit in seinem Leipziger Haus gestorben. Zur Feier seines 80. Geburtstags tanzten wir mit ihm.

Gunnar Cynybulk ist Verleger (seit diesem Herbst bei Ullstein) und Schriftsteller

11:31 06.12.2017

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