Ein Geschäft, das Frauen degradiert

Kulturkommentar Die Praxis der Leihmutterschaft boomt und macht das Kinderkriegen zu einer Konsumentscheidung. Dabei ist sie nichts anderes als eine neue Form der Leibeigenschaft
Suzanne Moore | Ausgabe 32/2014 6
Ein Geschäft, das Frauen degradiert
Der Fall der Leihmutter Pattaramon Chanbua und ihrem Baby Gammy sorgt weltweit für Empörung
Foto: Nicolas Asfouri / AFP / Getty Images

Pattaramon Chanbua hat mit ihren 21 Jahren bereits zwei Kinder im Alter von sechs und drei. Sie arbeitet in einer kleinen Küstenstadt südöstlich von Bangkok an einem Imbissstand. Ein Zuckerschlecken ist das nicht. Rund 11.000 Euro bekam sie für eine Leihmutterschaft geboten. Sie dachte, sie könne damit die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren und ihre Schulden abbezahlen.

Wir wissen das nur, weil dann nicht alles weiter nach Plan verlief: Chanbua trug Zwillinge für ein australisches Paar aus, das ihr zufolge das eine Kind ablehnte, weil es am Down-Syndrom und an einem angeborenen Herzfehler litt. Ihr Fall sorgte für Entrüstung, im Internet wurden umgehend Spenden für die medizinische Versorgung von Baby Gammy gesammelt. Das australische Paar bestreitet die Version der Frau. Die thailändische Agentur habe von dem zweiten Kind nichts gewusst. Die Situation sei „traumatisierend“. Das kann man ohne Zweifel laut sagen.

Der Fall geht ins Mark: Fruchtbarkeitstourismus at its worst. Aber Chanbuas ist sicher kein Einzelfall. Viele Paare reisen nach Thailand, um eine künstliche Befruchtung vornehmen zu lassen oder eine Leihmutter zu engagieren. Dass die thailändischen Behörden diese Praxis jetzt als illegal brandmarken, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Geschäft boomt.

Leihmutterschaft ist moralisch und rechtlich ein unsicheres Terrain. In Deutschland ist das Geschäft wie in vielen anderen europäischen Ländern grundsätzlich verboten, in den USA hingegen variieren die Bestimmungen von Bundesstaat zu Bundesstaat. Kalifornien gilt als besonders leihmutterfreundlich. Hier kann jeder einen Vertrag über eine Leihmutterschaft abschließen. Da diese Verträge die rechtliche Elternschaft bereits vor der Geburt festlegen, ist hinterher keine Adoption mehr notwendig. Kinderkriegen ähnelt dann zunehmend einem Konsum-Entscheid.

Eine Reihe von Prominenten hat es vorgemacht: Sarah Jessica Parker und Matthew Broderick haben ebenso eine Leihmutter engagiert wie Nicole Kidman und Keith Urban. Kidman bedankte sich in bizarrem Promi-Sprech öffentlich „ganz besonders bei unserer Schwangerschaftsausträgerin“.

Kinderkriegen all inclusive

Bei mir verursacht so eine Aussage Übelkeit. Die Frau wird damit wieder einmal auf die Rolle der Brutmaschine reduziert. Waren wir nicht schon mal weiter? „Mein Bauch gehört mir!“ lautet ein Slogan, mit dem Frauen seit den 70ern ihr Recht auf Selbstbestimmung einfordern.

Der Fall Gammy verweist auf das grundlegende Problem von Leihmutterschaften. Natürlich kann man argumentieren, eine Frau habe das Recht, mit ihrem Körper anzustellen, was sie will. Wir kennen das Argument aus der Prostitutionsdebatte. Nur wird allzu oft der Kontext außer Acht gelassen, in dem Frauen solche Entscheidungen treffen. In Thailand gibt es unzählige junge Frauen, die bereit sind, ihren Körper zu verkaufen. Das Gleiche gilt für Indien, das Mekka des Fruchtbarkeitstourismus.

Im Internet werden Pauschalpakete angeboten: Kosten der Befruchtung, Gebühr für die Leihmutter, die Transportkosten und die Flüge, all inclusive. Arme Inderinnen leihen ihre Gebärmutter reicheren Paaren, die selbst keine Kinder bekommen können. Die Privilegierten verfügen über die Körper der Armen als Behältnisse, wie es ihnen beliebt. Das ist Kapitalismus in Reinform. Oder auch schlicht eine neue Form von Leibeigenschaft.

11:00 07.08.2014

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