Ein geschlagener König, eine schwarze Dame

Im Schachklub von Diyarbakir Mahir sieht schon so aus wie Gary Kasparow

In Kurdistan trägt der König kein Kreuz auf der Krone. Schach gespielt wird im fruchtbaren Halbmond dennoch. Die Regeln sind dieselben wie überall auf der Welt, doch der Schachklub in Diyarbakir ist nicht leicht zu finden. Kein Schild weist den Weg. Wer durch einen verdreckten Hauseingang über eine verschlissene Treppe in den ersten Stock geht, trifft zunächst auf ein weitläufiges Antiquariat, in dem junge Leute Tee kochen, den sie dann auf der Straße verkaufen. Angeblich weiß dort niemand etwas von einem Schachklub, soviel man auch fragt und den nächsten Raum betritt, in dem etwa 30 Schachspieler an ihren Brettern sitzen. Fremden gegenüber ist man vorsichtig in Diyarbakir.

Mehmet, ein Stadttrottel

Jeden Morgen ab neun Uhr früh kommt Hüseyin, ein ehemaliger Schachchampion der Türkei, um die Spieler mit Tee, Ayran und selbstgemachter Köfte zu bedienen. Er und Muhammed - letzterer soll nach Hüseyin einmal der zweitbeste Schachspieler der Stadt sein - verdienen sich ihren Unterhalt durch das Betreiben des Cafés im Schachklub, denn Jobs sind rar in Diyarbakir.

Erster Gast ist wie immer Zafer. Die Nacht war kalt, und er wärmt sich mit einem Glas Tee. Nach einigen Flüchen setzt er sich an eines der 20 aufgestellten Bretter und fordert Hüseyin zum Kampf. Aber der winkt ab: Ihn langweilt das Schachspielen. So bleibt Zafer nicht lange. Ohne Wohnung, ohne Arbeit ist das Leben in Diyarbakir hart: Er muss zurück auf die Straße und schauen, dass er sich Essen und vielleicht eine Gelegenheitsarbeit sucht.

Dann aber füllen sich die Räume des Schachklubs recht schnell. Gegen Mittag sitzen bereits an die 20 Leute herum, spielen, lesen Zeitung, tauschen Neuigkeiten, träumen und fluchen sich über die Stunden hinweg. Für Trinken und Essen ist gesorgt, und wer einmal von Hüseyins Köfte genug hat, lässt sich vom nahen Lokal Döner-Kebab oder Lahmacun (*) bringen. Der Klub hat auch eine Mescit, einen Gebetsraum, zu bieten. Dadurch ist es möglich, nach einer Niederlage neben der Toilette schnell einmal die heilige Pflicht zu erledigen. So ist das fünfmalige Beten im Schachverein von Diyarbakir eine überwiegend eingehaltene Praxis.

Mehmet Hoca lieben die Leute im Klub als ihren Stadttrottel. Ein pensionierter Mediziner, der jeden Morgen wieder davon erzählt, wie er ein Mittel gegen Lungenkrebs gefunden habe, und die Wissenschaftler in England und Nordamerika seine Therapie sofort begeistert testen wollten, weil sie so prächtig funktioniere. Zum Beweis legt er die zerknitterte Kopie eines unleserlichen Zeitungsausschnittes auf den Tisch, auf dem sein Gesicht auf einem Foto zu erkennen ist. Keiner hört ihm mehr zu, aber er legt sich trotzdem mit allen an im Klub und wehrt sich gegen die Missachtung seiner Person. Früher soll Mehmet Kommunist gewesen, das macht ihn im muslimisch-behäbigen Diyarbakir zusätzlich verdächtig. Er geht von Tisch zu Tisch und mischt sich in jede Partie, sein triumphierendes "Hääääää" wird von mehreren Spielern stilecht kopiert. Das garantiert sichere Lacher.

Manchmal trottet Mahir, der Anarchist, hinter Mehmet durch den Raum, ich bin ein gläubiger Anarchist, sagt er. Ja, hört genau hin, ein gläubiger Anarchist, das Erste ist ein Tribut an die Gemeinschaft, denn gottlos darf niemand sein, der Schach spielt. Das Zweite gilt dem Staat, den ich am liebsten in Trümmern sähe. Auch dem Mahir hört längst keiner mehr zu. Seinen Dükkan, seinen Gemischtwarenladen, musste er im vergangenen Jahr schließen. Zu gewaltig wuchsen die Schulden, türmten sich hoch über ihm. Verkauft hat er zum Schluss gar nichts mehr. Nun will er Schachweltmeister werden und meint, es wäre ja schließlich ein Anfang, dass er zumindest so aussehe wie Gary Kasparow. Alle nicken. Gegen halb sechs verlässt Mahir den Klub für eine gute Stunde, weil er sich dann zum Abendessen in der kleinen Wohnung über seinem ehemaligen Laden zurückzieht. Auf die Frage, wovon er lebt, wie er die Zigaretten bezahlt und das Essen für die Familie, grinst er nur, und das Grinsen wird immer breiter: Babamdan geliyor. Sein Vater hat doch noch einen Laden, und manchmal arbeitet Mahir dort für höchstens einen Tag, manchmal geht er auch nur hin und holt sich Geld ab.

Im Schachklub könnte der Eindruck entstehen, man hat es mit einer Stadt zu tun, die von lauter Skurrilitäten bevölkert ist, aber Diyarbakir ist groß, und was machen da ein paar Skurrilitäten schon aus, die verlieren sich doch

Mustafa, der Auswanderer

Die Finanzkrise der Türkei trifft die Menschen schwer, seit Anfang 2001 haben viele ihre Arbeit verloren. Der Staat privatisiert und verzichtet auf Investitionen. Ein Sozialstaat fehlt, wer seine Beschäftigung verliert, muss durch die Familie aufgefangen werden. Die droht unter der Last zu zerbrechen, ihre Mitglieder zu ernähren und ihnen darüber hinaus ein Lebensglück zu bieten.

Mustafa kommt eher selten in den Schachverein. Er ist 23 Jahre alt, hat an der Middle East Technical University - einer der Eliteschulen des Landes - Englisch studiert und "mit Auszeichnung" abgeschlossen. Nun arbeitet er von Montag bis Freitag in einer Filiale der Türkischen Zentralbank in Diyarbakir. Nach dem Dienst am Schalter unterrichtet er an einer Privatschule noch drei Stunden Englisch. Sämtliche Einkünfte fließen auf das Konto des Vaters, denn es gibt drei Brüder und eine Schwester, die alle studieren oder zur Schule gehen. Mustafa sieht müde aus und will auswandern, wie fast jeder hier in dieser Stadt, wenn er ein Alter zwischen 14 und 75 erreicht hat. Doch Europa ist fern, Europa hat die Tore geschlossen. Wer keinen grünen Pass hat, der loyalen Staatsdienern und deren Kindern vorbehalten ist, der kann nur hoffen, auf ein Touristenvisum vielleicht. Den grünen Pass hat keiner im Schachverein von Diyarbakir.

Während Mustafa noch das Internet nach Stipendienmöglichkeiten in Europa absuchte, hatte Vedat vor einer Woche auf dem Landweg sein Glück versucht. Ab Istanbul 3.000 Dollar für den Transport bis an die Grenze Österreichs, von dort sei es nur noch ein Sprung, wurde ihm versichert, dann sei er in Europa, dann sei er auch bald in Deutschland, dem Land der vielen Möglichkeiten, aber Vedat tauchte im Schachklub von Diyarbakir wieder auf.

Frauen sitzen niemals an den Brettern und denken über einen gewagten Springerzug nach. Allein im Klub aufzutauchen, wäre ein Ding der Undenkbarkeit. Außerdem, so die Spieler im Klub, hätten Frauen andere Qualitäten als Männer, das Schachspielen gehöre nicht dazu. Sie meinen damit, in der Öffentlichkeit hat die Frau nichts zu suchen, im Haushalt ist sie für alles verantwortlich. Sogar bei Ali, Alper und Ismail, drei Männern Anfang 20, die gemeinsam eine Wohnung angemietet haben, ist die (nicht existierende) Frau für den verwahrlosten Zustand ihrer Behausung zuständig. Kadin yok - hier gibt es keine Frau - meinen sie achselzuckend und leben zwischen Essensresten, Ungeziefer und ungewaschener Wäsche.

Mele, ein Geistlicher

Je besser einer spielt, desto mehr Gewicht hat sein Wort: Auch bei politischen Debatten. Die werden auf Türkisch, Kurdisch und Zazaki geführt, eine Melange, die im Klub jeder versteht. Diskutiert wird über alles. Sind Soldaten oder Polizisten von der Straße dabei, werden nur unverbindliche Standpunkte eingenommen. Allerdings, ein überzeugter Kemalist, ein überzeugter Freund des türkischen Staates, lässt sich hier nicht auffinden. An der Wand hängt auch kein Bild von Herrn Kemal Atatürk.

Nachmittags sind im Schachklub alle Bretter besetzt. Die Männer hassen und verbrüdern sich, dann ist die Welt der 64 Felder in Ordnung. Die Sprache wird hinterhältiger, lauernd und kräftig, aggressiver auch: Sifro, Rindvieh, ist der Gipfel an Zärtlichkeit. Einig sind sie sich nur darin, dass sie deli, verrückt, sein müssten.

Mele, ein Imam, ein Geistlicher - eine sehr beeindruckende Gestalt, begegnet man Mele auf der Straße - wandelt sich im Spiel zum Kind, das zankt, den Gegner an den Händen hält, um ihn am nächsten Zug zu hindern, zu Tode betrübt und mucksmäuschenstill in sich hinein hörend, wenn er verliert. Hämisch triumphierend den geschlagenen König vor dem Gesicht des besiegten Gegners hin und her wedelnd, wenn er gewinnt. Es kommt schon vor, dass ihn - einen 40-jährigen Mann - der greise Vater am Sonntag abholen muss, weil er den Ausflug mit der Familie vergessen hat. Sich windend, sträubend und bettelnd, schindet Mele noch vier bis fünf Minuten heraus, um am Brett zu bleiben, doch vor der Autorität des Vater gibt es kein Entkommen. Mit einem wehmütigen Blick zurück auf die schwarze Dame in günstiger Position lässt er sich widerstrebend an der Hand nehmen und in die Realität ziehen, hinaus zu Kind und Frau. Aziz, der Mathematiklehrer, meint dazu: Es ist wirklich eine verlorene Zeit beim Schach. Es gibt so vieles, das wichtiger wäre. Meine Frau, meine Kinder, die Verwandten. Jeden Tag sage ich mir: Heute gehe ich nicht zum Schach. Jeden Tag nach der Schule sage ich das, wenn ich in den Klub komme. Deli, wirklich verrückt.

(*) türkische Pizza

00:00 23.05.2003

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