Ein glücklicher Fund

Suchen, Finden, Sammeln Neue Veröffentlichungen zur Alltags- und Wissenschaftskultur

Als Kind bin ich immer mit Andacht in das Arbeitszimmer meines Großvaters eingetreten. Denn dort an den Wänden hingen Scherben mit den Abdrücken versteinerten Urgetiers und in Glaskästen waren Steinchen mit vielfältiger, mir damals ganz kostbarer Maserung und Farbe aufbewahrt. Daneben ein Hämmerchen, mit dem der Großvater nach der Arbeit zuversichtlich in die ostwestfälische Muldenlandschaft zog, auf der Suche nach kleinen Schätzen. Er war aber nicht Geologe oder Lehrer. Sein Tun charakterisierte den Habitus des naturgeschichtlich und landeskundlich interessierten Privatsammlers, von dem es in seiner Generation der vor dem Ersten Weltkrieg Geborenen noch viele gab.

Dieser Habitus hatte eine Tradition, deren soziale Institutionalisierung und Entwicklung in die wissenschaftliche Sammlungskultur im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts führte. Das zeigt die von Anke te Heesen und Emma C. Spary herausgegebene Aufsatzsammlung Sammeln als Wissen. Der Titel deutet an, dass der Tätigkeit des Sammelns vor 200 Jahren noch eine zentrale Rolle für die Akkumulation gesellschaftlich bedeutsamen Wissens und die Bildung der Persönlichkeit zugesprochen wurde. Anke te Heesen zeichnet das in ihrem Beitrag am Beispiel der "Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin" nach. Ziel dieser "›freundschaftliche(n) und patriotische(n) Vereinigung‹ von gleichgesinnten Männern" war es, einander mit den Preziosen seines Naturalienkabinetts zu ergötzen. Man traf sich regelmäßig in den Häusern der Mitglieder und beugte sich dort über die Schätze des jeweiligen Gastgebers. Zu den Besitzern der Kabinette zählten Prediger ebenso wie Bergfachleute, Geheimräte und Offiziere. Vereinigungen wie diese dienten der Unterhaltung und Belehrung zugleich und folgten damit dem Anspruch der Aufklärung, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.

Die Privatsammlungen bildeten nicht nur, sie verrieten auch die Persönlichkeit des Sammlers, seine Vorlieben, Kenntnisse, Wertschätzungen. Ernst Hamm geht sogar so weit, Goethes mineralogische Sammlung als "Teil der Identität, die er für sich aufgebaut hatte", zu bewerten. Die Stücke seien über ihren naturgeschichtlichen Wert hinaus immer auch "Zeichen für die wichtigen Momente seines Lebens" gewesen - die Sammlung als Autobiographie. Aber die Spezialisierung naturgeschichtlichen Wissens im 19. Jahrhundert verdrängte schließlich die privaten Kabinette mit der persönlichen Note ihres Schöpfers zugunsten der großen universitären Sammlungen, die in den Zusammenhang von Lehre und Forschung eingebunden waren und durch die Administration der Staatsbürokratie organisiert wurden.

Wer was wie sammelte, wurde nämlich seit dem 18. Jahrhundert zunehmend eine Frage des auf Vollständigkeit der beobachtbaren Unterscheidungen angelegten Klassifikationssystems, das die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Natur erst formatierte, das Sammlungsobjekt als solches, wie Emma Spary betont, erst herstellte. Linné blieb dabei jeder ästhetische Sinn für die Einzigartigkeit des Sammlungsobjektes fremd. So ignorierte er etwa die künstlerische Ornamentierung der Herbariumsblätter, die ihm von einem holländischen Pflanzensammler dediziert worden waren: er schnitt sie auf die seinem Herbarschrank entsprechende Größe zurecht. Die künstlerische Sammlung weicht hier der nüchternen naturgeschichtlichen Dokumentation, die persönliche Bildung am ästhetisch ansprechenden Objekt der systemkonformen Information.

Für den Kieler Philosophen Manfred Sommer sind die naturhistorischen Sammlungen gleichwohl, zumal im Vergleich mit dem Abstraktions- und Spezialisierungsgrad der zeitgenössischen wissenschaftlichen Forschung, "Refugien der Sinnlichkeit". Seine Studie Sammeln. Ein philosophischer Versuch aus dem Jahr 1999, die jetzt auch als Taschenbuch erhältlich ist, betont aber, dass das Sammeln mitnichten ein vorrangig wissenschaftsgeschichtliches Thema sei. Denn der Mensch sammle, wo er geht und steht: Gegenstände, auch Eindrücke, Erfahrungen, Kenntnisse, am Ende sogar sich selbst. Ausgehend von der wörtlichen und figurativen Wortverwendung nimmt sich Sommer dem "Sammeln" vom Standpunkt eines deskriptiven Phänomenologen an. Er beschreibt Situationen, die wir gewöhnlich als solche des Sammelns bezeichnen würden. Das tut er im Vertrauen auf die Erschließungskraft unserer erfahrungsgesättigten Alltagssprache und die Kunst der genauen Beobachtung, zu der wir nicht mehr brauchen als unsere Augen, Unvorgenommenheit und Geduld - ein erfrischender Kontrapunkt in der Flut philosophischer Nomenklaturen, den nicht enden wollenden methodischen und methodologischen Vorklärungen, den fein ziselierten, aber eben häufig auch knäckebrotbröseligen begrifflichen Unterscheidungen, denen der Mainstream in der Philosophie gerne huldigt.

Sammeln, stellt Sommer fest, ist eine genuin ästhetische Tätigkeit. Zwar kann man auch ökonomisch sammeln, auf Halden, in Lagern, Silos und Tanks, aber wer das tut, sieht von der qualitativen Beschaffenheit des Gesammelten ab und zielt letztlich auf dessen Vernichtung, der er nur einen Aufschub gewährt: Getreide in Silos wird irgendwann zu Brot verarbeitet, Kohle verbrannt, Sekt getrunken und Geld, für dies alles und noch mehr, ausgegeben. Wie der Ökonom, so Sommers versonnene Spekulation, ging wohl auch schon der wildbeuterische Pilzsammler des Neolithikums vor, der nach Essbarem suchte, dann aber davon ein besonders schönes Exemplar und daran wiederum eine Freude fand, die der bloß ökonomische Sammler sich versagt: die der Anschauung des Besonderen.

Der ästhetisch sensible Mensch, mit einem Wort Nietzsches, "will tiefe, tiefe Ewigkeit", ortsvergessen versinkt er ganz in die Anschauung seines zufälligen Fundes und trägt ihn, trunken von Schaulust, in der schützenden Handmulde heim. Zu Hause strebt er danach, dieses Ereignis des Findens erneut zu erleben und verlegt sich aufs Sammeln dessen, was ihn so gefangen genommen hat. Dabei übt er sich in ästhetischer Zerstreutheit, die den Blick aus der Regie zielgerichteter Tätigkeit entlässt, er betreibt, in Sommers Worten, Mimesis an die Dispersion der Dinge, die er sammeln will. - Einiges von dem, was Adorno unter dem anspruchsvollen Titel eines "Vorrangs des Objekts in der subjektiven Erfahrung" mit dialektischer Raffinesse über den ästhetischen Gegenstandsbezug geschrieben hat, kehrt bei Sommer mit der Unscheinbarkeit phänomenologischer Beschreibungen wieder.

Wie nun die Kunstsammlung die "Vollform" der Sammlung ist, so ist das Sammeln wohl die Vollform des Suchens und Findens. Daher kann Sommer in den Stadien des Sammelns: dem Abschied von der vertrauen Sphäre, im Weggang zur Suche und im Ziel beim Fund, dann in der Kehre, mit der, das Kostbare in Händen, die Rückkehr angetreten wird, schließlich in der Rückkunft am Ausgangspunkt der Unternehmung, Grundfiguren erkennen, die immer wieder komplexe kulturelle Symbolisierungen in Mythos und Religion - die Kehre etwa in der Gnosis und das Warten der Daheimgebliebenen in der Parusieverzögerung für die Urchristen - erfahren haben.

Und weil, wer sammeln will, zunächst suchen und finden muss, hat Sommer seiner Studie über das Sammeln gleich eine weitere über das Suchen und Finden folgen lassen. Etwas finden, und der Leser merkt Sommer die phänomenologische Emphase an, heißt: es sehen. Um etwas bewusst und eindrücklich zu sehen, müssen wir zu aller erst danach suchen. Dabei tragen wir einen Begriff oder eine Vorstellung von dem Gesuchten mit uns herum, und gefunden haben wir, wenn die Vorstellung im Kopf mit der sinnlichen Gegenwart des Dies und Hier zur Übereinstimmung gelangt. Dieser Augenblick, das Ereignis der Evidenz, ist der Moment, in dem wir, emphatisch: sehen, worauf unsere Augen sich richten. Das kann glückshaft sein, und zwar deshalb, weil die Präsenz des Dies und Hier immer ästhetisch reichhaltiger ist als unsere Vorstellung von ihm: Finden löst grundsätzlich mehr ein als das Suchen verspricht. Außerdem fühlen wir die Genugtuung, dass unsere Mühe an ihr Ziel gelangt und Erfüllung erfährt, die Gewissheit eines gerechten Verhältnisses zwischen Leistung und Lohn, einer "geheime(n) Entsprechung" zwischen dem, was wir wollen, und dem, was geschieht. "Jeder glückliche Fund", so Sommer, "ist eine kleine Theodizee" - man möchte ergänzen: eine Epiphanie, die Erscheinung eines Gottes.

Vielleicht beruht darauf der Erfolg des Individualverkehrs. Während der Zugreisende auf seinem Vorwärtsdrang ins Unbekannte fest "geschient" ist, kann der Autofahrer unvorhergesehenen und verheißungsvollen Kurven folgen. Mehr noch: er kann sich verirren! Sommer, allem Anschein nach passionierter Automobilist, dämpft freilich die Romantik des Unterwegsseins. Denn der Betriebsamkeit eifriger Ingenieure haben wir das GPS (Global Positioning System) zu verdanken. Der alltägliche Umgang mit dem digitalen Navigationssystem macht das Suchen und Finden überflüssig. Unser unthematisches und reflexionsloses Wissen von der Lage und Stellung jeweils meines Körpers und von den Dingen, die mir im vertrauten Umfeld meines Alltages zuhanden sind, erweitert sich so ins Weltumspannende. GPS verhilft uns zu einem "globalen Körperschema", das unliebsame Überraschungen und das Gefühl der Fremdheit, auch der Fremde, minimiert. Ich weiß immer, wo ich bin, wie und wann ich dorthin gelange, wohin ich will. Das Finden des fremden Ortes wird zu einem Hinfinden zu dem von jeher Bekannten. Denn während man nur nach Abwesendem suchen kann, verleiht uns GPS eine Als-ob-Gegenwart an allen Stellen der kartographierten Erdkugel.

Das mag unsere Machtphantasien beflügeln - werden wir so nicht wie Gott, der Allgegenwärtige? -, es treibt unseren Wegen in die Ferne aber auch das Glück aus, on the road zu sein. Denn es ist der Computer neben dem Volant, der der Fremde das Antlitz des Altbekannten verleiht, nicht meine Erfahrung mit und in ihr, die wir nur beim Suchen machen. Die ehrgeizigsten Nutznießer des Fortschritts sind allemal sicher: Auf digitale Navigation setzen die Betreiber von Raketen, deren Zielsicherheit im Militärjargon eine griffige Umschreibung gefunden hat: "Shoot and forget".

Manfred Sommer: Sammeln. Ein philosophischer Versuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, 452 S., 15 EUR


Ders., Suchen und Finden. Lebensweltliche Formen, Suhrkamp, Frankfurt am Main. 2002, 416 S., 35,90 EUR


Anke te Heesen u. E.C.Spary (Hg.), Sammeln als Wissen. Das Sammeln und seine wissensschaftsgeschichtliche Bedeutung, Wallstein., Göttingen 2001, 223 S., 22 EUR


00:00 31.10.2003

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