Ein Goldhagen der Heimatfront

Erzählgemeinschaft Die Aufarbeitung der NS-Zeit steht an einem Wendepunkt, auch deshalb verkauft sich das Datum 8. Mai 1945 so gut. Vor allem Götz Aly mit seiner These vom Massenraubmord füllt die Vortragssäle

Im Schlusskapitel seiner Reportage zur Besetzung Deutschlands, Die Straße des Siegers, schrieb der australische Journalist Osmar White 1945 über die Deutschen: "Sie werden das unvergleichliche Elend vergessen, das ihre Besatzungsherrschaft ... brachte, aber sie werden sich daran erinnern, wie wohlgenährte Briten und Amerikaner ... bettelnde Frauen und alte Männer von wohlgefüllten Abfalleimern vor Küchen wegjagten. Diese Art von Erinnerung und Vergessen ist Teil der menschlichen Natur. Sie ist keine Besonderheit der Deutschen." Nur dass die Deutschen seither sich auf diesen Teil der menschlichen Natur nicht berufen durften, eben weil sie auf so unvergleichliche Weise deren Monstrosität offenbart hatten.

Sieht man sich an, was derzeit - noch früher als die Schokoladeneier vor Ostern - zum Stichtag des 8. Mai auf den Markt geworfen wurde, dann scheint sich bei aller Konkurrenz eine Profiteursgemeinschaft der Sender, Buch- und Zeitungsverlage unter dem Motto gefunden zu haben: Auch wir wollen vom Untergang leben, so gut es irgend geht! Mensch Hitler, Mädchen Scholl, Omas brennende Kittelschürze, Opas brennende Ruhr. Und ein staatstragendes Memorialevent jagt bis Mai noch das andere. Die Erinnerungen, die Flut der Sendungen, Serien und Sammelbände, gehen sie nun über Befreiung und Zusammenbruch, Deutsche Schicksale in den letzten Kriegstagen oder Eine Dorfgeschichte am Ende des Zweiten Weltkrieges - um einige lesenswert differenzierte hervorzuheben - sie tragen durch die quantitative Überforderung zur Besorgnis bei, denn Gier nach derlei ist stets nahe beim Überdruss.

Weil das Gedenken an die Zerstörung Dresdens mit vereinzelten Versuchen der Auf- und Abschlussrechnung dem vorausging, weil seither pöbelnde oder populistische Schafsköpfe mit Drang zum Wolfspelz immer mal wieder meinten, die seinerzeitige Befreiung in den lokalpolitischen Stimmungsdreck ziehen zu sollen, wird verstärkt die besorgte Frage gestellt, ob wir nun endgültig bei schuldvergessener Opfererinnerung und erneuertem "Wir sind wieder wer" angelangt sind. Opa geschlagen, Oma vergewaltigt, die Familie ausgebombt und vertrieben - und sonst war da nichts?

Doch selbst wenn man in den Alarm nicht einstimmen mag, bleibt unbestreitbar, dass wir im Verhältnis zu dem, was mit dem 8. Mai 1945 beendet wurde, aber bis heute nicht seinen Abschluss gefunden hat, an einem Wendepunkt stehen. In der generationellen Ablösung derer, die sich noch an Erlebnisse erinnern konnten - wiewohl schon das stets problematisch mit Gehörtem und Gelesenem durchmischt war -, bleibt nurmehr die Erinnerung an Gehörtes, Gelesenes, vor allem Gesehenes übrig. Das stellt vor besondere Herausforderungen, will man um der angestrebten Wahrhaftigkeit willen die Komplexität und Verwickeltheit der Realität im kulturellen Gedächtnis halten. "Tatsächlich geht eben eine Epoche zu Ende. Die Zeit des ›Dritten Reiches‹ entschwindet der Zeitgenossenschaft, der Nationalsozialismus verabschiedet sich aus dem in unserer Gesellschaft präsenten Vorrat persönlicher Geschichtserfahrung ..., denn die Wahrheit ist, dass fast niemand mehr sagen kann: ›Ich erinnere mich!‹." Der Jenaer Zeitgeschichtler Norbert Frei hat sich dazu Gedanken gemacht. Unter dem Titel 1945 und wir rekonstruiert er nicht nur die unterschiedlichen Stadien der beidseitigen deutschen Erinnerungspolitik an einzelnen Beispielen wie dem Mythos Stalingrad oder dem 20. Juli 1944, sondern reflektiert auch über die veränderte Situation, in der das geschieht. Er beobachtet einmal mehr den Trend, Erinnerung an die rückblickenden Selbsterklärungen der Zeitzeugen zu delegieren und diese als "authentisch" zu suggerieren. Gefragt wird nach Einzelnen oder Familien, gefragt ist die Ebene des persönlichen Verhaltens, von Verhängnis und Schuld. Dahinter verschwindet nicht nur das Funktionieren des Systems, sondern - paradox genug - haben nun diejenigen, die ohnehin in der Überzahl waren, auch zeitlich das letzte Wort.

Der Gefahr zu begegnen, dass ein Volk sich durch nachgetragenes Darüberhinwegerzählen mit dem zu versöhnen beginnt, was eine unsühnbare Schuld hervorgebracht hat, scheint Götz Alys Buch über Hitlers Volksstaat gerade recht zu kommen. Bei den Recherchen zu seinem letzten Buch über die Ausplünderung und Vernichtung der ungarischen Juden seit Mai 1944 war Aly auf den Zusammenhang von antiinflationärer Politik, Arisierung und deutschem Volkswohl gestoßen und hatte sich daran gemacht, "die Tätigkeit derer zu erkunden, die in der Wehrmacht für die Kriegsfinanzierung verantwortlich zeichneten". Aly kam auf die Spur dieser von jugendlichem Schwung beflügelten Planer und Strategen des "sozialen Volksstaates", die von der sogenannten Sühneleistung der deutschen Juden 1938 an bis hin zu den ungarischen oder den griechischen Juden von Saloniki ihr Verfahren perfektionierten: Ausplünderung, Vernichtung und Geldwäsche zugunsten des Reichs. Der Holocaust sei so zum "konsequentesten Massenraubmord der modernen Geschichte" geworden. Besonders brisant ist, dass Aly die deutsche Bevölkerung zu ganz unmittelbaren Nutznießern all der Plünderungen, Auspressungen und Raubzüge erklärt. Gestützt durch zahlreiche sozialpolitische Maßnahmen, die wir noch heute für Errungenschaften halten, und eine Steuerpolitik, die einseitig die Spitzenverdiener und Hausbesitzer belastete, sei das geschehen, um - anders als im Ersten Weltkrieg - die Bevölkerung durch materielle Versorgung bei Laune zu halten. (Mit Unterhaltung wurde sie ja ohnehin durch Goebbels Kinoindustrie versorgt.) So hätten denn die Landser, stellvertretend muss der kettenrauchende Katholik Heinrich Böll herhalten, tüchtig persönliche Beute abschleppen dürfen, ihre Angehörigen wurden obendrein wesentlich besser versorgt als die bei den Alliierten und konnten zudem noch jüdischen Besitz ersteigern. Durch Komfort ließen sich demnach die Großeltern zur Duldung oder Teilnahme bestechen. Das Dritte Reich eine Bombenstimmungsdiktatur.

Nun könnte man dagegen allerlei einwenden. Denn zwar ist die Bindung durch Komfortversprechen schon lange ein Thema der kultur- und mediengeschichtlichen Forschung, aber die hat stets die Trias von Bestechung, Denunziation und Terror im Auge behalten. (Ein Blitzlicht: Im Film Der dunkle Punkt wird nicht nur ein Hausbesitzer zur Räson gebracht, bekommt das junge Glück einen Kühlschrank per Los, sondern belauern sich die Mieter gegenseitig und wird einem "Volksgenossen" sogar mit dem KZ gedroht.) Zu fragen wäre zum Beispiel nach der Rolle der neutralen Länder, ohne die viele der Transaktionen gar nicht möglich gewesen wären. Der britische Wirtschaftsgeschichtler Adam Tooze hat überdies Aly in der taz vorgehalten, falsch gerechnet zu haben. Vor allem wird eine solch einseitige Zuschreibung der Komplexität der Verhältnisse damals nicht gerecht. Doch nicht das hat den Rumor ausgemacht, den das Buch seit seiner - effektvoll vorgezogenen - Premiere begleitet. Aly, der als ein Goldhagen der "Heimatfront" in seiner monokausalen Schließung aus - beschämenden - Daten und - grausigen - Anekdoten die von damals erzählenden Opas und Omas in den Stand der kollektiven Mitschuld zurückversetzt, hat überbietend insinuiert, alle, die heute noch an den Errungenschaften des Sozialstaates festhalten, seien mentale Erben der bestochenen Großeltern - sozusagen schuldig bis ins dritte Glied. Kein Wunder, dass Aly bei seinen Auftritten volle Häuser hat.

"Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, soll vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen." Die Schlusspointe Alys kann man sogar unterschreiben. Aber damit ist der Fall nicht gelöst, sondern fängt die Arbeit des Historikers wieder von vorn an. Denn die Behauptung, sozialpolitische Bestechung der Massen sei das Geheimnis dieser (Zu)Stimmungsdiktatur, ist in ihrer Einsinnigkeit etwa so differenziert wie die, Alys These sei eine Projektion der obsessiven Abneigung des wissenschaftlichen Selbsthelfers gegen die Beutegemeinschaft der bestallten Historikerzunft.

Aly nennt, was im NS-Staat praktiziert wurde, zurecht Populismus. Er selbst bietet ein plastisches Beispiel von Medienpopulismus - ähnlich dem, was unlängst Jörg Friedrich mit Der Brand so erfolgreich zelebrierte. Dass das nicht zwingend so sein muss, um ein bemerkenswertes Sachbuch zu schreiben, kann man Wolfgang Schivelbuschs Entfernte Verwandtschaft ablesen, dessen Inhalt kaum weniger brisant ist. Schivelbusch vergleicht italienischen Faschismus, deutschen Nationalsozialismus und US-amerikanischem New Deal bis 1939 - vor allem hinsichtlich einer Signatur der Epoche, nämlich der großen kollektiven Symbolunternehmen - Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe, Bau der Reichsautobahnen, Tennesee Valley Projekt, und die jeweiligen Propagandaanstrengungen dazu. Seine Arbeit macht deutlich, dass, wenn man Ähnlichkeiten feststellt, es um so mehr darauf ankommt, sich auch den Differenzen zu widmen. Umgekehrt gilt für den Singularfall, dass man ihm nicht das Generelle anlaste: Kriegsführende Mächte neigten seit je dazu, ihren Krieg durch die Unterlegenen finanzieren zu lassen. Nicht dass die Nazis ausplünderten, ist - den Krieg vorausgesetzt - das Skandalon, sondern der dazu betriebene systematische Mord an Juden und Kriegsgefangenen. Dass man alles vermied, die eigene Bevölkerung zu belasten, belastet nicht automatisch die Bevölkerung. Und ein soziales Sicherheitssystem wird nicht dadurch inkriminiert, dass es von Verbrechern eingeführt wurde. Schließlich wäre noch zu klären, warum diese verwöhnte Bevölkerung, als es nichts mehr zu verteilen gab, unter dem Druck des Bombenterrors dennoch weitermachte.

In einer Zeit, in der die Deutschen geneigter scheinen, ihre verlorenen Bestände an bundesrepublikanischem Sozialstaat, DDR-Container und Großem Volksgemeinschaftlichen Krieg zusammenzurechnen, daran zu erinnern, was - delegiert oder mitwirkend - den Opfern des Krieges schon vor ihrem Tod und noch darüber hinaus angetan wurde, ist mehr als nötig. Das nun gleich noch mit dem Hype einer sozialvorsorglichen Kollektivverblendung en suite von 1933 bis heute zu verbinden, lädt bloß ein, den bitteren Inhalt wegen der Mogelverpackung zu ignorieren. Mehr noch: Was ein Antidot gegen die Sentimentalisierung der kleinen Leute hätte werden können, stärkt in seiner Marktexaltation solche, die im Namen der braven Leute agitieren - nicht nur im Blick aufs ›Dritte Reich‹. Gegenmythen sind auch Mythen.

Was einstweilen dagegen hilft, bis denn doch noch die entsprechende Geschichte geschrieben wird, ist derzeit am ehesten im letzten Band von Walter Kempowskis Echolot-Projekt, Abgesang ´45, zu lesen: Die Polyphonie der Tagebuchstimmen vierer Tage vom April/Mai 1945 spricht für sich und gegen jede einvernehmende Deutung. Sie verspricht aber auch, dass es - hoffentlich - jene eine Stimme, jene eine Erzählung, die uns vorsagt, was diese Vergangenheit für uns zu sein hat, niemals geben wird.


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00:00 25.03.2005

Ausgabe 38/2020

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