Ein guter Freund

ENTSCHÄDIGUNGSPOKER Polen und die deutsche Barmherzigkeit

Als Gerhard Schröder - im Gegensatz zu den demokratischen Christen, aber in Anlehnung an frühere vage Gedanken mancher seiner Godesberger Vorfahren (Brandt, Wehner, Eppler) - sich guten Willens anschickte, das "Wiedergutmachungsloch" im Osten zu stopfen, war er sich des "Widerstandes der Materie" wohl nicht voll bewusst. Ein derartiges Feilschen um jede liebe Mark, wie wir das seit Monaten erleben, dürfte er kaum erwartet haben. Die Schröder wohl bekannte Praxis des VW-Konzerns, der durch eine Stiftung seine einstigen Zwangsarbeiter finanziell einigermassen abgefunden zu haben glaubt, will im gesamtdeutschen Maßstab nicht zünden. Der "gute Deutsche", wie er sich als "bester Freund Polens auf dem Weg in die NATO und EU" darstellt, macht es sich mit der Zahlung gar nach dem Gesetzesstand des "III. Reiches" ausstehender Löhne für Zwangsarbeiter recht schwer, und die deutsche Justiz, wie neulich das Landgericht in Bonn, findet das nach Bundesentschädigungsgesetz in Ordnung.

Als ich vor über 30 Jahren Archivmaterial für mein 1969 veröffentlichtes Buch über die Menschen mit dem P-Abzeichen in Breslau und Niederschlesien sammelte, musste ich feststellen, dass mindestens die Hälfte des den polnischen Zwangsarbeitern zwischen 1939 und 1945 zustehenden Mindestlohnes nicht ausgezahlt wurde. Der verstorbene Posener Gelehrte Alfons Klafkowski hat 1990 die Gesamtsumme des so ausgebliebenen Lohns auf etwa 20 Milliarden DM beziffert - er ging dabei von einer Reichsmark täglich für alle in der deutschen Kriegswirtschaft zwangsbeschäftigten Polen aus.

Sicher, die durch eine Vereinbarung zwischen Kanzler Kohl und Premier Bielecki 1991 gegründete deutsch-polnische Versöhnungsstiftung hat hierzu etwas "geleistet". Nur: die aufgebrachten 500 Millionen DM - verteilt unter 600.000 1991 noch lebenden polnischen Deportierten - ergaben für einen Monat Zwangsarbeit eine "symbolische Abfindung" von umgerechnet 20 DM - heute der Stundensatz für einen Arbeiter in Deutschland! In Polen wurde dies von den Betroffenen (wie gesagt: 600.000 waren es 1991 - acht Jahre später leben davon noch 360.000) nicht als "Akt der Barmherzigkeit", sondern als demütigendes Almosen empfunden. Um so weniger lässt sich verstehen, was nun seit Schröders Versprechen in Sachen "Wiedergutmachung" Ende 1998 vor sich geht. Tatsachen sprechen ihre eigenen Sprache. Dass die Verhandlungen in den USA geführt werden und amerikanische Politiker wie Stuart Eizenstat sozusagen in dieser Angelegenheit federführend sind, will in Polen Jan Kowalski-Normalverbraucher nicht in den Kopf.

Unsere Zeitungen schreiben tagtäglich über den Skandal der bis zum "geht-nicht-mehr" verzögerten Finalisierung der Verhandlungen. Die oppositionelle Trybuna wie die regierungsnahe Rzeczpospolita verweisen gemeinsam auf die entwürdigenden Erpressungsversuche des Herrn Lambsdorff, der neulich in New York mit seinem "Nehmt, was wir bieten, sonst kriegt ihr überhaupt nichts" einen "Kompromiss" offerierte. Dabei geht es nicht nur um die Differenz zwischen zwanzig und sechs Milliarden DM. Was in Polen vor allem bestürzt, das ist ein heuchlerisches Spiel im Geschäft mit dem reinen Gewissen, das man endlich haben will, basta! Zu Wochenbeginn erinnerte die rechtsbürgerliche Tageszeitung Zycie daran, dass polnische Vertreter während der vergangenen Wochen nicht selten wie lästige Bittsteller behandelt, ja zuweilen einfach rausgeschmissen wurden. "No Central Euro peans!" - hatte während der vorletzten Runde in Bonn Stuart Eizenstat gerufen, und bereitstehende Saalordner verschafften ihm Gehör. Bartosz Jalowiecki - von der polnischen Regierung als offizieller Beobachter zu den Verhandlungen delegiert - beklagte sich denn auch im Interview mit dem gleichen Blatt, dass ihm weder seitens der deutschen noch der amerikanischen Gesprächsteilnehmer jemand die Hand gereicht habe. - "No Central Europeans!"

Unser Autor lebt als freier Publizist und Schriftsteller in Warschau.

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