Ein guter Moment

Kunst Post-Internet-Art ist am Kapitalismus zerbrochen. Miterfinderin Katja Novitskova macht aber weiter

Es kommt vor, dass ein und dasselbe Kunstwerk ganz verschiedene Aspekte hat, je nachdem wer draufschaut. Nicht so oft fallen die Perspektiven von Künstlerin und Kunsthistoriker aber so auseinander wie im Fall der Arbeiten von Katja Novitskova. Die 1984 in Tallinn, Estland, geborene Künstlerin interessiert sich für die Biosphäre, für den Klimawandel, für künstliche Intelligenz. Die Kunsthistoriker dagegen interessiert ihr Einsatz von Arbeitsweisen und die Position innerhalb einer Stilrichtung, die als Post-Internet bekannt war. Ihre neueste Ausstellung ist seit diesem Wochenende als ein Teil der Ausstellung der vier Kandidatinnen zum Preis der Nationalgalerie 2019 zu sehen.

Novitskova zeigt in zwei Räumen drei Werkgruppen. Es handelt sich jeweils um Arbeiten, die aus zweckentfremdeten technischen Geräten, Objekten aus Kunstharzguss und vorgefundenen Gegenständen vorzüglich aus Plastik zusammengesetzt und teils manuell bearbeitet sind. Alle Werke beziehen auf sich auf einen wissenschaftlichen Bezugsrahmen, ohne dass sie mit der Idee daherkommen, künstlerische Forschung sein zu wollen. Allerdings handelt es sich auch nicht um bloße Visualisierungen. Am ehesten könnte man von Ding gewordenen Gedankensprüngen sprechen, die sich auf den biologischen, technischen und ökologischen Zustand unserer Welt beziehen. Wir sehen also grafische Darstellungen von Proteinen oder Hirnscans vor uns, die sanft von einer Babywiegemaschine geschaukelt werden – Pattern of Activation (Dawn Chorus), 2017. Oder mit Abbildungen von Fadenwürmern, die eine Gruppe von Aufstellern bilden – Pattern of Activation (Mutants), 2018. Oder mit Fresko-Imitaten von Trainingsbildern, die KI-Maschinen die Unterscheidung verschiedener Tierarten beibringen sollen – Earthware-Serie, 2019.

Ästhetisch stehen alle drei Werkgruppen einer Stilrichtung nahe, die man seit etwa zehn Jahren als Post-Internet kennt. Viele Künstler werden mit diesem Wort nur noch ungern in Verbindung gebracht. Post-Internet gilt als passé. Heute, sagt Katja Novitskova, interessieren sich eigentlich nur noch Journalisten für den Begriff. Das allerdings hätte eine ziemlich lange Tradition, schließlich gehen sehr viele Stilbildungen dieser Art auf Wortschöpfungen von Kritikern zurück. Kunsthistoriker springen immer erst später auf. Dass die Zuordnung zu einem Stil oft zum Unwillen der Künstler geschieht, die sich lieber als individuelle Genies sehen und viel Distinktion brauchen, folgt einer durch und durch modernen Tradition.

Ohne Zugriff vom Markt

Der Begriff hat allerdings seinen Ursprung nicht im Journalismus, sondern hat eine andere Geschichte, in dieser Geschichte spielt Novitskova selbst eine Rolle. Im Jahr 2010 veröffentliche sie ein kleines Buch mit dem Titel Post-Internet-Survival Guide. Es handelte sich um einen zusammenkopierten, lose sortierten Reader mit verschiedensten Materialien von ungefähr 60 befreundeten Künstlern, die sich alle online kennengelernt hatten und sich mit dem Netz und dem, was dort los war, beschäftigten. Als eine Art von künstlerischem Überlebenshilfe-Ratgeber trug der Reader nicht unwesentlich zur Verbreitung des Begriffs bei.

Die Anfänge der Bewegung liegen noch weiter zurück. Katja Novitskova macht beim Treffen während des Aufbaus ihrer Ausstellung im Hamburger Bahnhof eine überraschende Verbindung auf, und zwar zur Finanzkrise im Jahr 2008. In der Kunstmarkt-Krise, die auf die Finanzkrise folgte, bildete sich unter einer Generation von Künstlern, die gerade die Akademien oder ihr Studium absolviert hatten, im Internet ein gut vernetzte Gemeinschaft heraus, über Blogs, Webseiten und Plattformen. Die neuen Ästhetiken und Arbeitsweisen formten sich in dieser Zeit, weit weg vom Blick der Öffentlichkeit und vom Zugriff des Marktes. Der Begriff Post-Internet sei erst ein Jahr später dazugekommen, sagt Novitskova, zuerst von Marisa Olson in einem Text und dann von Gene McHugh als Titel seines Blogs. Novitskova übernahm ihn für den Titel ihres Readers. Der zweite erstaunliche Fakt betrifft das Ende der kurzlebigen Gemeinschaft. Novitskova sieht den Wendepunkt schon im Jahr 2012. Zu dem Zeitpunkt war ihrer Ansicht nach die Bewegung schon wieder vorbei. Der Markt hatte sich erholt, und nun waren nicht mehr gemeinsame Projekte, sondern wieder Einzelpositionen und verkäufliche Produkte gefragt. Manche Künstler passten sich der Nachfrage an und wurden erfolgreich, andere scheiterten, zogen weiter, widmeten sich anderen Berufen, wanderten zu Instragram, probierten es mit Social-Media-Kunst. Die Community zerfiel. Dieser neue Indivudalismus habe Ähnlichkeiten mit den Vereinzelungstendenzen im Spätkapitalismus, dem Entstehen von Gemeinschaft in der Krise und ihrem Zerfall unter besseren Marktbedingungen. Eine gemeinsame Bewegung konnte sich nur herausbilden, als der Kunstmarkt sich im Gefolge der Finanzkrise in einer Schwächephase befand. Die Solidarität der Krise löste sich auf, sobald die Sammler zurückkehrten und sich nach der nächsten Generation umsahen. Einzelne Künstler wurden herausgepickt. Die Bewegung begann sich aufzulösen. Freundschaften verloren sich, und auch der Charakter der Werke veränderte sich. Hatte man es vorher oft mit netzbezogenen Aktionen und Hoaxes oder Videoperformances zu tun, also unverkäuflichen Ereignissen, wurden plötzlich materielle Objekte nachgefragt. Wem der Marktzugang gelang, der fand sich in die Schleife der Selbstwiederholung gepresst. Die anderen stoben auseinander. Wollen wir dieser Diagnose vertrauen, müssten wir auf die nächste Finanzkrise warten, bis wieder etwas Bewegung in die Kunst kommt. Oder uns daranmachen, die Kunst aus dem fatalen Zugriff der Marktkräfte zu lösen.

Katja Novitskova legte mit Approximation V (Chameleon) 2013 eine Arbeit vor, die ikonische Bedeutung für die Post-Internet-Kunst erlangte. Das Prinzip war denkbar einfach, und gerade deshalb so unmittelbar und klar. Sie zog ein Tierbild aus dem Netz, druckte es vergrößert auf einen Aufsteller und platzierte es im Ausstellungsraum. Dass davon wieder Abbildungen ins Netz zurückkehrten, war beabsichtigter Teil des Spiels. Ähnlich wie im Post-Internet Survival Guide zeigte sich auch hier ihr Gespür für den richtigen Moment und seine Möglichkeiten.

Info

Preis der Nationalgalerie 2019 Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, bis 16. Februar 2020

06:00 05.10.2019
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