Ein Haus von Format

Plattenbau Magdalene Geisler wohnt freiwillig in einem Plattenbau. Wie kann das sein? Wir haben unsere Bloggerin um eine Art Bilanz gebeten
Ein Haus von Format

Foto: Franziska Rieder für der Freitag

Wir leben im trostlosesten Haus von ganz Berlin. Und wir haben das schriftlich. Wir wohnten noch keine vier Monate hier, als der Journalist Alexander Osang in der Berliner Zeitung diese Ostergeschichte schrieb, die für andere Leser vielleicht erbaulich, für uns aber wenig trostreich war. So ziemlich genau zehn Jahre ist das jetzt her. Sie handelte von einem Wendeverlierer, der sich mit dem Sturz aus genau jenem Plattenbau, in dem wir jetzt wohnten, vom Leben verabschieden wollte. Osang schrieb: „Er sah auf die Autobahnausfahrt Pankow-Heinersdorf. Neun Stockwerke, er lebte im trostlosesten Haus Berlins, ein Plattenbau, der direkt an der Autobahn stand, niemand würde seinen Aufschlag hören, niemand seinen Schrei, und, was wichtig war, er würde auch niemandem versehentlich auf den Kopf fallen, denn dort unten ging niemand spazieren.“ Ziemlich lange dachte ich, Osang hat recht. Es war einfach keine gute Idee gewesen, von einem Altbau im Prenzlauer Berg in die Platte in Pankow gezogen zu sein.

Einen Tag, bevor Osangs Geschichte erschien, hatte ich in mein Tagebuch geschrieben: „Jetzt weiß ich, wie es zu einem Amoklauf kommt. Man lebt mit Menschen zusammen, die niemanden achten außer der eigenen Familie, der eigenen Bequemlichkeit. Sie brechen mit ihrem Krach und ihrem ganzen Verhalten ständig in die Privatheit anderer ein.“

Ein merkwürdiger Klotz

Das mit der Trostlosigkeit schien mir damals fürchterlich zutreffend. Heute nicht mehr. Von außen wirkt dieser merkwürdige Klotz, der direkt neben dem Autobahnzubringer nach Hamburg steht, noch immer reichlich roh und wuchtig. Wie in die Stadtlandschaft geworfen. Ist man aber drin und wohnt schön weit oben, dann vergisst man die Ansicht von außen. Auf einmal genießt man rasante Aussichten und findet, dass eine Platte durchaus auch „innere Werte“ haben kann.

Sehr uncool fanden das einige Bekannte, als wir unseren Entschluss bekannt gaben. Nein, man wohnte hier nicht. Aber Lifestyle, Ab- und Aufstiegsüberlegungen interessierten uns nicht. In Ostberlin gab es überall Plattenbauten, und auch das so verpönte Marzahn war für uns kein Ghetto. Es wäre uns nur zu weit vom Prenzlauer Berg weg gewesen, wo wir unser ganzes Berliner Leben gewohnt hatten. Wir flohen auch nicht vor einem gierigen Vermieter, sondern einem Alteigentümer, der mit der Rückgabe seines Hauses und der Sanierung restlos überfordert schien. Ständig trug man Heizungsrohre rein und wieder raus, drohte das Wasser abzustellen oder den Strom oder gleich mit Verwahrlosung.

Wir, also mein Mann und ich, waren damals wie heute der Meinung, dass man überall wohnen kann, wenn nur gewisses Wohlwollen unter den Menschen herrscht. Auch kreativ kann man überall sein. Mir war eine Fernsehdokumentation über den Thälmannpark an der Greifswalder Straße im Gedächtnis geblieben, in dem auch der Plattenbau dominiert. Da wurde ein Designer-Ehepaar interviewt, das den damals gerade erst eingeführten Euro gestaltet hatte. Sie wohnten ganz oben im 20. Stock.

Nachdem wir noch einmal innerhalb dieses Hauses umgezogen waren, landeten wir auch fast ganz oben. Der Ausblick gehört zu den besten Eigenschaften hier. Am Tag lenkt jedes der drei Zimmer den Blick sofort in die Ferne. Auf der einen Seite zu den Windrädern bei Malchow, aber auch zur dortigen Mülldeponie. Oder zu den verrottenden Bauten des alten Güterbahnhofs und weit über viel Grün in die Ferne von Hohenschönhausen. Auf der anderen über grüne Flächen bis zu den West-Plattenbauten des Märkischen Viertels oder dem Funkturm in Charlottenburg.

Abends, im Dunkeln, sieht das Märkische Viertel wie eine Märchenstadt aus. Dann wirkt der öde Flachbau der Tankstelle, die schräg gegenüber liegt, wie ein zierlicher japanischer Nippes. Das weckt meine Sehnsucht, wohin auch immer. Die Silvesterfeuerwerke sind überwältigend. Man gewöhnt sich an diesen Blick, er schafft Illusionen, wie sie vielleicht ein Feldherr von seinem Hügel hat oder ein Politiker, der es nach oben geschafft hat. Die Schriftstellerin Gisela Steineckert wohnt auch in so einem Plattenbau in der Leipziger Straße, und sie hat einmal ebenfalls von diesem merkwürdig naturnahen Panoramagefühl so mitten in der Stadt gesprochen. Sie würde da nie mehr wegwollen.

Ich bin erst in der Höhe der Natur nähergekommen. Die Veränderungen der fernen und nahen Bäume, die Vogelflüge am Haus vorbei, das alles hat mich aufmerksamer werden lassen für die Jahreszeiten. Weil der Schallschutz ordentlich ist, sehe ich ungestört von der Couch aus die Tegel ansteuernden Flugzeuge. Manchmal sind mehrere im Landeanflug, und das wirkt, als sei der Himmel voller Lampions. Wenn sie über das Haus fliegen, stelle ich mir vor, ich liege am Meeresgrund und über mir schwimmt ein U-Boot durch den Ozean.

Dieses Viertel war vor dem Mauerfall eine sehr erstrebenswerte Gegend. Institutionen und Ministerien der DDR ließen ihre Mitarbeiter hier wohnen. Die Nachbarschaft ist möglicherweise homogener als anderswo, aber auch das ändert sich so langsam. Ich frage mich hin und wieder, ob es früher auch eine Stockwerk-Hierarchie gab. Wer durfte weiter oben? Mit dem weiten Blick nach Westen. Wer durfte nur ins Parterre? Mit einigen Nachbarn haben wir ein freundliches plauderhaftes Verhältnis. Die alte Dame mit ihrem behinderten Sohn, sie wird immer gebrechlicher und jetzt kommt öfter eine Hilfe ins Haus.

Das alte Ehepaar – der Mann gab seinen 90. Geburtstag leicht angeheitert und triumphierend im Fahrstuhl bekannt – ist gestorben, sehr schnell nach der Geburtstagsfeier. Die Kinder der jüngeren Familien sehen wir aufwachsen und eine junge Frau mit ihrem schwarzen Freund, der immer sehr bürgerlich und ordentlich sein Auto wäscht, sehe ich auch oft im Fahrstuhl. Einmal gingen hier auch Debatten und Beschuldigungen in Form von täglich neuen Aushängen hin und her. Es ging um Hundebesitzer, um Geruchsbelästigungen. Das war lustig, weil die Vergangenheit auf einmal eine Rolle spielte. Die schriftliche Ankündigung eines empörten Mieters, er werde sich beschweren, ergänzten andere bei der Unterschrift mit Gen. (Genosse).

Ein richtiger ehemaliger stellvertretender Minister wohnt noch im Dreh, habe ich aber nur gehört und ein ehemaliger DDR-Botschafter in einem afrikanischen Land hat auch noch seine Wohnung hier. Kürzlich traf ich ihn in der Straßenbahn und wir plauderten. Er war Vorsitzender des Mieterbeirates, dem auch ich eine Weile angehörte. Nicht nur er, einige der älteren Mieter haben sich engagiert. Meist ging es um die steigenden Betriebskosten und ihre korrekte Abrechnung. Da war er immer auf dem absolut neuesten Stand. Es ging auch um den Plan, die unhygienischen Müllschlucker dicht zu machen und noch bessere Mülltrennung und -entsorgung zu ermöglichen. Die Grundstimmung bei den Treffen war von der Forderung des damaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin bestimmt, die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sollten vor allem Gewinn machen. Das ängstigte die Mieter, obwohl, das muss man sagen, die Mieterhöhungen sich hier noch immer in Grenzen halten. Kürzlich warb die Wohnungsbaugesellschaft für die Mitarbeit in einem neuen Mieterbeirat. Er soll sich verjüngen.

Gegenwärtig sind Menschen, die zur Miete wohnen, vorsichtig geworden. Vor einigen Jahren herrschte noch ein lebhaftes Kommen und Gehen. Die Umzugswagen standen vor diesem und jenem Haus. Das ist nicht mehr so. Die nächste Wohnung kann schon zu teuer sein.

Wenn man im Winter das Haus betritt, ist es warm. Man kann das als miefig empfinden oder als vertraut, gar traulich, um ein nostalgisches Wort zu bemühen und da denke ich manchmal an die verflossene DDR, der meist auch eine dieser Eigenschaften zugeschrieben wird. Es riecht am Wochenende besonders nach Essen. Jetzt im Parterre auch exotisch, denn da wohnen Vietnamesen, aber manchmal auch nach Schweinebraten mit Sauerkraut.

Eine Wohnung mit Komfort

Die Durchlasse in den großen Innenhof dagegen sind durch einen merkwürdigen Kamineffekt, der vielen solchen Plattenbaugevierten eigen ist, sehr zugig. Auch wenn es gar nicht stürmisch ist, weht meist ein kalter oder kühler Wind. Es gibt also auch hier ein Innen und ein Außen. Hier wie dort eine Abgeschlossenheit, die unterschiedliche Erinnerungen wecken kann.

Neben unserem Quartier entstehen modernere Nachbarschaften, bald ein ganzes neues Viertel. Das wird den Mietspiegel verändern. Dafür ist es nicht mehr so einheitlich. Junge Leute ziehen ein.

Das Umfeld wird sich weiter ändern. Berlin wächst und wächst. Plattenbauten – noch verdammt und geschmäht – werden als „Betongold“ in den Blick genommen. Gentrifizierte Viertel müssen ihre Überzähligen auch irgendwohin auslagern. Eigentlich sind sie schon wieder im Kommen – es wird medial nicht mehr nur als Sünde gegen Stilgefühl und Individualität gesehen, in solchen Häusern zu wohnen. Man spricht schon von besserer sozialer Durchmischung, meint, dass auch mehr Mieter aus der Mittelschicht, was immer das sein mag, den Mix verändern.

Es sind auf jeden Fall mehr fremde Sprachen zu hören und auch einige kopftuchtragende Frauen. Ich dachte mir neulich, dass die vielleicht aus zu enger familiärer Umklammerung in anderen Bezirken geflohen sind. Das Internet-Portal jeder-qm-du.de stellt Bewohner der Platte vor. Sehr schräge Leute, die das angebliche Einerlei durch ihre Wohnung und ihr Wesen Lügen strafen.

Vor einigen Jahren sah ich einen Film mit Katharina Thalbach und Axel Prahl in der Hauptrolle, der in der Marzahner Plattenbaugegend spielt. Du bist nicht allein hieß er. Ich denke an diesen Film und seinen Titel, weil, neben der tröstenden Intention, in dieser alten Schnulze auch eine Mahnung stecken kann, die nicht nur für den Plattenbau, aber da besonders gilt. Man ist nie allein, ob im Plattenbau oder im Altbau oder in der Stadt und dem Erdkreis. Aber hier ist es deutlicher, erinnert vielleicht mehr an das Soziale als das Wohnen im Eigenheim.

Vielleicht braucht man andere Werte für das Wohnen im Plattenbau, tatsächlich mehr innere. Zweckmäßigkeit und gestalterische Genügsamkeiten begegnen sich bei uns vielleicht mit einem gewissen Desinteresse daran, wie man jetzt wohnt. Mal abgesehen davon, dass mein Mann sich sofort an die Beseitigung einer abgehängten Decke machte, weil er das nicht ausstehen kann. Vielleicht muss man ein bisschen länger im Training dafür sein. Ich denke: So wohnen Millionen Menschen. Aber nicht alle Leute sind möglicherweise plattenbautauglich. Das Eigenheimfieber ist an uns total vorbeigegangen.

Vielleicht ist aber meine Affinität zum Plattenbau viel einfacher zu erklären. Noch immer erinnern mich Altbauten an die eiskalten Küchen meiner zitternden Kindheitsmorgenwäschen. Vielleicht verbindet sich deshalb mit dem Plattenbau diese Dankbarkeit für warmes Wasser und Fernheizung, obwohl die Altbauten inzwischen komfortabel geworden sind.

Vielleicht erinnere ich mich gern an eine helle Wohnung mit Komfort, deren Zuweisung meine Mutter endlich aus einer großen, eisigen Wohnung in einem vor sich hin rottenden Haus befreite. Das war auch ein Plattenbau an einer Leipziger Ausfallstraße und stets empfingen mich dort Wärme und Trost, die ich nach dem kalten, zugigen Berlin gern genoss.

Betongold: Eine sehr kurze Kulturgeschichte

Plattenbauten Die Gebäudemonolithen wurden in der DDR gebaut, um jedem Bürger eine Wohnung verfügbar machen zu können. Doch das war nur die sozialistisch-idealisierende Auslegung der Fertigbauweise. Die Plattenbautechnik als Ideal und Impuls gab es schon in den 1920er Jahren. Die Architektur entfernte sich zu dieser Zeit von der historischen Verspieltheit der Formen und Verzierungen und fußte in klaren Flächen, Linien und Konturen, was das damalige Verständnis von Modernität widerspiegelte. Aus diesem Zeitgeist ging die Neue Sachlichkeit hervor, eine Strömung, die sich sowohl in der Architektur als auch der Kunst und Literatur bemerkbar machte. Ab den 1950er Jahren sprach man vom Internationalen Stil. Die Einfachheit und Funktionalität ging deckungsgleich mit dem sozialistischen Gedanken einher, so deckungsgleich wie die konformen Grundrisse der Plattenbauwohnungen untereinander. Die Fertigbauweise war einfach, kostengünstig und genormt. So konnte der Wohnungsnotstand im Nachkriegsdeutschland schnell beseitigt werden. Die Architektur wirkte zudem sehr zukunftsorientiert, was nach außen trug, wie sich der Sozialismus verstand. Das Wohnungsbauprogramm der DDR allein schuf um die 1,8 Millionen Plattenbauwohnungen. Durch den standardisierten Komfort (Innen-WC, Zentralheizung, Badewanne) waren sie sehr beliebt. Dank widerständsfähiger Baumaterialien haben Plattenbauten bis heute eine gute Bausubstanz. TOT

10:55 07.04.2014
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