Ein Held

Gesamtkunstwerk John Wayne zum 100. Geburtstag

Ein baumlanger Kerl, die Arme leicht angewinkelt, das rechte Bein nach vorn gebeugt, alles Gewicht auf dem linken ruhend. In seiner typischen Pose gemahnt er an eine Raubkatze kurz vor dem Absprung: groß und schwer, aber nicht schwerfällig, lässig und entspannt, dabei zu allem entschlossen. Western waren seine Domäne. "Ein Held", schrieb Robert Warshow, der erste Theoretiker jenes Genres, "ist einer, der ausschaut wie ein Held." Auf keinen anderen Star des amerikanischen Kinos passt diese Charakterisierung besser als auf John Wayne. Wo er hinlangte, wuchs kein Gras mehr. Wo er hintrat, da war Amerika.

So eine Karriere wie die John Waynes ist kein Spaziergang. An die 170 Filme hat er gedreht, den ersten 1926, seinen letzten 1976. Dreimal musste er Anlauf nehmen, um aus der Poverty Row von Hollywood an die Spitze zu kommen: The Big Trail (1930), Stagecoach (1939), Red River (1948). Dazwischen spielte er den trällernden Singin´ Sandy, einen Perlentaucher, den ersten amerikanischen Konsul in Japan, einen deutschen Schiffskapitän und zuletzt auch noch Dschingis Khan.

Zuallererst aber war John Wayne ein perfekter Ensemblespieler. Er war stets nur so gut, wie die "Familie" von Jungs, die ihn gerade umgab. Frauen hatten wenig Platz in seinen Filmen, und wenn doch, so waren sie ihm abwechselnd entfremdet (Maureen O´Hara in Rio Grande), des Falschspiels verdächtig (Angie Dickinson in Rio Bravo) oder zogen einen anderen Mann vor (Vera Miles in The Man Who Shot Liberty Valance). Henry Hathaway, der sieben Filme mit ihm inszenierte, darunter True Grit, für den Wayne 1970 den Oscar bekam, berichtete in Interviews, wie dieser sich anfangs sträubte, in der Rolle des versoffenen Marshals Rooster Cogburn eine Augenklappe zu tragen: schließlich, so Wayne, sei er doch kein actor, sondern ein reactor - und hätte derlei Firlefanz also nicht nötig.

John Ford, sein geistiger Mentor und wichtigster Regisseur, drehte 18 Filme mit ihm. Diese erst machten John Wayne zu John Wayne, der überlebensgroßen Karikatur amerikanischer Sehnsüchte und dem großartigen Interpreten verloren geglaubter Ideale, kurzum: zu einem "amerikanischen Gesamtkunstwerk" zutiefst ambivalenter Schönheit. "Wie kann man John Wayne, der Goldwater unterstützt, hassen", fragte Jean-Luc Godard, "und wie kann man ihn zärtlich lieben, wenn er Natalie Wood im vorletzten Akt von The Searchers abrupt in die Arme nimmt?" Für die Filmkritik gehört er bis heute, fast dreißig Jahre nach seinem Tod, zu den noch immer unerledigten Fällen.

Von den sechziger Jahren an verstand John Wayne sich als Sprachrohr der "schweigenden Mehrheit" seiner Landsleute und setzte sich verstärkt auch politisch in Szene. Er wetterte lautstark gegen die Jugendkultur, unterstützte Ronald Reagan sowie den Rechtsaußen Barry Goldwater und befürwortete den Krieg in Vietnam. "Künstlerisch" gipfelte der patriotische Amoklauf in seinen beiden Regiefilmen The Alamo (1960) und The Green Berets (1968). "Jeder sagt mir, dass nicht alles Schwarz und Weiß ist", beschwerte er sich, nachdem seine Version des Kampfs um Alamo, deren Realisierung ihn Jahre lang in Anspruch genommen hatte, bei Publikum und Kritik durchgefallen war: "Wieso, zur Hölle, denn nicht?"

Mehr als vor der reflexhaften Ablehnung durch die Linke oder der primitiven Heroisierung durch ewiggestrige Republikaner muss man John Wayne also noch vor sich selbst in Schutz nehmen, um nicht blind zu werden für das Werk dieser an Widersprüchen unendlich reichen Ikone des amerikanischen Kinos. Gerade in den Spätwestern, in denen einfach nichts mehr klappt, wie es sollte, erzählt Wayne, die verwelkende Physis seines Körpers, vom Ende jener Tugenden, die er früher im Film als typisch "amerikanisch" propagiert hatte. Cole Thornton etwa, der Revolverheld in El Dorado (Regie: Howard Hawks, 1967), entspricht dem Bild vom klassischen Helden nur mehr sehr bedingt. Er hat ordentlich Übergewicht, kaum noch echte Haare auf dem Kopf, eine Kugel im Rücken und muss sich alle möglichen gemeinen Tricks einfallen lassen, um das Ende der Filmhandlung überhaupt noch zu erleben. Einmal reitet er auf seinem Pferd sogar rückwärts.

"Der Mann, den ich gespielt habe", bemerkte John Wayne einmal, "kann grausam, hart oder zärtlich sein, aber nie halbherzig oder klein. Er mag schlecht sein, aber wenn er schlecht ist, dann ist er wirklich schlecht. Er ist nie bloß ein halbherziger, kleiner Sieger." Am 26.Mai wäre er 100 Jahre alt geworden.


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00:00 25.05.2007

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