Ein herrenloser Samurai

Treue Berichte aus dem Dunklen: Nikita ist ein Krieger. Er erledigt Aufträge, ohne sich an den Auftraggeber zu binden – bis er verraten wird. Teil sieben der Freitag-Serie

Als Kind war Nikita oft krank und schwächlich. Mit sieben Jahren überlebt er mit knapper Not eine Hirnhautentzündung. Seine Familie lebt in einer Industriestadt in der südlichen Ukraine. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Lehrerin. Ihre Vorfahren waren im 18. Jahrhundert dem Ruf von Katharina der Großen gefolgt, hatten ihre schwäbische Heimat verlassen und hatten sich dort niedergelassen. 1980 wird Nikita eingeschult. Er ist ein guter Schüler und besteht nach zehn Schuljahren ohne Mühe das Abitur. Die Mutter hat ihn zum Ballett angemeldet, aber mit zwölf erscheint ihm das mit seinem erwachenden männlichen Stolz nicht mehr vereinbar.

Er wendet sich anderen Sportarten zu, beginnt zu schwimmen und zu schießen. Als Sportschütze bringt er es zum ukrainischen Jugendmeister. Gegen Ende der Schulzeit schließt er sich einer der zahlreichen Straßengangs an, die es schon in der Sowjetunion gibt. Seine Gang reklamiert den Busbahnhof für sich, die Mitglieder tragen Waffen und geraten mit der Polizei in Konflikt. Auch gegen Nikita wird ermittelt und Verfahren wegen illegalem Waffenbesitz eröffnet. Sein Anwalt rät ihm, sich an einer Universität einzuschreiben. Die Strategie verfängt und er kommt mit einer Bewährungsstrafe davon.

Kurz vor dem Ende der Sowjetunion meldet sich Nikita dann jedoch freiwillig zur Armee und verpflichtet sich für drei Jahre. Er absolviert seine Ausbildung in einer Spezialeinheit der Marine an der Schwarzmeerküste. Um sechs Uhr ist Wecken, es folgt ein Lauf, nach dem Frühstück geht es auf den Schießstand. Die Tage bestehen aus Schwimmen und Tauchen, Schießen und viel Sport, der vor allem aus Nahkampftraining besteht. Auch psychologisch und politisch werden die jungen Soldaten geschult. Körperbeherrschung, Drill, Disziplin und männliche Kameradschaft ziehen Nikita an.

Mit Tschaikowski in den Kampf

Nach dem Ende der Ausbildung zum Scharfschützen wird er nachts mit Kameraden zu Einsätzen im Tschetschenien-Krieg geflogen. Wie die amerikanischen Hubschrauberpiloten im Film Apocalypse Now den vietnamesischen Dschungel mit Wagner-Musik beschallen, so spielt der russische Pilot Musik von Tschaikowski. Nikitas Aufgabe besteht darin, mit seinen Kameraden Gebäude zu stürmen und feindliche Personen zu „liquidieren“. Nach Erledigung des Auftrags verschwinden sie wieder und bereiten sich auf den nächsten Einsatz vor. Einmal tötet er nach einem zähen Ringen einen Gegner mit dem Messer.

Immer wieder trägt er auch selbst Verletzungen davon und entwickelt so eine gewisse Indifferenz gegenüber Schmerz. 1992 wird er mit seiner Einheit nach Afghanistan geflogen. Offiziell hat sich die Sowjetunion 1989 aus Afghanistan zurückgezogen, inoffiziell mischt sich Russland aber immer noch in die Auseinandersetzungen zwischen den Warlords des Landes zu Gunsten der pro-russischen Gruppierungen um Präsident Nadschibullah ein. Nikita ist da 19 Jahre alt und denkt über politische Zusammenhänge nicht weiter nach. „Eine Welle reißt dich mit und du versuchst, deinen Kopf über Wasser zu halten und nicht unterzugehen“, sagt er. Er tut, was er gelernt hat und was man ihm befiehlt. Das ist alles.

Seine Einheit erhält den Auftrag, einen Palast zu stürmen. 24 Soldaten dringen mitten in der Nacht in das zweiflügelige Gebäude ein. Nikita gehört zu einer Gruppe, die die „Frauenseite“ zu stürmen hat. Plötzlich wird aus der Dunkelheit auf sie geschossen. Nikita erwidert das Feuer und trifft. Im Morgengrauen erkennt er, dass er eine schwangere Frau und ein Kind getötet hat. So sind diese Kriege: Selbst Kinder und Frauen sind bewaffnet und kämpfen. Dennoch lässt ihn der Anblick der toten Schwangeren nicht mehr los. Insgesamt hat er mehr als 50 Menschen bei seinen Einsätzen getötet, zwei davon im Nahkampf mit dem Messer in der Hand.

Kugel zwischen den Rippen

Bei einem Kampfeinsatz gerät seine Einheit in einen Hinterhalt. Von 13 Kameraden kommen elf ums Leben. Nikita wird von Granatsplittern am Kopf getroffen. Eine Kugel durchschlägt seine schusssichere Weste und bleibt zwischen den Rippen stecken. Nach diesem Einsatz wird er Ende 1992 nach 20 Monaten aus der Armee verabschiedet. Er kehrt nach Hause zurück.

Eltern und Großeltern haben unterdessen den Entschluss gefasst, nach Deutschland zu gehen. Dorthin sind Teile der Familie bereits in den siebziger Jahren gezogen. Die Eltern, seine beiden Brüder, der Kater und Nikita landen im Dezember 1992 in einer ehemaligen Kaserne, die zum Aussiedlerheim umfunktioniert wurde. Nach einer Weile zieht die Familie in eine sächsische Großstadt. Nikita absolviert einen vom Arbeitsamt geförderten Sprachkurs, richtig Deutsch lernt er von einer Freundin. Anfang 1994 erhält Nikita einen deutschen Pass und findet Arbeit bei einer Zeitarbeitsfirma, die ihn auf Baustellen vermittelt. Als Kind des Sowjetstaates hat er eine heroische Vorstellung vom Proletariat, trifft dann aber in Deutschland auf „lauter saufende Idioten“. Er beschließt, sich in der Schweiz umzusehen.

Auch dort geht er gelegentlich zum Sportschießen. Der Besitzer eines Schießstandes vermittelt ihm eine Stelle als Leibwächter eines Bankiers. Neun Monate arbeitet Nikita für ihn. Dann erreicht ihn der Anruf seines alten Armeekameraden und Freundes Viktor aus Moskau. Wenige Tage darauf besucht dieser ihn in Zürich. Viktor ist nach seiner Entlassung aus der Armee ins organisierte Verbrechen eingestiegen und der führende Mann einer Moskauer Mafia-Gruppe.

Ein Job als "freier Mitarbeiter"

Er wirbt Nikita als „freien Mitarbeiter“ an. Nikita soll einige heikle Aufträge erledigen, die eine gewisse Intelligenz und militärisches Können voraussetzen. In den GUS-Staaten und in Westeuropa machen inzwischen viele ehemalige Soldaten eine zweite Karriere als Kriminelle oder im Security-Sektor. Nach ihrem Ausscheiden aus der Armee liegen sie wie Fische auf dem Sand, sie haben kein Umfeld, in dem sie ihre Fähigkeiten einsetzen können. Also führen sie Krieg auf eigene Faust. Sie etablieren sich im Rotlichtmilieu, betreiben Geldwäsche, Drogen-, Waffen- und Mädchenhandel. Nikita nimmt innerhalb dieser Gegenwelt die Rolle eines „herrenlosen Samurais“ ein, eines Kriegers, der Aufträge erledigt, ohne sich an einen Auftraggeber zu binden.

Also kehrt Nikita nach Sachsen zurück und lernt dort beim Sport Alex kennen, einen ehemaligen Fallschirmjäger und Nahkampfspezialisten. Alex kontrolliert die Prostitution in jener deutschen Stadt, in der jetzt Nikitas Eltern leben. Alex und Nikita verbindet die gemeinsame Geschichte, sie freunden sich an. Nikita heiratet zum Schein sogar die russische Freundin von Alex, damit sie in Deutschland bleiben kann. Alex möchte ins Drogengeschäft einsteigen und verhandelt deswegen mit den Berliner Mafia-Bossen. Er verkennt jedoch die Machtverhältnisse, führt sich großspurig auf, vergreift sich im Ton. Die Berliner sind Kriminelle, die im Jargon der russischen Unterwelt „Diebe im Gesetz“ genannt werden und nach einem dort gültigen Regelwerk „Respekt“ verlangen. In ihren Augen ist Alex ein kleiner Mafia-Filialleiter aus der Provinz.

Nikita wird als Vermittler eingeschaltet und soll Alex zur Raison bringen. Er verabredet sich mit Alex in einer Wohnung, in der zwei Frauen der Prostitution nachgehen. Zu Nikitas Verblüffung sollen die Frauen nach dem Willen von Alex dem Gespräch beiwohnen. Schon das gilt als Affront. Dann gibt Alex Nikita die Schuld am Scheitern der Verhandlungen mit den Berliner Bossen und sagt, dass er nun sein Ding ohne ihn durchziehen wolle. Nikita verlangt, dass die Frauen den Raum verlassen, aber Alex sagt: „Diese Nutten sind wichtiger als du!“ Der Ton wird aggressiver. Nikita hat gelernt, Situationen unter Kontrolle zu halten; diese hier droht, ihm zu entgleiten.

Alex ist ein guter Kickboxer. Außerdem geht Nikita davon aus, dass Alex bewaffnet ist. Er selbst trägt seine Waffe in einem Halfter unter dem Jackett. Beleidigungen und Drohungen fliegen hin und her. Als Alex schließlich sagt: „Du bist ein toter Mann“, und sich vom Sofa erhebt, schießt Nikita aus der Hüfte. Zwei Kugeln treffen Alex ins Herz. Die beiden Frauen schreien und springen auf. Nikita tötet sie mit Kopfschüssen und verlässt das Appartement. Am nächsten Tag tut er so, als habe er Alex besuchen wollen und die Leichen gerade erst entdeckt. Er verständigt die Polizei. Die jedoch hat ein Telefonat abgehört, in dem Nikita sich für den Tattag mit Alex verabredet hat. Außerdem findet sie Schmauchspuren an seinem Hemd. Verhaftet wird Nikita jedoch erst zwei Monate später, als er bei den Schuldnern von Alex mit Gewalt Geld eintreiben will.

Klima universalen Verdachts

Das Gericht verurteilt Nikita wegen räuberischer Erpressung zu viereinhalb Jahren Gefängnis. Und die Polizei ermittelt in dem Mordfall weiter. Schließlich meldet sich einer von Alex’ Leuten bei ihnen und sagt aus, Nikita habe ihm gegenüber die Tat eingeräumt. Es habe sich um einen Auftragsmord innerhalb der russischen Mafia gehandelt. In dem Indizienprozess beteuert Nikita seine Unschuld, wird aber zu lebenslanger Haft verurteilt.

Er befindet sich nun seit 1996 in Haft. Im Gefängnis lebt er in einem Klima universalen Verdachts. Er ist ein Großgangster, von ihm befürchtet man immer das Schlimmste. In deutschen Gefängnissen existiert seit dem Zusammenbruch des Ostblocks eine russische Subkultur, die Mithäftlinge erpresst und Drogenhandel betreibt. Nikita hält man für einen der Drahtzieher, nachweisen kann man ihm aber zunächst nichts. Nach etwa zehn Jahren Haft wird er in eine sozialtherapeutische Anstalt verlegt, um sich dort einer Therapie zu unterziehen. Doch nach einem Jahr wird die Behandlung abgebrochen, Nikita in den Regelvollzug zurückverlegt. Der Grund: Er leugnet die Tat immer noch, so finden die Therapeuten keinen Ansatzpunkt, um die Tat aufzuarbeiten.

Dann plötzlich ändert Nikita seine Haltung und übernimmt die Verantwortung für den Mord an Alex und den beiden Frauen. Wie und warum es zu diesem Sinneswandel kommt, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht spekuliert er darauf, auf diese Weise seine Chancen auf eine bedingte Entlassung zu erhöhen, vielleicht hat einfach der Fluss der Zeit den Granit der Verleugnung abgeschliffen.

Zeit der Verbannung

Nun scheint der Sozialtherapie nichts mehr im Wege zu stehen. Doch kurz vor der geplanten Rückverlegung findet man bei einer Kon­trolle Bargeld und ein Handy in seiner Zelle. Der lang gehegte Verdacht, eine „Gefahr für Sicherheit und Ordnung“ im Strafvollzug zu sein, findet auf einmal seine Bestätigung. Statt in die Anstalt wird er in ein Gefängnis in einem anderen Bundesland verlegt. Dort lebt er zurückgezogen wie ein Mönch. Er hält sich aus allem heraus, lässt sich nichts zu Schulden kommen, liest, trainiert und betreibt Yoga. Einmal in der Woche nimmt er am Anti-Aggressions-Training teil.

Demnächst ist die Zeit der „Verbannung“ vorbei und Nikita wird in die Haftanstalt in Sachsen zurückkehren. Er hofft, dass man ihn, wenn er 15 Jahre seiner Strafe verbüßt hat, aus der Haft entlässt. Von seinen Freunden lebt kaum noch einer. Auch Viktor ist vor Jahren erschossen worden. Dass Nikita noch am Leben ist, verdankt er wahrscheinlich seiner Inhaftierung. Ein Freund hat überlebt und besitzt eine Firma im europäischen Ausland. Legal. Zu ihm will Nikita nach der Entlassung gehen. Ein herrenloser Samurai.

Die Serie "Berichte aus dem Dunklen" versammelt in loser Folge Porträts von Menschen, die ein Verbrechen begangen haben. Die Geschichten versuchen zeitgenössische Antworten auf die alte Büchnersche Frage zu geben: Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Der Autor Götz Eisenberg arbeitet beim psychologischen Dienst einer Haftanstalt in Butzbach. Namen, Orte und Jahreszahlen wurden verändert. Der Erlös der Artikel wird zur Finanzierung von Kulturprojekten im Butzbacher Gefängnis verwendet.

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18:00 24.07.2010

Ausgabe 42/2021

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