Ein Höchstmaß an Souvernität

Das Recht auf Intervention Was verbindet Giorgio Agamben und Robert Steinhäuser?

Darf man über das Leben im Konzentrationslager lachen, fragten sich die Kritiker, als vor etwa drei Jahren der italienische Komiker Roberto Benigni seinen Film Das Leben ist schön vorstellte. In der Diskussion ging es wie immer um unser Verhältnis zur Vergangenheit. Dass der Film auch etwas mit unserer Gegenwart zu tun haben könnte, darüber sprach niemand. In seinem Regiedebüt verkörperte Benigni selbst den Halbjuden Guido, der zusammen mit seinem Sohn ins KZ gebracht wird. Um dem Kleinen Leid zu ersparen, simuliert Guido, dass das Lager eine Art Vergnügungspark sei - ein großes Spiel. Was das mit unserem Leben zu tun haben soll, wundern Sie sich. Nun, es gab eine Reihe von Hinweisen. Die erste Spur führte zu einer Anzeige. Etwa zur Zeit des Kinostarts von Das Leben ist schön wurde der Kleinwagen Smart mit folgenden Worten beworben: "Die erste Hochsicherheitszelle mit Turbo".
Die zweite Spur materialisierte sich in der Kölner Innenstadt. Kurz vor dem Filmstart hatte dort im Namen der Sicherheit des kauflustigen Publikums eine polizeiliche Vertreibungsaktion stattgefunden. Dabei handelte es sich um eine bevölkerungspolitische Maßnahme, die ein bestimmtes Stadt-Bild erzeugen sollte: Ohne Obdachlose und Drogenabhängige wirkte das Kölner Zentrum deutlich mehr wie eine andauernde Love Parade - wie der feuchte Traum der Politiker und Feuilletonisten von der individualisierten "Neuen Mitte". Die dritte Spur wiederum führte in die Vorstadt von Köln. Nachdem Das Leben ist schön die Kinos bereits wieder verlassen hatte, ließ sich dort eine Reihe von jungen Leuten in einen Wohncontainer einsperren. In der Serie Big Brother wurde gezeigt, dass Menschen, die interniert werden und die man zu völlig schwachsinnigen Aufgaben zwingt, trotzdem bester Laune sein konnten. Alle drei erwähnten Fälle machen deutlich, dass sich in der gegenwärtigen Gesellschaft bestimmte Formen der Internierung (durch Panzerung, Vertreibung, Einsperrung) und die Zurschaustellung von Vergnügen nicht mehr ausschließen - im Gegenteil: Sie bedingen einander geradezu. Und genau davon handelte Das Leben ist schön: Dass man sich im Innern eines Lagers befindet und einem Betrachter vorspielt, dass alles ein Riesenspaß ist.
Dass das Lager von den Rändern der Gesellschaft ins Zentrum gerückt ist, darüber hat in den letzten Jahren der italienische Philosoph Giorgio Agamben geschrieben. Sein Hauptwerk Homo Sacer ist kürzlich auch auf Deutsch erschienen. Darin behauptet Agamben angesichts der Multiplikation von Lagern auf der ganzen Welt - die "gated communities", die Abschiebegefängnisse, die Internierungszonen für Flüchtlinge an Flughäfen oder die Gefangenenlager im Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina - dass sich das Lager mittlerweile zum "neuen biopolitischen nomos des Planeten" entwickelt habe. Das kommt nicht von ungefähr, erklärt er, denn das Lager ist im modernen Prinzip der staatlichen Souveränität bereits angelegt. Der Souverän erscheint als paradoxe Figur, denn auf der einen Seite verkörpert er das Gesetz, die Norm, und auf der anderen Seite hat er das Recht, den Ausnahmezustand zu erklären. Der Bezugspunkt seiner Herrschaft ist dabei ganz direkt jedes einzelne Individuum der jeweiligen Gemeinschaft. Allerdings wird dieses Individuum gegenüber dem Souverän von all seinen konkreten Eigenschaften entkleidet - es ist, wie Agamben es nach einer obskuren Figur des römischen Rechtes nennt, "Homo sacer", nacktes Leben. Dieses nackte Leben - das eigentliche politische Subjekt der Neuzeit - entpuppt sich im Verhältnis zum Souverän ebenfalls als Grenzfigur. Da es jederzeit dem Ausnahmezustand unterworfen werden kann, befindet es gleichzeitig innerhalb und außerhalb der Rechtsordnung. Das Lager nun ist der Ort des Ausnahmezustandes par excellence, wo das bloße Leben in seiner ganzen Nacktheit zum Ausdruck kommt. Im Lager entblößt die Souveränität ihre verborgene Wahrheit. Die Vervielfältigung der Lager, die wir gegenwärtig erleben, rührt nach Agamben daher, dass der Ausnahmezustand derweil dazu tendiert, zur Regel zu werden. Ähnlich argumentieren im übrigen auch Michael Hardt und Toni Negri in Empire.
Agambens Buch ist so kompliziert wie unsystematisch, und er sagt überhaupt nichts darüber, welche konkreten Bedingungen denn ausgerechnet jetzt zu dieser dramatischen Verschiebung im Verhältnis von Norm und Ausnahme geführt haben. Seine Gedanken sind auch keineswegs neu und vieles lässt sich in weitaus durchdachterer Form etwa bei dem brillanten und völlig zu Unrecht vergessenen marxistischen Staatstheoretiker Nicos Poulantzas nachlesen. Dennoch legt Agamben den Finger auf eine Wunde und es lohnt sich, mit seinen Gedanken in Bewegung zu kommen. Denn es kann keinen Zweifel darüber geben, dass sich die Zonen der Rechtlosigkeit ausbreiten. Das gilt einerseits für die Gutbetuchten, welche sich in Shopping Malls, geschlossenen Siedlungen und Geländewagen selbst einsperren. Hier zeugt eine zunehmend lückenlose Architektur aus Videoüberwachung, Alarmanlagen und privatem Sicherheitspersonal vom Ausnahmezustand. Das gilt andererseits aber auch für das untere Ende der Gesellschaft - die Palette reicht von Lagern für Roma-Flüchtlinge in Deutschland, in die derweil sogar Schulen hineingebaut werden sollen, über die längst zu Kleinstädten gewordenen Flüchtlingslager der Palästinenser bis zu den Käfigen für "illegale Kämpfer" in Guantanamo. Mit Big Brother ist das Lager schließlich zur Unterhaltung geworden. Indem Agamben in Homo sacer den Zusammenhang zwischen Gesetz und Ausnahme freilegt, weist er darauf hin, dass es durchaus naiv wäre zu glauben, dass die schleichende Ausbreitung der Lager keine Auswirkung auf die "Normalität" unseres Lebens hat.
Tatsächlich steht diese Normalität inzwischen unter Dauerbeschuss, wie sich gerade wieder am Amoklauf des Robert Steinhäuser in Erfurt gezeigt hat. Wenn man Agamben hier weiterdenkt, dann gehört der junge Mann zu einer wachsenden Menge von quasi avantgardistischen Individuen - den Gangstern, den Warlords, den Ethnokriegern und den Selbstmordattentätern - die ein Höchstmaß an Souveränität dadurch erreichen, dass sie ihr nacktes Leben aufs Spiel setzen. Typen wie Robert Steinhäuser nehmen das Gesetz in die Hände, indem sie das Recht auf Intervention für sich beanspruchen. Zunächst machen sie eine bestimmte Gruppe von Menschen ohne Ansehen des einzelnen für die Perspektivlosigkeit der eigenen Situation verantwortlich. Mit ihrem "Eingreifen" verwandeln sie die Mitglieder dieser Gruppe schließlich in nacktes Leben und sich selbst für kurze Zeit in eine Art Mini-Souverän. Gleichzeitig sind solche Interventionen aber auch immer das, was Gilles Deleuze und Félix Guattari einmal als Massenmedienakt bezeichnet haben: Es handelt sich um Taten, die für ein Publikum inszeniert werden.
Viel ist nun darüber diskutiert worden, woher Steinhäuser die Legitimation für seinen Amoklauf genommen hat. Waren es die Videospiele? Die Musik? Die Gewaltdarstellungen im Fernsehen? Das Videospiel Counterstrike wurde zwar ständig erwähnt, doch niemand hat auf den Inhalt dieses Spiels geachtet - es geht darin nämlich um die Bekämpfung von Terroristen. Ist das nicht bemerkenswert in den Tagen des allgegenwärtigen "war on terrorism"? Zudem hat Steinhäuser auf die Frage, was er denn später werden will, einmal arrogant geantwortet: Politiker. Könnte es also sein, dass Steinhäuser sein Recht auf Intervention von einer Politik ableitet, die ununterbrochen den Ausnahmezustand erklärt? Einer Politik, die Gewalt für ein legitimes Mittel der Konfliktlösung hält und dabei das Gesetz bewusst missachtet? Nehmen wir das Beispiel Kosovo. Hier hat die NATO den Ausnahmezustand erklärt und sich selbst zu einer polizeilichen Intervention ermächtigt, die das Völkerrecht außer Kraft setzte. Dabei handelte es sich auch um einen Massenmedienakt, denn die Beteiligten haben selbstverständlich darauf geachtet, dass ihre Taten vor den Kameras im rechten Licht erschienen. Bereits anlässlich des Golfkrieges hatte Giorgio Agamben bemerkt, dass die Konsequenz der "Investitur des Souveräns zum Polizeibeamten" darin besteht, dass der Gegner kriminalisiert wird. "Heute", schrieb er damals, "gibt es auf der Welt kein Staatsoberhaupt mehr, das nicht in diesem Sinne potentiell ein Verbrecher wäre". Tatsächlich sind der Politiker und der Amokläufer zwei komplementäre Figuren in einem Szenario, in dem ohnmächtige Subjekte ihre Souveränität durch massenmedial inszenierte und kurzfristige Interventionen wiederherstellen wollen.
Dass so die Zerstörung der Normalität und der Norm zugunsten des Ausnahmezustandes immer weitergeht, dürfte klar sein. Nichts wird je in Erfurt wieder normal werden, betonten manche Kommentatoren im Fernsehen. Fast lustvoll beteiligen sich die Medien an der Expansion des Ausnahmezustandes, denn das Ereignis ist ja ihr Metier. Während in Erfurt die Normalität angeblich für immer verschwunden ist, hat der deutsche Staat seine Normalität zurückgewonnen, weil er nun endgültig sein Recht auf Intervention durchgesetzt hat. Das heißt tatsächlich nichts anderes, als dass der Ausnahmezustand zur Regel geworden ist. Normalität galt der revoltierenden Jugend in den fünfziger und sechziger Jahren als einschnürender und langweiliger Horror. Mittlerweile hat sich ein regelmäßiges, ruhiges Alltagsleben in ein begehrtes Gut verwandelt. Im geteilten Sarajevo verstand die Bevölkerung die Normalität geradezu als Mittel des Widerstandes gegen den Terror durch Artilleriebeschuss und Scharfschützen, wie die italienische Reporterin Sabina Fedeli damals beobachten konnte. Mehr und mehr entsteht Normalität in Selbstverwaltung - oft genug gegen den Staat. Wo der Staat zur Instanz der Zerstörung von Normalität wird, da müssen die Prozeduren des Gesetzes unbedingt verteidigt werden. Schließlich - und auch das macht Agamben deutlich - wird es in der Zukunft darum gehen, Modelle des Politischen jenseits des mörderischen Souveränitätsprinzips zu erfinden.

Mark Terkessidis ist freier Autor in Köln. Von ihm und Tom Holert erscheint im Herbst beim Verlag Kiepenheuer der Band: Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert.


S. auch die Rezension des Buches von Giorgio Agamben auf Seite 15


00:00 10.05.2002

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