Ein höherer Sinn

crime-watch Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach präsentiert absonderliche Fälle von "Verbrechen" aus seinem Arbeitsalltag

Sensationelle Mordfälle sind meistens ziemlich uninteressant. Vermutlich weil sie eher in die Kategorie „Klatsch Tratsch“ auf den Gesellschaftsseiten gehören als irgend etwas über die Signatur einer Zeit zu sagen. Oder aber seitdem verübt werden, seit es Homo sapiens gibt: Verbrechen aus Eifersucht, Gier, Liebe, Hass.

Man kennt dergleichen: Nette Menschen werden zu Mördern, Räuber können auch gute Gründe haben für ihre Taten. „True Crime“ heißt die Literaturform, die aus solchen „Fällen“ Texte macht, also sie spezifisch organisiert. Oder einen Schritt ins Fiktionale wagt.

Wenn also der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach aus dem Nähkästchen seiner absonderlichsten Fälle plaudert, dann ist man geneigt, eine gewisse Authentizität des Erzählten zu akzeptieren. Um so mehr, als Schirach für sein Story-Bändchen Verbrechen keine Anekdoten über seine diversen prominenten Mandate der letzten Jahre (Günter Schabowski oder Norbert Juretzko) ausplaudert, sondern Fälle wählt, die einen gewissen Drall ins Absurde und Abwegige aufzuweisen versprechen.

Die Geschichte vom biederen Provinzarzt, der eines Tages seine Frau mit dem Beil zerstückelt, weil er deren Gekeife und Generve nicht mehr aushält. Er hätte sich nicht scheiden lassen können, weil er durch ein Treueversprechen an die unholde Gattin gebunden war. Mord als besonders ethisches Verhalten also, als letzter Liebesbeweis, sozusagen.

Oder ein Mensch, der dringend Bankräuber werden musste, weil er wieder dringend in seine afrikanische Wahlheimat zurückkehren musste, um dort weiterhin Gutes tun zu können. Oder der junge Mann, der sich dringend dazu getrieben fühlt, Kannibale zu werden.

Sinnhaltig auch die Geschichte von einem japanischen Gentleman, der den Diebstahl einer uralten, seit ewig im Familienbesitz befindlichen Schale mit Mord und Folter ahndet. Oder der mutmaßliche Profikiller, der zwei eklig-brutale Hools, die ihn versehentlich angreifen, beiläufig, aber radikal und final aus dem Verkehr zieht.

Keine Frage, die Verbrechen, mit denen Ferdinand von Schirach zu tun hatte, weisen irgendwie alle eine höhere (oder niederere) Sinnhaftigkeit auf. Sie dienen weder der Profitmaximierung noch sind sie zufällige Kollateralschäden des alltäglichen Wahnsinns. Und sie dienen in von Schirachs Aufbereitung dazu, das Vertrauen in den Rechtsstaat, in unser Schuldstrafrecht und überhaupt das ganze Rechtssystem zu stärken. Vor allem dann, wenn man sich so einen kompetenten Strafverteidiger wie unseren Autor leisten kann. Und vorausgesetzt, man begeht Verbrechen mit Sinn.

Aber immerhin nennen sich von Schirachs Texte nicht Reportagen, sondern Storys. Sie wollen also mehr sein als causes célèbres für ein sensationsgeiles Publikum. Und tatsächlich bemüht sich der Anwalt um eine knappe, lakonische Erzählsprache, die nur durch kleine Ausrutscher in den bildungsbürgerlichen Klischeepfützchen sabotiert wird: „erlebte ich einen dieser seltenen Momente absoluten Glücks, die nur Musik uns ermöglicht“.

Der Erzähler schaut in die Köpfe seiner Personen, wenn es ihm opportun erscheint. Wenn nicht, fallen Erzähler und Autor zusammen – dann tritt der kluge, gebildete, sensible und allseits kompetente Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach auf und findet eine Lösung und steuert eine kleine Rechtsbelehrung oder einen Kommentar bei. Das ist noch nicht einmal unsympathisch, sondern manchmal nur behaglich und ein klein wenig unfreiwillig komisch.

Literarisch gelungen ist es eher weniger. Aber darum geht es Schirach gar nicht. Seine manchmal billige Polemik gegen Kriminalliteratur, bei der er doch nur die ganz schlechten Fernsehbeispiele im Auge hat, weil er etwas anderes nicht kennt, dient ja auch dazu, seine Überzeugung, dass Verbrechen sehr komplexe Vorgänge sind, zu propagieren.

Das weiß gute Kriminalliteratur aber schon lange. Und reagiert mit komplexer und brillanter Prosa seit Dashiell Hammetts Zeiten darauf. So gesehen, sind Ferdinand von Schirach ein paar schöne kriminologische Fallschilderungen gelungen, mehr nicht. Angesichts der Flut mieser Kriminalliteratur ist das aber auch fast schon wieder zu loben.

. Stories Ferdinand von Schirach, Piper, München 2009, 206 S., 16,95 Verbrechen

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12:20 24.09.2009

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