Ein Idealist gegen Clinton

Porträt Bernie Sanders will als strikter Gegner der Austeritätsdogmen Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten werden
Konrad Ege | Ausgabe 39/2015 5

Viel zu weit links, kann nicht gewinnen, zu alt, hieß es, als Bernie Sanders Ende April bekannt gab, er mache mit bei den Präsidentenvorwahlen der Demokraten. Nach jüngsten Umfragen – was immer die wert sein mögen so früh im Kampagnenzirkus – liegt der 74-Jährige inzwischen ganz vorn in den ersten Vorwahlstaaten Iowa (Votum am 1. Februar) und New Hampshire (9. Februar). Und das ist Sanders: „Die USA sind die reichste Nation der Weltgeschichte, und einige wenige Individuen kontrollieren beinahe den gesamten Reichtum.“ Er werde der „Klasse der Milliardäre“ klar machen, dass sie nicht alles haben könne.

Seinen Wahlkampfauftakt gab er im 40.000 Einwohner zählenden Burlington (Staat Vermont), wo Sanders Bürgermeister war von 1981 bis 1989. Seit 2007 vertritt er Vermont im US-Senat, von 1991 bis 2007 saß er im Repräsentantenhaus. Er hat immer als Unabhängiger kandidiert, oft mit dem selbstgewählten Etikett „demokratischer Sozialist“. Bis jetzt. Unabhängig zu sein, das funktioniert im kleinen Vermont. Präsidentenbewerber „dritter Parteien“ rangieren auf dem Abstellgleis. Die Grüne Jill Stein bekam 2012 0,4 Prozent.

Er trete an, um zu gewinnen, betont Sanders in Richtung der Skeptiker, die vor der finanziellen Übermacht Hillary Clintons warnen. Sanders ist freilich ein Anachronismus: Keine Hausmacht, kein Teleprompter, und ein Friseur wäre nicht schlecht. Beim Auftakt in Burlington hat ihm der Wind fast das Manuskript vom Pult geweht. Er klingt altmodisch, wenn er bei seinen Wahlreden die Zuhörer zuweilen „Brüder und Schwestern“ nennt. Sanders redet viel über Moral und Ethik. Er empört sich. In der rechtschristlichen Liberty-Universität von Virginia zitierte er den Ruf des biblischen Propheten Amos nach Gerechtigkeit, die wie ein mächtiger Strom fließen müsse.

Hillary Clinton produziert, wenn angebracht, einen ordentlichen Südstaatenakzent. Viele Politiker passen Ton und Akzent ihren Zuhörern an. Sanders kann das nicht. Sein rauer Akzent vom New Yorker Stadtteil Brooklyn, der sich nach den „einfachen“ Leuten anhört, die dort zu Hause waren, bevor der Bezirk zum Hipster-Paradies wurde, lässt sich nicht wegretuschieren. Dabei spricht der Politiker selten über Persönliches. Sanders‘ Vater Eli kam 1921 aus Polen, „ohne einen Pfennig in der Tasche“. Mutter Dorothy wuchs in bescheidenen Verhältnissen in New York auf. „Meine Eltern, mein Bruder und ich wohnten in einem kleinen mietpreisgebundenen Apartment in Brooklyn.“ Als Kind habe er erfahren, was es für eine Familie bedeutet, nicht genug Geld zu haben. Dass es Klassen gibt, habe er schon frühzeitig verinnerlicht.

Sanders sei ein „typischer amerikanischer Jude seiner Generation“, kommentiert tabletmag.com, ein Online-Magazin für jüdische Nachrichten, Ideen und Kultur. „Die Sanders wollten Mittelklasse-Amerikaner werden, während sie im Schatten des Holocaust lebten.“ 2013 habe Sanders den Geburtsort seines Vaters besucht, das Städtchen Slopnice. Die meisten seiner Vorfahren wurden von den Nazis ermordet. Er wisse, wie wichtig Wahlen sind, meinte Sanders bei einem Pressefrühstück im Juni: „Ein Kerl namens Adolf Hitler hat 1932 Wahlen gewonnen, und 50 Millionen Menschen kamen als Ergebnis dieser Wahlen im Zweiten Weltkrieg um, darunter sechs Millionen Juden.“

Bernie Sanders studierte Anfang der 60er Jahre in Chicago. 1963 wurde er bei einer Kundgebung gegen Segregation festgenommen. Laut Magazin Mother Jones war Sanders aktiv in der Young People‘s Socialist League, die sich für eine demokratische Kontrolle über die Produktionsmittel einsetzte, jedoch keine Zuneigung zur Sowjetunion verspürte. Die Football-Mannschaft der Socialist League nannte sich Budapest Eight in Erinnerung an den Ungarn-Aufstand von 1956. Nach dem Studium verbrachte Sanders mehrere Monate in einem Kibbuz in Israel, wo ihn vor allem die egalitäre Lebensweise beeindruckte.

In seine Wahlheimat Vermont stürzte sich Sanders in die Lokalpolitik. Mit minimalen Erfolgen, bis er es 1981 bei einem Vorsprung von nur zehn Stimmen zum Bürgermeister von Burlington schaffte. Für seine „Volksrepublik Burlington“ habe Sanders „die Schlaglöcher gefüllt und zur Revitalisierung der Innenstadt mit Wirtschaftsverbänden zusammengearbeitet“, schrieb Sanders demokratischer Senatskollege Patrick Leahy kürzlich in der New York Times.

Im Kongress zeigte er eine ähnliche Mischung aus „etwas Zustandebringen“ und idealistischer Ungeduld, die Kritiker als besserwisserisch empfinden mögen. Sanders kämpfte für eine zahnärztliche Krankenpflege von Kindern aus einkommensschwachen Familien, stimmte 1993 gegen das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, gegen den Irakkrieg, gegen Überwachungsgesetze, gegen Barack Obamas Paket zur Bankenrettung.

Vor vier Jahren haben ein paar Wagemutige in Manhattan den Zuccotti-Park besetzt und Occupy Wall Street ins Leben gerufen. Heute sind manche der Organisatoren fürs Sanders aktiv. Der Kandidat will die Wall Street stärker besteuern, verlangt radikalen Klimaschutz und ein Infrastruktur- und Job-Programm von einer Billion Dollar bis 2020.

Hillary Clinton hat viele Trümpfe im Ärmel. Anfang März sind Vorwahlen in sieben Südstaaten. Dort genießen die Clintons seit langem Loyalität, während der Name Sanders noch ein Fremdwort ist. Margaret Sullivan, die Ombudsfrau der New York Times, äußerte sich kritisch zur Wahlkampfberichterstattung ihrer Zeitung, die Sanders nicht ignoriert, aber doch zu selten ernst genommen habe. Autoren hätten sich mit ihren Texten über ihn lustig gemacht. Die NYT gilt als Inbegriff des Qualitätsjournalismus.

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