Ein Imperium am abgesperrten Meer

Poetische Stimme Litauens Der Dichter Tomas Venclova und die Schwierigkeiten der Übersetzung

Am Meer gelegnes bescheidnes Land", so frozzelte einst Joseph Brodsky, "mit eignem Schnee, Flughafen, Telefonen /und Juden." Der Zusatz "und Juden", den Brodsky in sein 1971 entstandenes Litauisches Divertimento einfügte, musste den Bewohnern des "bescheidnen Lands" wie bitterer Hohn in den Ohren klingen. Denn in Litauens Kapitale Vilnius, die man einst aufgrund der in ihr versammelten jüdischen Gelehrsamkeit das "Jerusalem des Nordens" nannte, war im Juni 1941 fast alles jüdische Leben vernichtet worden. In der Stadt, die damals die weltweit größte Bibliothek jiddischer Bücher beherbergte, wurden nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 200.000 Juden von den deutschen Okkupanten ghettoisiert und kurz darauf ermordet. Dass bei diesem Genozid der litauische Sicherheitsdienst massive Hilfsdienste geleistet hat, ist in Litauen bis heute ein Tabuthema, das noch immer die Gesellschaft polarisiert. Brodsky hatte sein Litauisches Divertimento, nachzulesen in seinem Band An Urania (deutsch 1994), dem Dichter Tomas Venclova gewidmet, einem lyrischen Wahlverwandten, bei dem er nach seiner parteioffiziellen Brandmarkung als "Parasit" immer wieder Zuflucht suchte.

Mit Brodsky und Venclova schlossen in den späten sechziger Jahren zwei Dichter ein poetisches Freundschaftsbündnis, die aus ihrer Abneigung gegenüber den Anmaßungen des Sowjetmarxismus keinen Hehl machten und sich dadurch staatlicher Verfolgung aussetzten. Während Brodsky nach seiner Abschiebung in die USA 1972 bald zum virtuosen Weltpoeten aufstieg, blieb sein Dichterfreund und Weggefährte Venclova auch nach seinem Gang ins amerikanische Exil ein Unbekannter. Im September 1937 im litauischen Klaipeda an der Ostsee geboren, erlebte Venclova als Kind die furchtbare Zuspitzung eines nationalen Traumas. Das kleine baltische Land war seit dem 16. Jahrhundert immer wieder zur Beute polnischer und russischer Großmachtansprüche geworden. Die Hauptstadt Vilnius, das hat der in Litauen geborene Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz einmal ausgerechnet, wechselte allein in den ersten vier Dezennien des 20. Jahrhunderts dreizehn Mal den Besitzer. Bis zur Proklamation der litauischen Republik im Jahr 1918 war das litauische Sprachgebiet zudem in drei Teile gespalten: Den größeren östlichen Teil hatte das russische Zarenreich vereinnahmt, der kleinere Teil lag in Preußen, die spätere Hauptstadt Wilno war polnisch. Die staatliche Unabhängigkeit endete jäh, als Litauen und das bis dahin polnisch dominierte Wilno im Geheimprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes Deutschland zugesprochen wurde. Nur wenige Wochen später erhielt die Sowjetunion durch eine zusätzliche Geheimklausel freie Hand in Litauen.

Dass Venclovas Vater, der Dichter, Kulturfunktionär und Stalinpreisträger Antanas Venclova, schon vor dem deutschen Einmarsch als Bildungs-Kommissar der sowjetlitauischen Regierung und nach 1945 als Präsident des litauischen Schriftstellerverbands der kommunistischen Elite zugehörte, wurde für den Lebensweg des Sohnes zur ungeheuren Belastung. Viele seiner litauischen Mitschüler sahen in dem jungen Tomas Venclova nur den Sohn des Mannes, der sein Land an die kommunistischen Unterdrücker verkauft hatte.

Als jüngster Student in der Geschichte der Universität Wilna begann er 1954 zu studieren, wurde aber nach dem Ungarn-Aufstand wieder relegiert. Mit dieser ersten Schikane beginnt die lange Geschichte von Venclovas ästhetischer und politischer Dissidenz, die aus dem Studenten bald einen unsteten poetischen Nomaden und freiberuflichen Übersetzer machte. Auf den Spuren seiner Vorbilder Achmatowa, Pasternak und Mandelstam bereiste er die Sowjetunion und kam in Moskau und Leningrad mit Regimegegnern wie eben Brodsky oder Aleksander Ginsburg in Kontakt. In dieser Zeit entstehen auch Venclovas erste Gedichte, in denen sich - ähnlich wie bei Brodsky - sehr früh ein metaphysischer Sound einstellt, eine lyrische Melange aus Lebenserzählung und geschichtsskeptischer Reflexion. "Tomas, wir sehen uns ähnlich, / sind im Grunde derselbe", heißt es denn auch in Brodskys Litauischem Notturno, einer weiteren Venclova-Reminiszenz: du, der von innen das Fenster beräuchert, und ich, den es trennt, / beide ein Amalgam, / sind wir spiegelbildlicher Grund eines einzigen Sees, / der nicht glänzt.

1972 konnte Venclova seinen ersten Gedichtband Zeichen der Sprache noch in Litauen veröffentlichen, fiel danach aber endgültig in Ungnade, als er sich für Bürgerrechtsbewegungen engagierte. 1977 erhielt er die Ausreiseerlaubnis in die USA, wo er zunächst durch die Vermittlung von Czeslaw Milosz eine Gastdozentur in Berkeley antrat, und gelangte 1980 nach Yale, wo er seither als Professor für osteuropäische Literaturen lehrt. Als Dichter blieb Venclova stets im langen Schatten Brodskys, der seinerseits für eine erste polnische Ausgabe der Gedichte Venclovas einen langen Porträt-Essay schrieb, der nun auch als Türöffner für den Dichter Venclova in Deutschland fungieren soll.

Als vor zwei Jahren der Hamburger Rospo-Verlag mit dem Venclova-Band Vor der Tür das Ende der Welt die erste deutschsprachige Ausgabe eines bedeutenden litauischen Dichters vorlegte, hatte man sich dazu entschlossen, den Brodsky-Essay der Auswahl als Nachwort beizufügen. Wer indes die Thesen dieses Essays an den deutschen Übertragungen der Venclova-Gedichte verifizieren will, muss mit beträchtlichen Irritationen rechnen. "Venclova ist ein hochgradig formaler Dichter", resümiert Brodsky und verweist auf Metrik, Reim und Versmaß als unaufhebbare Grundgesetze des Gedichts. Der Mandelstam-Übersetzer und Lyriker Ralph Dutli monierte daraufhin in seiner Rezension des Venclova-Bandes (FAZ, 18.04.2001) zu Recht, dass just jene Formgesetze in der deutschen Venclova-Übertragung des Slawisten Rolf Fieguth gründlich missachtet werden. Hinzu kommen die immanenten Schwierigkeiten dieser Übersetzung, der eine Interlinearübertragung von Claudia Sinnig-Lucas und eine russische Rohübersetzung von Venclova selbst zugrunde liegen. Wie viele Wege über Nachbarsprachen und übersetzerische Binneninstanzen hinweg kann ein Gedicht gehen, ohne dass es seine klangliche und semantische Identität verliert?

In der deutschen Venclova-Übertragung wird jedenfalls ein Dichter präsentiert, der in räsonierendem Parlando Rückschau hält auf ein in Schlaflosigkeit und Fremdheit verbrachtes Dasein. Die retrospektive Phantasie beschwört Städte herauf, die der nomadisierende Dichter durchquert hat, sie ruft Freunde und Weggefährten des Dichters in Erinnerung, imaginiert Schädelstätten der Geschichte. Und auch Joseph Brodsky wird an seinem Wohnort in Leningrad vergegenwärtigt: Was suchst du hier, Dichter? / Ein alter Balkon, ein verwischter / Text auf bröckelndem Putz, / Zu Staub gewordene Welt. / Gelöster gordischer Knoten, Mörtel, Asphalt, Dachziegel, / Schmutz im Hauseingang, Müll / auf den Treppen, offenstehende Tür. Als der Rospo-Verlag bald nach der Publikation des Venclova-Bandes die Segel streichen musste, rettete Michael Krüger aus der Konkursmasse das Venclova-Buch, das jetzt im Herbstprogramm von Hanser unverändert neu aufgelegt wird. Die Venclova-Gedichte erscheinen also weiterhin in freirhythmischem Gewand, nach Ansicht des Übersetzers ein legitimer "Notbehelf", da das semantische und klangliche Raffinement des Litauischen nicht adäquat zu transformieren sei.

Die Dilemmata dieser Venclova-Übersetzung verweisen auf eine grundlegende Schwierigkeit bei der Übertragung litauischer Poesie. Für die älteste lebende indogermanische Sprache existiert bis heute kein umfassendes systematisches deutsch-litauisches Wörterbuch, das um 1680 begonnene und 2.500 Seiten starke handschriftliche Wörterbuch, das 1945 in Ostpreußen wieder entdeckt wurde, ist nie fortgeführt worden.

Dass heute überhaupt von einer litauischen Dichtung gesprochen werden kann, verdanken wir einigen beherzten Schmugglern, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbotene Ware in das Ostsee-Land importierten. Es waren die sogenannten "Bücherbringer", die in Preußen gedruckte Bücher über die Grenze schmuggelten, da das Drucken von litauischen Büchern in lateinischer Schrift während dieser Zeit im Russischen Reich verboten war. Die litauische Dichtung existierte bis zu dieser Zeit nur in mündlicher Überlieferung. Erst mit dem Erwachen des litauischen Nationalbewusstseins, das sich ab 1850 im Herstellen von religiösen Traktaten oder Grammatiken in litauischer Sprache manifestierte, vollzog sich auch die Geburt der litauischen Poesie. Nach 1945 war Litauen im deutschen Kulturraum einzig durch die Dichtung Johannes Bobrowskis präsent, der die ostpreußischen und nordosteuropäischen Landschaften zu Bestandteilen seines Sarmatischen Divans erklärte. Bis heute gibt es gerade mal ein Dutzend Übersetzungen litauischer Dichter, die wir vor allem dem Athena Verlag aus Oberhausen verdanken. Das Schicksal der litauischen Dichtung wird aber wohl weiterhin Tomas Venclova repräsentieren, der Emigrant, der während der ersten 40 Jahre seines Lebens mit dem Paradox konfrontiert war, in einem Land mit verschlossenem Meer zu leben. So trifft der Dichter in einem ganz buchstäblichen Sinn vor seiner Tür auf das Ende der Welt: Der frühe Frost, der geht durch alle Wörter, / Versengt den Mund, versengt die Lungen / In dem Imperium am abgesperrten Meer.

Tomas Venclova: Vor der Tür das Ende der Welt. Gedichte. In der Übertragung von Rolf Fieguth. Mit einem Essay von Joseph Brodsky. Carl Hanser Verlag (Rospo Verlag), München 2002, 102 S., 13,90 EUR

00:00 11.10.2002

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